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Musik

James Levine wird 75

Rick Fulker
23. Juni 2018

Vier Jahrzehnte war er Musikdirektor an der Metropolitan Opera in New York. Wegen der Anschuldigung des sexuellen Missbrauchs endete seine Karriere unerwartet. Das Opernhaus und der Maestro streiten jetzt vor Gericht.

Dirigent James Levine
Bild: Getty Images/AFP/M. Medina

Im März 2018 kündigte die "Met" ihre langjährige Zusammenarbeit mit James Levine auf. Wegen Vertragsbruchs und Diffamierung zog der Dirigent sofort vor Gericht. Daraufhin kam eine millionenschwere Gegenklage wegen Rufschädigung und Pflichtverletzung. Jahrelang soll Levine seine Position dazu benutzt haben, junge Männer sexuell zu missbrauchen oder zu belästigen.

Der Dirigent weist alle Vorwürfe zurück. Nachdem die New York Post und danach die New York Times im Dezember 2017 darüber berichtet hatten - dieselbe Zeitung, die den Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein aufgedeckt hatte - kamen weiter Fälle an die Öffentlichkeit.

Der Rechtsanwalt der Metropolitan Opera befragte in einer internen Untersuchung 70 Personen. Details kamen ans Licht, die Vorwürfe erhärteten sich. Es gebe "glaubwürdige Beweise", dass der Dirigent junge Musiker sexuell missbraucht habe, teilte das berühmte Opernhaus im März 2018 mit. Auch das Boston Symphony Orchestra, das Levine von 2004 bis 2011 leitete, distanzierte sich daraufhin von seinem einstigen Musikdirektor.

Levine wurde durch "Fantasia 2000" der Disney-Studios auch zum FilmstarBild: picture-alliance/United Archives/IFTN

Die Missbrauchs-Vorwürfe reichen bis in die späten 1970er Jahren zurück. "Alle haben es irgendwie gewusst", ist ein Satz, der immer wieder in Musikerkreisen in Bezug auf Levine laut wird. "Jeder im Klassikbetrieb hat zumindest seit den 1980er Jahren über Levine in Verbindung mit sexuellem Missbrauch gesprochen", sagte Greg Sandow, Dozent an der Julliard School, dem Nachrichtendienst AP im Dezember 2018. "Man hätte das schon vor Jahrzehnten untersuchen sollen."

Auch vor seiner Amtsübernahme als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker 1999 waren diesbezügliche Gerüchte so hartnäckig aufgetaucht, dass die Grünen einen Antrag im Stadtrat stellten, die Anstellung von Levine zu unterbinden.

Musikbesessenheit und Talent

Musikalisch galten seine Münchner Jahre von 1999 bis 2004 nach wie vor als Glücksfall. Der Dirigent habe "neuen Glanz in die Münchner Philharmonie" gebracht, lobte die "Süddeutsche Zeitung" damals.

James Levine, der am 23. Juni 1943 in Cincinnati, Ohio/USA geboren wurde, war schon als Kind musikbesessen. Als kleiner Junge inszenierte er Opern in einem kleinen Guckkasten, nahm die Stricknadel seiner Großmutter als Taktstock und dirigierte zur Musik im Radio.

Der Kanadier Yannick Nézet-Séguin, Levines Nachfolger an der Met, übernimmt das Amt nun zwei Jahre früher als geplantBild: picture-alliance/AP Photo/M. Rourke

Mit zehn Jahren gab er sein erstes Konzert als Pianist, lernte an der Juilliard School in New York und debütierte dann mit 18 Jahren als Dirigent. 1964 wurde er Assistent von Georges Szell, Dirigent beim Cleveland Symphony Orchestra. Von 1965 bis 1972 unterrichtete Levine als Dozent am Cleveland Institute of Music. Von 1973 bis 1993 war er Musikdirektor des Ravinia-Festivals des Chicago Symphony Orchestra.

1971 dirigierte James Levine Puccinis "Tosca" an der New Yorker Metropolitan Opera, zwei Jahre später wurde er zum Chefdirigenten ernannt, und diente anschließend als Musikdirektor und künstlerischer Leiter an der "Met". Mehr als vier Jahrzehnte blieb er dort und dirigierte über 2.500 Aufführungen mit 85 verschiedenen Opern. 175 davon sind beim Streamingdienst auf der Webseite des Hauses abrufbar.

Star-Ruhm und Publicity

1983 erschien James Levine als "Amerikas Top-Maestro" auf der Titelseite vom "Time"-Magazin. Er war der bestbezahlte Klassikmusiker im Land: 2006 betrug sein Jahreseinkommen 3,5 Millionen US-Dollar.

Er machte die Metropolitan Opera zu einem der bekanntesten Opernhäuser der Welt – auch durch die Fernsehübertragungen "Live from the Met", die inzwischen auch in europäischen Kinos Highlights sind. Und er nahm das Opernorchester immer wieder mit auf weltweite Tourneen.

Levine bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 1992Bild: Imago/Leemage

Auch bei den Bayreuther Festspielen trat er fast jedes Jahr von 1982 bis 1998 auf, leitete dort hoch gelobte Aufführungen von Wagners "Parsifal". Seine Deutung des vierteiligen Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen" war so außerordentlich, dass die Produktion seinerzeit als "Levine-Ring" in die Festspielgeschichte einging. Geradezu narkotische Wirkung habe Levines musikalisches Konzept, schrieb damals das deutsche Wochenmagazin "Die Zeit".

Levine habe "pure Schönheit, mit sattesten, sinnlichsten Klangwirkungen" erschaffen. Auch bei den Wiener Philharmonikern und bei den Salzburger Festspielen war er regelmäßig zu Gast. "Levine the Divine" wurde er genannt: Levine, der Göttliche, wegen seiner klaren, gradlinigen und stets textgetreuen Interpretationen. Musiker nannten ihn "Jimmy" und beschrieben ihn zwar als fordernd, aber auch als herzlich, fair und loyal.

Sturz vom Podest des Stardirigenten

Die Geschichte des Star-Dirigenten James Levine ist jedoch auch die Geschichte eines Niedergangs - nicht nur wegen des neuerlichen Skandals. 2013, nach zweijähriger Abwesenheit und mehreren Rückenoperationen, wagte er sein Comeback - im Rollstuhl. Es fehlte ihm nicht am Selbstbewusstsein: "Jetzt fühle ich mich stärker denn je, ich bin eben ein wandelndes Wunder."

Dennoch: Er litt im fortgeschrittenen Stadium an der Parkinson-Krankheit und konnte nur noch mit Hilfe von Assistenten dirigieren. 2016 trat er als Musikdirektor der "Met" zurück, behielt jedoch den Titel "Ehrenmusikdirektor" und blieb Leiter eines Jugendförderprogramms.

Bei den Münchner Philharmonikern, 1996Bild: picture-alliance/dpa/A. Dedert

Sämtliche Ämter und Anerkennungen wurden dem Dirigenten inzwischen aberkannt. Nur fünf Jahre ist es her, seitdem die Tageszeitung "Die Welt" schrieb: "Nach Leonard Bernstein war und ist James Levine der einzige, genuin amerikanische Dirigent mit weltweit legendärem Ruhm. Ein amerikanischer Traum, der nicht aufhören darf."

Zu seinem 75. Geburtstag scheint der Traum des James Levine ausgeträumt zu sein.

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