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KonflikteSudan

Gekaufte Loyalität: Söldner und Überläufer im Sudan

Diana Hodali
12. Juni 2026

Die RSF-Miliz erhält Unterstützung durch kolumbianische Söldner, Kämpfer wechseln die Fronten, die Bevölkerung leidet: Wie externe Geldgeber und brüchige Loyalitäten den Krieg im Sudan beeinflussen.

Vertriebene Sudanesen im Flüchtlingslager Um Yanqur nach dem Fall von Al-Faschir
Viele Menschen sind aus Angst vor der Miliz RSF aus Al-Faschir geflohenBild: AFP

Als Sudans Armeechef Abdel Fattah al-Burhan kürzlich öffentlich den Ex-Kommandeur der Rapid Support Forces (RSF), Al-Nour Ahmed Adam, bekannt auch als Al-Nour Al-Qubba, in den Reihen der sudanesischen Armee begrüßte, war das einer der bislang prominentesten Seitenwechsel des Sudan-Krieges. Dieser hat das Land längst in hart umkämpfte Einflusszonen aufgesplittet:

Während die Armee (SAF / Sudan Armed Forces) Khartum, Port Sudan sowie große Teile des Ostens und Zentrums kontrolliert, hält die mit ihr verfeindete RSF-Miliz weite Gebiete im Westen des Landes, insbesondere in Darfur - darunter die Stadt Al‑Faschir.

Kommandeur Al-Nour Al-Qubba blieb nicht der einzige Überläufer: Wenige Wochen später folgte mit Ali Rizq Allah, bekannt auch als Al-Savannah, ein weiterer hochrangiger RSF-Kommandeur.

Human Rights Watch (HRW) überprüfte nach eigenen Angaben Videos, die beide Überläufer während der Belagerung von Al‑Faschir zeigen sollen. Die Organisation dokumentierte dort schwere Verbrechen der RSF unter ihrem Anführer General Mohamed Hamdan Daglo gegen Zivilisten während der Einnahme der Stadt im Oktober 2025.

Bereits seit Kriegsbeginn 2023 wirbt Armeechef Burhan um Überläufer aus den Reihen der RSF. Schon damals bot er Kämpfern der Miliz eine Amnestie an, falls sie ihre Waffen niederlegen. Ob dies auch für die jüngsten Überläufer gilt, konnte Human Rights Watch nicht überprüfen.

Für Mohamed Osman, Sudan-Experte von Human Rights Watch, darf ein Seitenwechsel in keinem Falle Straffreiheit bedeuten. "Wer für schwere Verbrechen verantwortlich ist, bekommt keinen Freifahrtschein, nur weil er die Seiten wechselt", sagte er. Die Opfer hätten Anspruch auf Gerechtigkeit.

Die jüngsten Überläufe könnten nach Einschätzung der Konfliktbeobachter der Organisation ACLED ("Armed Conflict Location & Event Data Project") auf wachsende Spannungen innerhalb der RSF hindeuten. Die Organisation sieht "Risse in den zentralen Bündnissen der Miliz". Als Grund nennt ACLED schwindende Ressourcen und zunehmende Konkurrenz um die verbliebene Kriegsbeute.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sollen die RSF-Miliz mit Waffen versorgen, die VAE bestreiten dies aberBild: Rapid Support Forces (RSF)/AFP

Die Übertritte zur sudanesischen Armee fallen in eine Phase, in der die RSF zugleich weiter auf Unterstützung von außen bauen kann. Die Frontlinien verlaufen zwar durch den Sudan. Die Verbindungen, die den Krieg am Laufen halten, reichen jedoch weit über die Grenzen des Landes hinaus.

Zu den Unterstützern der RSF sollen nach Einschätzung von Fachleuten Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Äthiopien, Libyen, Tschad und Kenia gehören. Die ebenfalls mit Vorwürfen von Menschenrechtlern konfrontierte sudanesische Armee (SAF) wird dagegen von Ägypten, Saudi-Arabien, der Türkei und Eritrea unterstützt. Auch der Iran steht im Verdacht, im Sudan Militärhilfe geleistet zu haben, ebenfalls für die reguläre Armee.

Vorwürfe gegen Vereinigte Arabische Emirate

Besonders häufig fällt allerdings der Name der Vereinigten Arabischen Emirate. US-Geheimdienste gehen laut einem Bericht des Wall Street Journal davon aus, dass Abu Dhabi der RSF-Miliz chinesische Drohnen, Kleinwaffen, schwere Maschinengewehre, Artillerie, Mörser und Munition hat zukommen lassen. "Der Krieg wäre vorbei, wenn es die VAE nicht gäbe", sagte Cameron Hudson, ehemaliger Stabschef mehrerer US-Sondergesandter für Sudan, dem Wall Street Journal vor einigen Monaten. "Das Einzige, was die RSF noch in diesem Krieg hält, ist die überwältigende militärische Unterstützung, die sie von den VAE erhält."

Auch Amnesty International fand 2025 Hinweise darauf, dass Waffenlieferungen an die RSF "mit hoher Wahrscheinlichkeit" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammen.

Die Emirate weisen diese Vorwürfe regelmäßig zurück. Salem Aljaberi, Staatsminister für Sicherheits- und Militärangelegenheiten, erklärte seinerzeit, die Vorwürfe von AI seien "haltlos" und entbehrten belastbarer Belege.

Kämpfer aus Kolumbien

Doch die Vorwürfe gegen die Emirate beschränken sich inzwischen nicht mehr auf Waffenlieferungen und logistische Unterstützung der RSF. Ende Mai veröffentlichte Human Rights Watch (HRW) den Bericht "Von Bogota nach Al-Faschir". Auf 83 Seiten zeichnet die Organisation nach, wie Hunderte kolumbianische Söldner offenbar seit 2024 für den Krieg im Sudan rekrutiert wurden. Nach Angaben von HRW soll die Anwerbung über die in Abu Dhabi ansässige Sicherheitsfirma Global Security Services Group (GSSG) erfolgt sein. Die Männer seien anschließend in den Sudan entsandt worden, um an der Seite der RSF zu kämpfen.

"Glücklicherweise waren die kolumbianischen Söldner nicht besonders zurückhaltend in den sozialen Medien", sagte Joey Shea von HRW im Interview mit dem US-Politmagazin Democracy Now. Über TikTok-Konten und andere öffentlich zugängliche Inhalte habe die Organisation zahlreiche Informationen sammeln und die Männer auf Militärgeländen der VAE verorten können, bevor sie in den Sudan entsandt worden seien.

Vertriebene sudanesische Familien suchen Schutz Bild: Stringer/Anadolu/picture alliance

Für den Bericht sprach HRW mit zwei kolumbianischen Militärdienstleistern, die in den Sudan entsandt worden waren, einem Ex-Mitarbeiter von GSSG, Bewohnern von Al-Faschir sowie weiteren Quellen. Die Organisation wertete außerdem Unternehmensunterlagen, offizielle Dokumente sowie Fotos und Videos aus. Einige dieser Aufnahmen zeigen nach Angaben der Organisation kolumbianische Kämpfer gemeinsam mit RSF-Einheiten im Sudan. Andere dokumentieren Trainingsaufenthalte auf Militäranlagen der Vereinigten Arabischen Emirate.

"Unsere Untersuchung zeigt, dass die in Abu Dhabi ansässige Firma GSSG offenbar Hunderte kolumbianische Kämpfer angeworben hat, die anschließend an der Seite der RSF kämpften - einer bewaffneten Gruppe, der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden", sagte Shea.

Warum Kolumbianer? Dem Bericht zufolge sollen ehemalige kolumbianische Soldaten als besonders attraktiv für solche Einsätze gelten, weil sie über umfangreiche Kampferfahrung verfügten und häufig an US-Waffensystemen ausgebildet worden seien. Die Verbindung reicht laut HRW bis ins Jahr 2011 zurück, als die VAE nach den Recherchen der Menschenrechtler damit begonnen haben sollen, eine mehrere hundert Mann starke Einheit aus ausländischen Kämpfern aufzubauen, zu der auch Kolumbianer gehörten.

Für HRW-Vertreterin Shea ist die Unterstützung der RSF durch die Emirate seit Jahren nachgewiesen. "Die Rolle der VAE bei der Finanzierung, Bewaffnung und militärischen Unterstützung der RSF ist wiederholt dokumentiert worden", sagte sie in dem Interview. "Trotzdem haben bis heute weder die EU noch die USA oder Großbritannien die Emirate öffentlich dafür kritisiert."

Bereits Wochen zuvor hatte die Sicherheitsanalyse-Organisation Conflict Insights Group anhand von Mobiltelefondaten die Spur kolumbianischer Kämpfer bis nach Darfur verfolgt. Die Untersuchung führte unter anderem zu einer Militäranlage im emiratischen Ghayathi. Die Männer sollen Teil einer Einheit namens "Desert Wolves" gewesen sein, die von dem ehemaligen kolumbianischen Oberst Álvaro Quijano geführt wurde. Die USA und Großbritannien belegten ihn später wegen der Rekrutierung kolumbianischer Kämpfer für den Sudan mit Sanktionen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate bestreiten auch in diesem Kontext die ihnen vorgeworfene Unterstützung der RSF. Man fordere vielmehr "einen sofortigen Waffenstillstand" und sehe "die Zukunft Sudans nicht in einer Militärjunta", sagte Anwar Mohammed Gargash, Berater des emiratischen Präsidenten, gegenüber Reuters Ende 2025.

70.000 Menschen getötet 

Die jüngsten Überläufer aus den Reihen der RSF, die immer wiederkehrenden Vorwürfe gegen die VAE und die Recherchen zu kolumbianischen Kämpfern zeigen, wie weit dieser Krieg inzwischen über die Frontlinien hinausreicht. Für die betoffenen Menschen im Sudan macht das jedoch kaum einen Unterschied, sie sind und bleiben die Hauptleidtragenden des Krieges. In Al-Faschir dokumentierten Menschenrechtsorganisationen Massentötungen und weitere schwere Übergriffe auf Zivilisten; eine UN-Untersuchungsmission sprach später von Ereignissen, die "die Kennzeichen eines Völkermords" trügen.

Gleichzeitig sprechen Hilfsorganisationen von der größten Vertreibungskrise weltweit. Rund zwölf Millionen Menschen sind auf der Flucht, knapp 20 Millionen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit,  allein in Al-Faschir sollen bis zu 70.000 Menschen getötet worden sein. Das Welternährungsprogramm bezeichnet die Lage im Sudan als die größte Hungerkrise der Welt.

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