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Gebranntes Kind sucht das Feuer

6. Dezember 2001

Auszüge aus dem gleichnamigen Roman von Cordelia Edvardson

Natürlich hatte das Mädchen schon immer gewußt, daß etwas mit ihr nicht stimmte.
Sie war nicht wie die anderen. Mit ihr war ein Geheimnis verknüpft, ein sündiges, schändliches, dunkles Geheimnis. Nicht ihre eigene Sünde und Schande, nein, sondern etwas, wozu sie geboren und auserwählt, weswegen sie ausgesondert, abgesondert und abseits gestellt worden war.
Und darin fand sie ihren Stolz, um nicht zu sagen: ihren Hochmut. Ausgesondert, abgesondert und abseits gestellt worden sein, das hieß auch auserwählt sein! Auserwählt wozu? Gewiß nicht dazu, die goldene, strahlende, edelsteinbesetzte Krone einer Prinzessin zu tragen. Prinzessinnen waren gut, zart und blond mit blauen Augen. Das Mädchen wußte, daß sie das Gegenteil von einer Prinzessin war; ein dunkles, pummeliges, boshaftes und trotziges kleines Gör, das keineswegs in einem verzauberten Garten wohnte, sondern in einer dunklen Wohnung in Berlin-Siemensstadt. Oh, dieses frühe Dunkel!
Aber, tröstete sich trotzig das Mädchen, immerhin trug auch sie eine Krone, die Krone des Leidens, die Dornenkrone, die dem verliehen wird, der »ins Totenreich hinabgestiegen« ist. Denn dies war ihr Auftrag, ihre Berufung, und wie so häufig bei einer echten Berufung kam sie früh, sehr früh. Und das Mädchen hörte, sah und gehorchte. Sie, die die Macht und die Herrlichkeit besaß, hatte zu ihr gesprochen.
Als das Mädchen noch ein hilfloses kleines Kind mit nachdenklichen, traurigen braunen Augen war, einem Erbteil ihres jüdischen Vaters, pflegte die Mutter den Kopf auf das Strickjäckchen über der Brust des Kindes zu legen, um Trost und Hilfe zu suchen. »Strickbrüstchen« hieß dieser Ritus. Die Mutter, die alleinstehende, die geplagte und von ihren Gesichten vergewaltigte, las ihrem Kind ein Gedicht vor, ein kleines Lied von den eisigen Winden der kalten, dunklen Welt draußen, von dem Vögelchen, das im Nest Schutz unter den Fittichen der Mutter sucht, und von dem Kind, das geborgen in den Armen der Mutter liegt. Und die Mutter an der Brust des Kindes, denn das schuldlose, unschuldige Kind ist die Zuflucht der Mutter, ihre Rettung und ihr Opferlamm.

Das Mädchen hatte einen Vater bekommen, und das Stigma, an dem sie trug, war von ihr genommen, ausgelöscht worden - behauptete man. Doch als sie einen Roman las, worin von Aussätzigen die Rede war, untersuchte sie wochen- und monatelang verzweifelt ihre Handflächen. Sie glaubte in der Hand den kleinen weißen Fleck zu entdecken, der dem Roman zufolge das erste Anzeichen der Krankheit war, die den Träger dazu verurteilte, ein Gehaßter, Gefürchteter und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßener »Unreiner« zu sein. Sie wußte, daß etwas nicht stimmte, unabänderlich falsch war. Doch jetzt, da die Familie in ihrem trauten Eichkatznest saß und Vater, Mutter, Kind spielte, jetzt, da das Mädchen eingeschult war und Kind unter anderen Kindern sein sollte, jetzt fiel es ihr schwer, das Gefühl der Auserwähltheit aufrechtzuerhalten. Sie war hin und her gerissen zwischen dem Stolz darüber, »anders« zu sein, einem Stolz, der immer zweifelhafter wurde, und der hoffnungslosen Wunsch, dazuzugehören, so zu sein »wie alle anderen«. Es war tatsächlich hoffnungslos - wie damals, als sie so gern in den BDM eingetreten wäre.

Eine junge BDM-Führerin war im Klassenzimmer erschienen, stolz und rank und schlank stand sie in ihrer braunen Uniform vor den Kindern, im Nacken einen schweren blonden Haarknoten und mit vor Begeisterung leuchtenden Augen. Sie sprach zu den Acht- bis Neunjährigen von der Freude, für ein gemeinsames Ziel, das Wohl des Vaterlandes, zu arbeiten, sprach von hohen Idealen, Reinheit und Opferwillen. Sicherlich gab es in diesem Klassenzimmer keine, die ihre Worte mit der gleichen Bereitwilligkeit aufnahm wie das Mädchen. Vor allem war es wohl die Mahnung zur Aufopferung, die sich an ihre tiefsten Instinkte wandte. Vor der Wandlung kommt das Opfer als unerläßliche Voraussetzung. Danach konnte man womöglich sogar rein, rank und schlank und blond und blauäugig werden.
Dem Mädchen war eine neue Berufung widerfahren. Freudestrahlend eilte sie heim, um den Eltern ihren Entschluß in den BDM einzutreten, mitzuteilen. »Kommt gar nicht in Fragel« lautete die knappe Antwort. Das Mädchen begann zu betteln und zu argumentieren, Mutter und Stiefvater wurden böse, aber auf eine andere, unbegreiflichere Art als sonst. Schließlich lag das Mädchen heulend im Zimmer der Mutter auf dem Sofa, diesmal verbarg sie ihre Verzweiflung nicht, diesmal konnte sie sie kundtun, denn sie war berechtigt und legitim. Diesmal war es nicht ihre Schuld, jetzt wollte sie ja so sein wie alle anderen, nur noch mehr (»alle andern dürfen ja mitmachen«, war ihr stärkstes Argument gewesen), und jetzt durfte sie nicht. Das Mädchen fühlte sich hilflos verwirrt, alle Auswege waren versperrt. Als sie sich erbot, eine in Reih und Glied zu werden und taktfest und diszipliniert dem Ziel entgegenzumarschieren (links, zwei, drei, vier, links, links), da verweigerte man es ihr; stand sie aber wie üblich abseits, beobachtend, Abstand nehmend, dann hieß es: »Warum kannst du nicht mit den anderen Kindern zusammensein, sein wie sie!« Immer war es falsch, weil etwas an ihr falsch war, unheilbar falsch.(...)

Als der Judenstern kam ... das klingt wie »als die Schule anfing« oder »als es Herbst wurde«, so selbstverständlich und völlig undramatisch, der gewohnte Gang des Lebens. Kann man es nicht auf andere Art sagen, gibt es keine anderen Worte? Nein, nicht für das Mädchen, der Judenstern war nur eine dieser Unbegreiflichkeiten, die ihr Leben zu einem schwankenden -Moorboden machten, die sie gleichzeitig aber akzeptierte und als natürlich und unvermeidbar hinnahm. Sie hatte gelernt, daß alles passieren konnte, was auch immer und wann auch immer und aus unerklärlichen Gründen.
Als Sternträgerin muß sie. das Heim jetzt endgültig verlassen. Sie sieht ein, daß sie für die ganze Familie zu einer tödlichen Bedrohung geworden ist, das Kuckucksjunge muß aus dem Nest geworfen werden. Jedes Haus und jede Wohnung, wo ein Jude wohnt, muß mit einem Judenstern aus Papier gekennzeichnet werden, der an die Haustür zu kleben ist. Das vereinfacht die Arbeit, wenn die grauen, mit Planen abgedeckten Lastautos ihre Ernte einsammeln. Das Mädchen lernt schnell sie zu erkennen, späht vorsichtig um die Ecke, bevor sie in eine neue Straße ausweicht. Straßen - Angst, Angst - Straßen.
Der Judenstern an der Tür warnt, wie die Schelle der Aussätzigen, vor der Seuche, die das Mädchen hat.(...)

Kurze Zeit darauf wird das Mädchen zu Cordelia Garcia Scouvart, einer Spanierin mit echtem spanischem Paß, spanischer Staatsangehörigkeit und einem spanischen, in den Paß eingestempelten Einreisevisum.
Die Mächte in ihrem Leben, die Mutter und die Kirche, hatten sie aus dem Rachen des Todes gerissen - vorläufig, ihr ist nur noch eine kurze Frist vergönnt, aber das wissen sie nicht. (...) Die Wirklichkeit schlug ihre Klauen in die Mutter, vermochte aber nicht ihren Glauben an die eigene magische Allmacht zu erschüttern, mit deren Hilfe sie die Tochter doch noch würde retten können. jetzt handelte sie mit der wütenden Kraft und dem Mut einer Tigerin, deren Junges bedroht ist.
Nicht weit von der Kirche entfernt, wohin die Mutter zur Messe ging, lag ein deutsches Lazarett, und unter den verwundeten deutschen Soldaten gab es auch ein paar Spanier aus der symbolischen Streitmacht die Franco Hitler geschickt hatte, vermutlich als Dank für die Hilfe während des Bürgerkrieges. Der Mutter war ein junger spanischer Offizier aufgefallen, der regelmäßig die Messe besuchte; dieser hübsche und wahrscheinlich fromme, junge Mann sollte ihre Tochter retten, entschied sie.
Das Mädchen war überhaupt nicht erstaunt, als sie hörte, daß der junge Mann nach nur einem einzigen Gespräch mit der Mutter auf der Stelle das Anerbieten gemacht hatte, mit dem Mädchen eine Scheinehe einzugehen, eine Ehe, die ihr die spanische Staatsangehörigkeit verschaffen würde. Da die Vierzehnjährige aber noch nicht das gesetzliche Heiratsalter erreicht hatte, wurde aus diesem Plan nichts, und um das Mädchen adoptieren zu können, war der junge Mann noch nicht alt genug. Jedenfalls war er es, der die Mutter auf die Spur einer uralten Dame führte, die bei München in einem Schloß wohnte. Es hieß, die Alte sei die letzte bayerische Kronprinzessin und stamme selber aus spanischem Königsgeschlecht, vielleicht könne sie helfen. Die Mutter fuhr nach München und fand eine alte, hilflose Frau vor, die in ständiger Angst vor ihrer nazistischen Schwiegertochter lebte, einem namhaften Mitglied des Deutschen Frauen-Bundes. Aber die Mutter fand auch das treue spanische Dienerpaar der Alten, Köchin und Gärtner, die sich bereit erklärten, das Mädchen zu adoptieren und zu retten.
Das Märchen wurde wahr. Nachdem alle Formalitäten hastig erledigt worden waren und man dem Mädchen während einer feierlichen Zeremonie in der spanischen Gesandtschaft die spanische Staatsbürgerschaft verliehen hatte, konnte sie den Judenstern ablegen. (...)

Es war ein so schöner Herbsttag im Wald gewesen, »im schönen, deutschen Wald«. Das Mädchen und der Onkel waren hinausgefahren, um Pilze und Beeren zu pflücken, und zusammen mit Onkel Heini konnte das Mädchen zur Ruhe kommen, ausruhen. Er redete nicht ständig auf sie ein, verlangte nichts, erweckte keine Gefühlsstürme, sondern bot ihr geruhsame Wärme und Freundlichkeit. Zeitweilig konnte er sogar mit hintersinnigen Scherzen und einem halberstickten Lachen überraschen.
Als sie abends mit ihrer Ernte heimkamen, lag ein Zettel auf dem Küchentisch mit der Aufforderung, bei den Eltern reinzuschauen, selbst wenn es spät werden sollte. Das Mädchen ahnte sofort nichts Gutes, was hatte sie jetzt wieder angestellt?(...)
Gleich beim Betreten des Zimmers suchte der Blick des Mädchens das Gesicht des Stiefvaters. Das Benehmen der Mutter gab meistens keinen Aufschluß über den Ernst der Sitaution. Da ihr jeder Sinn für Proportionen fehlte, konnte sie genauso verzweifelt und außer sich sein, wenn das Dienstmädchen gekündigt hatte, wie wenn sich ihre beste Freundin das Leben nahm - jedenfalls für den Augenblick.(...)
Die äußeren Anzeichen beim Stiefvater verstand das Mädchen hingegen mit Leichtigkeit zu deuten. Die in Wut zusammengebissenen Kiefer, die blauen, in Qual vor Sich hin starrenden Augen, die Stirnfalten, die den brennenden Kopfschmerz verrieten - all das war jetzt zu sehen, und das Mädchen wußte. Es mußte viel schlimmer sein, als sie geglaubt und geahnt hatte.
Schweigend reichte die Mutter ihrem Bruder einen Brief in Maschinenschrift auf Behördenpapier, eine Aufforderung, sich im Hauptquartier der Gestapo einzufinden. Sie betraf das Mädchen, aber die Mutter hatte bereits beschlossen, ihre Tochter zu begleiten - so weit, wie sie es vermochte.
Wie stets war das Mädchen sehr stolz auf die schöne, elegante Mutter, die an diesem Tag einen weißen Leinenmantel und eine große, schwarze Lacktasche trug. Das große, graue Haus, das Hauptquartier der Gestapo, und das hallende Stiefelgetrampel der SS-Männer, wenn sie die breiten Marmortreppen hinauf- und hinunterliefen, erschreckten sie jedoch, alles erinnerte allzusehr an die Höhle des Drachen. Mutter und Tochter suchten in den langen Korridoren ihren Weg bis zu dem Zimmer Nr. soundso. Doch kaum hatten sie das Zimmer betreten, schwand die Furcht des Mädchens dahin, der Beamte, der sie bestellt hatte, trug keine Uniform, es war ein kleiner, magerer Mann mit dünnem Schnurrbart und Brille. Höflich bot er der Mutter einen Stuhl an, das Mädchen jedoch mußte stehen, während er erklärte, worum es ging. Ja, die Sache sei die, daß das Mädchen ja einen gültigen spanischen Paß nebst Einreisevisum habe, dagegen lasse sich von deutscher Seite nichts einwenden, er war nahe daran, »leider« zu sagen, merkte aber, daß es überflüssig war. Doch nun sei es so, daß auch ein deutsches Ausreisevisum nötig sei, und ein Ausreisevisum werde es sicherlich nicht geben. »Wie ich sehe, tragen Sie keinen Judenstern«, sagte er zu dem Mädchen gewandt. Noch war es keine Anklage, nur eine Feststellung. Das Mädchen notierte mit großer Genugtuung, daß er die Anrede »Sie« verwandt hatte; es war das erstemal, daß man sie siezte, offensichtlich galt sie also als erwachsen. Trotzdem war es die Mutter, die erklärte, man habe ihr auf der spanischen Botschaft versichert, daß das Mädchen als spanische Staatsbürgerin nicht unter die deutschen Rassengesetze falle und somit auch nicht gezwungen werden könne, den Judenstem zu tragen, insbesondere auch deshalb nicht, weil sie als Katholikin geboren sei. »Das mag ja sein«, erwiderte der Beamte langmütig, »aber«, und wieder wandte er sich direkt an das Mädchen, »wir haben hier ein Dokument ausgefertigt, das wir Sie zu unterzeichnen bitten.« Das Dokument entpuppte sich als eine im Namen des Mädchens ausgestellte Erklärung, daß sie die doppelte Staatsangehörigkeit akzeptiere, somit die deutsche neben der spanischen behalte, und sich ferner den deutschen Gesetzen einschließlich der Rassengesetze nebst Anwendung auf ihre Person freiwillig füge. Dies schließe das Tragen des Judensterns und einen eventuellen künftigen »Abtransport« in den Osten ein.
Unsicher sah die Tochter die Mutter an, und ihr Blick traf auf eine weiße Maske, worin der allzu rote Mund wie eine Wunde glühte. Von der Mutter war im Augenblick keine Unterstützung zu erwarten, das wurde dem Mädchen sofort klar. Große Angst überkam sie, doch wie immer kam ihr der Trotz zu Hilfe. O nein, so leicht würde das nicht gehen, nein, nicht wieder den Judenstern, »Abtransport in den Osten« klang zwar auch nicht gut, aber mit dem Judenstern hatte sie Erfahrung. Das Mädchen entschloß sich, »die kesse Berlinerin« zu spielen, "eine Rolle, die sie schon früher mit Erfolg kreiert hatte. »Ich bitte darum, meine Botschaft anrufen zu dürfen«, teilte sie dem Beamten mit und fand, es klinge erwachsen und beeindruckend, schließlich hatte er sie ja gesiezt. Hinter den Brillengläsern blitzte es auf, und der Schnurrbart zuckte wie von unterdrücktem Lachen: »Bitteschön, mein Fräulein, hier ist das Telefon!« Entgegenkommend hob er ihr den Apparat hinüber, und sie hatte schon die Hand auf den Hörer gelegt, als er fortfuhr, und jetzt spie der Drache Feuer - »Aber«, und dies klang wie ein Peitschenhieb, »aber wenn Sie nicht auf der Stelle unterzeichnen, dann müssen wir Ihre Mutter belangen!« Er erklärte dem Mädchen, die Mutter habe die spanische Adoption der Tochter arrangiert, um die deutschen Gesetze zu umgehen und sich ihnen zu entziehen, was als ernstes Vergehen betrachtet werden könne, als Landesverrat, Hochverrat und etwas Drittes, woran das Mädchen sich später nicht mehr erinnerte. Falls das Mädchen jedoch jetzt unterzeichne, sei ja noch kein Schaden geschehen, dann ließe sich bei dem Fehltritt der Mutter Nachsicht üben. »Und«, fügte er sicherheitshalber hinzu, »Sie sind sich ja wohl der Tatsache bewußt, daß Ihre Mutter Halbjüdin ist.«
Wieder sah das Mädchen die Mutter an und begegnete dem Blick der schönen, braunen Augen, Augen, die vor Intensität strahlen, das Mädchen verzaubern konnten, die aber jetzt randvoll waren von stummem, hilflosem Schmerz. Niemand sagte etwas, nichts brauchte gesagt zu werden, es gab keine Wahl, hatte nie eine gegeben, sie war Cordelia, die ihr Treuegelöbnis hielt, sie war auch Proserpina, sie war die Auserwählte, und nie hatte sie dem Herzen ihrer Mutter nähergestanden. Die Kehle schnürte sich ihr zu, aber schließlich brachte sie es heraus: »Ja, ich unterschreibe.«
Der Drache, jetzt satt und zufrieden, wurde wieder zu einem fast freundlichen Beamten und gab zum Abschied die Auskunft: »Und jetzt können Sie ins Zimmer gegenüber gehen und sich dort einen neuen Judenstern abholen, er kostet 50 Pfennig.«