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Goethe und das Geld

1. September 2009

Was Mephisto und die Finanzkrise miteinander zu tun haben – Auszüge aus dem Festvortrag der Literaturkritikerin Sigrid Löffler zur Verleihung der Goethe-Medaillen am 28. August 2009 im Residenzschloss zu Weimar

Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler bei den Feierlichkeiten zur Verleihung der Goethe-Medaille Foto: Martin Schutt dpa/lth +++(c) dpa - Bildfunk+++
Sigrid Löffler bei den Feierlichkeiten zur Verleihung der Goethe-MedailleBild: picture-alliance/ dpa

Beginnen wir, dem heutigen Datum zu Ehren, mit einem Zitat, das Sie alle kennen. "Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an."

Es war ein Glückskind, das da geboren wurde. Kaum verwunderlich, dass dieses Glückskind seine Lebenserzählung "Dichtung und Wahrheit" mit dem Lobpreis der glücklichen Konstellation seiner Geburtsstunde anheben lässt.

Zu den Glücksumständen in Goethes Leben zählte auch dies: Er war der Sohn reicher Eltern; er erbte später ein beträchtliches Familienvermögen; er war als Spitzenbeamter seines Staates auch ein Spitzenverdiener, der zeitlebens fürstlich bezahlt wurde. Darüber hinaus war Goethe in seinem Nebenberuf als Schriftsteller einer der erfolgreichsten und bestbezahlten Autoren seiner Zeit: Er galt als harter Honorar-Verhandler und war als solcher der Schrecken seiner Verleger.

Goethe als Millionär

Reich und berühmt: Der DichterfürstBild: picture-alliance / dpa


Als er mit fast 83 Jahren starb, war er ein schwerreicher Mann, ein steinreicher Mann sowieso, Stichwort: Mineraliensammlung. Trotz seiner aufwändigen Lebenshaltung hinterließ Goethe bei seinem Tod beträchtliche Vermögenswerte: Nebst seinem Wohnhaus am Frauenplan, seinem Gartenhaus an der Ilm, ferner Immobilien, Kunst-, Münz- und Naturaliensammlungen vererbte er vor allem ein Kapital in Höhe von 58.000 Reichstalern. Hinzu kamen seine Autoren-Honorare. Sein gesamtes literarisches Einkommen hat man auf 140.000 Taler geschätzt. Sein Geldvermögen in toto mag sich auf einen heutigen Wert von sieben bis siebzehn Millionen Euro belaufen haben.

Sie sehen: Goethe musste sich sein Leben lang über Geld keine Gedanken machen. Gleichwohl hat er, wie der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch feststellt, "über kaum etwas anderes – Gott und Teufel, Natur und Liebe eingeschlossen – so intensiv nachgedacht wie über das Geld".

Geld war für Goethe ein Faszinosum: Er hat, wie wir wissen, sogar in der Lotterie gespielt, auch wenn sein Los Nr. 7666 der Hamburger Staatslotterie im Jahr 1797 offenbar nichts gewonnen hat. Goethe hat viel Zeit, Energie und Reflexionskraft in das Nachdenken über die Eigenarten des Geldmediums investiert – und das auch, aber nicht nur aus beruflichen Gründen: Schließlich war er über zehn Jahre lang Wirtschafts- und Finanzminister am Weimarer Hof – und dieses Ministeramt hat er wohl aufgrund seiner besonderen Kenntnisse nationalökonomischer Literatur erhalten, namentlich seiner Kenntnis der Lehren von Adam Smith und Justus Möser.

Begütert, gebildet, weitgereist: 'Goethe in der Campagna', Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins Gemälde von 1786/87Bild: picture-alliance / akg-images


Göttliches Geld, teuflisches Geld

Es sind vornehmlich vier Aspekte, die Goethe laut Hörisch am Geld faszinierten. Erstens erblickte Goethe im Geld den sichtbaren Gott – scheinbar nicht viel anders als später Karl Marx. Oder als noch viel später der Formel-1-Chef Bernie Ecclestone, der neulich in einem Interview feststellte: "Geld ist die wahre Weltreligion." Da redete einer ganz im Vollgefühl eines Vulgär-Materialismus, der sich seiner tieferen Herkünfte nicht mehr bewusst ist.

Für Goethe ist Geld – anders als der verborgene Gott – ein "offenbares Geheimnis" – ein Zeichen, dem übernatürliche Kraft zukommt. "Mithilfe dieses bloßen Zeichens und des Glaubens an die Kraft und Gültigkeit dieses Zeichens kann es gelingen, ganze Wirklichkeiten zu verändern, zu schaffen, zu stimulieren oder auch zu ruinieren", schreibt Hörisch.

Goethe erkannte, dass Geld religiöse Beglaubigungsstrategien beerbt – und sie zugleich zersetzt. Geld ist also erstens göttlich, zweitens aber zugleich auch teuflisch. Vergessen wir nicht, dass es in "Faust Zweiter Teil" Mephisto ist, der als der eigentliche Erfinder des Papiergeldes auftritt. Und vergessen wir auch nicht, dass Goethe als frühem Leser von Adam Smith dessen dialektisches Argument geläufig war, wonach das böse, das teuflische Geld positive Auswirkungen hat. Es transformiert private Laster wie Egoismus, Geiz, Gier und Gewinnstreben in öffentliche Tugenden – eben in "The Wealth of Nations".


Geld oder Liebe

Der dritte Aspekt des Geldes, über den Goethe intensiv nachdachte, ist seine Künstlichkeit: "Geld ist das Medium der künstlichen Knappheit, die die natürliche Knappheit der Ressourcen und der Güter anzeigt und eben dadurch überwinden hilft." So gesehen, hat Goethe einen Keynesianischen Gedanken vorweggenommen, wonach der moderne Kapitalismus unablässig an der Überwindung des Menschheitsproblems der Knappheit von Gütern und Ressourcen arbeite.

Bild: bilderbox/DW

Der vierte Aspekt des Geldes ist Goethe zufolge seine Auswirkung auf die Liebe. In der Geldkultur unterliegt auch die Liebe der Verknappung, denn Geld zieht viel Libido auf sich – und damit vom Menschen ab.

Goethe hat sich also nachweislich sein Leben lang – theoretisch, praktisch und auch poetisch, wie wir gleich sehen werden – intensiv mit ökonomischen Fragen befasst, auch mit der Geldtheorie. Er stand in Kontakt mit führenden deutschen Ökonomen seiner Zeit, er rezipierte schon früh und sehr eingehend und kritisch ihre Theorien, er studierte die Lehren von Adam Smith und Justus Möser bis hin zu Saint-Simon, er bedachte die Auswirkungen der finanz- und wirtschaftspolitischen Umwälzungen seiner Zeit auf das menschliche Verhalten, "auch im Sittlichen".

[...]

Papiergeld zeugt Inflation

Der Philosoph Adam Smith (1723-1790)Bild: Adam Smith Institute

Zum unsicheren und riskanten Phänomen "Papiergeld" hatte Goethe eine sehr nüchterne Einstellung. Von Anfang an war er sich der Zweischneidigkeit dieses wirtschaftspolitischen Instruments bewusst. Als standardisierte und allgemein akzeptierte Verrechnungseinheit stellt Papiergeld ein sehr bequemes Tauschmittel dar. Denn durch den Übergang vom Münz- zum Papiergeld und damit zum Kreditwesen kann die physische Knappheit des Goldes überwunden und die monetäre Basis verbreitert werden.

Die Geldmenge ist nicht länger an den knappen Bestand von Edelmetallen gekoppelt; wenn die Geldmenge zunimmt, die in Umlauf kommt, führt dies zu einer ungeheuren Dynamisierung der Wirtschaftsweise, zur Erhöhung des Warenumsatzes und damit des Sozialprodukts; die Wirtschaft wird angekurbelt und kann wachsen. Mächtige Wirtschaftskräfte werden entbunden, das Papiergeld hat eine schier unglaubliche Fähigkeit, wirtschaftlichen Wert zu schaffen.

Einerseits.

Andererseits ist der Preis, den wir für ein Papiergeldsystem zahlen, die Inflation. Neu geschaffenes Geld muss investiert, muss in Wertschöpfung umgesetzt werden. Geschieht dies nicht, wird dieses Angebot an neuem Geld nicht kontrolliert und in ein vernünftiges Verhältnis zum realen Wachstum gesetzt, dann kommt es zur Inflation.

Geld und Magie

Inflation inbegriffen: Papiergeld der 1920er JahreBild: picture-alliance/ dpa


Geldscheine sind schließlich nichts als Papierzettel, bedruckt mit Ziffern und Unterschrift. Banknoten sind virtuelles Geld, sie sind bloße Zeichen. Allein der Glaube an die Kraft und Gültigkeit dieser Zeichen ist allerdings imstande, Wirklichkeit zu schaffen und zu verändern. Das Papiergeld ist ein Bemächtigungsmittel für künftige Güter. Banknoten sind also Glaubens- und Vertrauenssache. Ihnen eignet ein Moment des Irrationalen, mit Goethe gesprochen: der Magie.

[...]

Ohne die Finanzwelt dämonisieren zu wollen, sind doch die Beimischungen von magischem Denken in der spätmodernen Finanz-Industrie nicht zu übersehen. Da wird nicht nur mit Risiken, sondern auch mit Unsicherheiten Handel getrieben – und zwar einzig im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit von Risiko-Berechnungen und die Prognostizierbarkeit künftigen Marktverhaltens. Wir alle sind Augenzeugen geworden, wie mit unvorhersehbaren und damit unkalkulierbaren künftigen Ereignissen Handel getrieben wurde, im irrationalen und frivolen Vertrauen darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird.

Was wäre die Kommerzialisierung von bodenloser Unsicherheit, wie sie uns etwa im Handel mit Kredit-Derivaten entgegentritt, anderes als magisches Denken? Was wäre der Glaube an Wahrscheinlichkeitsrechnung und Risiko-Kontrolle angesichts unkalkulierbarer Unsicherheit anderes als eine Art von magischer Weltbemächtigung? Was wäre die Beschwörung des Vertrauens in eine Zukunft, deren Unvorhersehbarkeit bloß rechnerisch wegmodelliert worden ist, anderes als ein Rückfall in magische Denkmuster?


"Faust II" und die Krisensymptome

Peter Sloterdijk hat die Krisensymptome der Panik-Ökonomie, in der wir leben, anschaulich beschrieben. Er hat gezeigt, mit welch illusorischen, surrealen Wertberechnungen in der Finanzmarkt-Krise operiert wird; er hat deutlich gemacht, welche riesenhaften und phantasmagorischen Pseudo-Vermögen dabei virtuell angehäuft, nämlich: an der Börse fingiert wurden. Angesichts all dieser Krisensymptome ist es kaum verwunderlich, dass Goethe, der Geld-Dichter, plötzlich in aller Munde ist, genauer gesagt: Goethe, der Geld- und Reichtums-Dichter des ersten und des fünften Aktes von "Faust II". Wo sollte man zum Stichwort Magie auch eher fündig werden als in der Papiergeld-Szene des ersten Aktes und in den Szenen der Neuland-Gewinnung im fünften Akt?

Beides – die Verwandlung von Papier in Geld und die Verwandlung von Wasser in Land – sind bei Goethe magische Vorgänge, beide sind teuflisch inspiriert und haben Züge des Phantasmagorischen, Trügerischen und Schwindelhaften. Nicht zufällig geschieht ja die Schöpfung des Papiergeldes, um die Staatsfinanzen des bankrotten Kaisers zu sanieren, im Rahmen eines Mummenschanz- und Gaukel-Spiels bei Hofe. "Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn", befiehlt der Kaiser mit frivoler Leichtfertigkeit.

Die Drahtzieher des Projekts sind denn auch zwei windige Finanz-Jongleure: die beiden Magier, Mephisto und Faust, die sich unter falscher Identität in die Kaiserpfalz geschwindelt haben. Kaum verwunderlich also, dass den Geldscheinen etwas Scheinhaftes und Gauklerisches anhaftet.

"Und auf Vernichtung läufts hinaus"

Zwar wird der kaiserliche Hofstaat mit einem Schein des Reichtums, mit den "Zauber-Blättern" des grenzenlos vermehrten Papiergelds, geradezu überschüttet; zwar wird durch das Papiergeld die zerrüttete Wirtschaft des Reichs gespenstisch effektvoll angekurbelt. Aber die beiden Geld-Gaukler haben dem Kaiser einen falschen Reichtum in die Hände gespielt. Die umlaufende Geldmenge wird schlagartig und uferlos erhöht, doch geschieht dies durch schwindelhafte, ungedeckte Schuldverschreibungen. Eine solche Geldschöpfung aus dem Nichts, ohne reale Wertschöpfung, ist Trug und Täuschung. So wie der Karneval zu Ende geht, so ist auch das Ende dieser karnevalistischen "Zauber-Blätter" abzusehen: Die Inflationskatastrophe ist vorprogrammiert.

Bei Goethe ist Mephisto der eigentliche Erfinder des modernen Papier-Geldes. Und Mephisto ist es auch, der Fausts Landgewinnungsprojekt vor der Meeresküste ins Werk gesetzt hat, mithilfe der Drei Gewaltigen, seiner wüsten Handlanger, einer dämonischen Garde von Gewalttätern: Raufebold, Habebald und Haltefest. [...]. Jeden Augenblick kann das große Werk durch eine Flutkatastrophe vernichtet werden. Und in der Tat wird diese immanente Zerstörung von Mephisto bereits hämisch vorausgesagt:

Gustaf Gründgens als Mephisto im Faust II (1959)Bild: AP

"Du bereitest schon Neptunen

Dem Wasserteufel, großen Schmaus.

In jeder Art seid ihr verloren

Die Elemente sind mit uns verschworen,

Und auf Vernichtung läufts hinaus."

Ein gewaltiges Werk, das vom erfinderischen, unternehmerischen und rücksichtslos risikobereiten Menschen zwar ausgedacht, geplant und umgesetzt, nicht aber kontrolliert werden kann – wem kommen da nicht die systemischen Krisen der Weltrisikogesellschaft in den Sinn, mit denen wir es heute immer öfter zu tun bekommen? Krisen, die das Resultat des Versagens menschengemachter Technologien und sozialer Institutionen sind.

Das Böse in der Weltrisikogesellschaft

Wo die Gesellschaft zu Goethes Zeiten noch mit Naturgefahren konfrontiert war, die jederzeit plötzlich hereinbrechen können, müssen wir uns nun zunehmend mit Gefahren auseinandersetzen, die wir selbst heraufbeschworen haben, aber nicht beherrschen können. Auch in der Finanz-Industrie greift dieses Paradoxon: Komplexe Finanzprodukte wurden geschaffen, um gegen künftige Risiken abzusichern. Indessen sind es ebendiese Finanz-Instrumente selbst, die neue Risiken erzeugen. Wenn der Glaube an sie erschüttert wird, dann funktionieren sie auch nicht mehr.

Die Moderne selbst generiert also spezifische Risiken, die sich von Zeit zu Zeit manifestieren und die Welt in einen Zustand der kollektiven Krise versetzen. Es sind die unbeabsichtigten Nebenfolgen von Technologien, die sich nicht mehr meistern lassen. Die Menschen in der Weltrisikogesellschaft sind weniger damit beschäftigt, die Natur zu zähmen und zu beherrschen, sie haben vielmehr alle Hände voll zu tun, die Nebenfolgen der Technologien in den Griff zu bekommen, mit denen sie eigentlich die Natur kontrollieren wollten.

So ist das Soziale auf einmal auf neue und komplexe Weise – und auf magische Art – mit der Natur verflochten. Solange einzig Gewalt, Gier und Geiz – Raufebold, Habebald und Haltefest – die Baumeister sind, die die Dämme gegen künftige Risiken und Gefahren errichten, solange ist es dem Bösen anheim gestellt, diese Dämme jederzeit einzureißen. Goethe wäre davon nicht überrascht gewesen.