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Politik

Gedenken an einen "leidenschaftlichen Europäer"

21. Juni 2017

Im rheinland-pfälzischen Landtag erinnern Politiker aller Fraktionen an das Vermächtnis Helmut Kohls. Weniger einig sind sich unterdessen die Familienangehörigen des verstorbenen Altkanzlers.

Frankreich Deutschland Geschichte Helmut Kohl bei Francois Mitterrand in Verdun Frankreich
Über den Gräbern von Verdun demonstrieren Helmut Kohl und Francois Miterrand die deutsch-französische VersöhnungBild: picture-alliance/Sven Simon

An diesem Mittwoch beginnt die Plenarsitzung in Mainz mit einer Schweigeminute. Still gedenken die rheinland-pfälzischen Abgeordneten dem jüngst verstorbenen Helmut Kohl, der in ihrem Bundesland geboren und aufgewachsen ist.

"Bei allem und vielleicht zuerst war Helmut Kohl ein leidenschaftlicher Europäer", sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer im Anschluss an die Schweigeminute. Er habe die klare Vision eines freien und vereinten Europas der Staaten vor Augen gehabt. Dadurch sei er nicht nur zum Architekten, sondern zusammen mit den europäischen Nachbarn auch zum "Baumeister der Europäischen Union" geworden, meint die SPD-Politikerin.

Errungenschaften eines "Jahrhundertpolitikers"

Dreyer würdigte zudem Kohls Beitrag zur deutschen Vereinigung. Er habe das Misstrauen der europäischen Nachbarn, der US- und der russischen Regierung überwunden. Dies sei ihm gelungen, weil er glaubwürdig für die Überzeugung gestanden habe, dass Deutschland immer nur im Verbund mit seinen europäischen Nachbarn stark sei.

Stilles Gedenken im Landtag von Rheinland-Pfalz - Kohls HeimatbundeslandBild: picture-alliance/dpa/T. Silz

Die Landeschefin der rheinland-pfälzischen CDU, Julia Klöckner, nannte Kohl einen "großen Staatsmann" und "Jahrhundertpolitiker". Als er am Freitag gestorben sei, habe das Land für einen Moment still gestanden, weil ein "ganz Großer" gegangen sei. "Die Welt wäre eine andere, wäre er nicht gewesen", sagte Klöckner. Dabei mag sie auch die Szene im Kopf gehabt haben, als Kohl und der französische Präsident Francois Mitterand sich 1984 über den Gräbern von Verdun die Hände reichten (Artikelbild). Das bild ging als Symbol der deutsch-französischen Versöhnung um die Welt.

Der langjährige Kanzler war am Freitag im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen gestorben. Bundesregierung, CDU und Unionsfraktion verabschiedeten sich mit einer großen Traueranzeigen von dem langjährigen Kanzler. "Mit Helmut Kohl verliert Deutschland eine herausragende Persönlichkeit, die wie wenige die jüngere politische Geschichte unsere Landes maßgeblich geprägt hat", hieß es darin. Eine weitere Würdigung erschien im Namen der CDU. Darin schreibt Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihr Amtsvorgänger Kohl hinterlasse "ein politisches Vermächtnis, das auf immer in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Bestand haben wird". Die Gedanken seien "in dieser schweren Stunde bei seiner Ehefrau Maike Kohl-Richter sowie allen Angehörigen".

Ehrung um Ehrung

Im Bundestag wollen die Abgeordneten am Donnerstag an den Altkanzler erinnern. Dafür habe Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sein Kommen angekündigt, teilte das Bundespräsidialamt mit. Auch beim EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag soll Kohls Andenken eine Rolle spielen. So wollen die Staats- und Regierungschefs eine kurze Würdigung in ihre Abschlusserklärung aufnehmen.

Zwei, die gut miteinander auskamen: Bill Clinton und Helmut KohlBild: Getty Images/AFP/J. Naltchayan

Dass Kohl ein Staatsmann war, der nicht nur Deutschland, sondern auch Europa geprägt hat, da sind sich dieser Tage auch europäische Politiker einig. Deshalb wollen sie ihn in der kommenden Woche mit einem europäischen Trauerakt in Straßburg würdigen - eine Ehre, die bislang noch keinem Staats- oder Regierungschef zuteil wurde. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums sollen im Straßburger Europaparlament unter anderem Angela Merkel, der französische Präsident Emmanuel Macron, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der frühere US-Präsident Bill Clinton sprechen.

Danach soll der Leichnam mit einem Hubschrauber der Bundespolizei zunächst in Kohls Heimatstadt Ludwigshafen geflogen werden, von wo aus er weiter nach Speyer überführt wird. Im Schatten des Doms von Speyer wird der langjährige Kanzler dann schließlich beerdigt. Nach Angaben des dortigen Bistums geschieht das auf eigenen Wunsch von Helmut Kohl.

Eklats im Hintergrund?

Einen zusätzlichen nationalen Staatsakt soll es nicht geben. Vielmehr berichtete das Nachrichtenmagazin "Spiegel", Merkel habe nach dem Willen von Kohls Witwe ursprünglich nicht einmal bei dem Trauerakt in Straßburg reden sollen. In ersten Gesprächen mit Merkel habe Maike Kohl-Richter vorgeschlagen, dass ausschließlich ausländische Gäste bei der Feier sprechen sollten, darunter auch Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, der zu den Wortführern gegen Merkels Flüchtlingspolitik zählt. Erst als Vertraute vor einem Eklat warnten, sei Kohl-Richter von den Überlegungen abgerückt. Ihr Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner wies diese Darstellung allerdings zurück.

Vor verschlossenen Türen: Kohls Sohn Walter und dessen Kinder Bild: picture-alliance/dpa/B. Roessler

Derweil scheint auch ein familiärer Streit zu eskalieren. So versuchte Kohls ältester Sohn Walter nach eigener Darstellung in das Haus seines Vaters in Ludwigshafen zu gelangen. Daraufhin sei er von der Polizei auf ein Hausverbot hingewiesen worden. Holthoff-Pförtner warf Walter Kohl vor, einen Eklat nur zu inszenieren. Der langjährige Anwalt und Vertraute Kohls sagte der Deutschen Presse-Agentur, er habe bereits das Gespräch mit Walter Kohl gesucht, um die Abläufe der Trauerfeierlichkeiten zu bereden und zu klären, wie sich die Söhne und Enkel von Helmut Kohl verabschieden könnten. Diesem Gespräch habe sich Kohls ältester Sohn jedoch entzogen.

nin/sti (dpa, afp, kna)

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