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Grönland: Trumps "Stück Eis" als Echo kolonialer Geschichte

Brenda Haas
2. Februar 2026

Trumps Beschreibung Grönlands als "Stück Eis" erinnert daran, dass Kolonialmächte mehrfach Land einfach als "unbewohnt" oder "nicht genutzt" einstuften und dabei die indigene Bevölkerung ausblendeten.

Beleuchtete Häuser am verschneiten Ufer, im Hintergrund schneebedeckte Berge
Die Inuit vertreten die Ansicht, dass Menschen zwar Häuser besitzen können, aber kein Land - eine Überzeugung, die im Widerspruch zu Donald Trumps Kaufversuch Grönlands steht Bild: Marko Djurica/REUTERS

Als US-Präsident Donald Trump Grönland auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos kürzlich als "ein Stück Eis" bezeichnete, sorgte diese Bemerkung für Unmut: Grönland ist seit fast fünf Jahrtausenden bewohnt und Heimat von über 56.000 Menschen, die überwiegend von den Inuit abstammen.

Seine Definition spiegelte die seit langem bestehende Praxis von Kolonialmächten wider, die eigenen Vorstellungen von Landbesitz auf bereits bewohnte Gebiete zu übertragen und dabei die bereits etablierten lokalen Systeme zu ignorieren.

Inuit-Familie mit Sommerzelten um 1901 Bild: Glasshouse Images/picture alliance

Hier offenbart sich eine tiefe Kluft zwischen zwei sehr unterschiedliche Arten, die Bedeutung und Nutzung von Land zu verstehen.

Die Inuit in Grönland betrachten Land als gemeinschaftliches Eigentum und nicht als Privateigentum - eine Vorstellung, die im grundlegenden Widerspruch zu Trumps Wunsch steht, das Land zu kaufen oder auf andere Weise zu erwerben.

 In vielen indigenen Gesellschaften sahen sich die Menschen als Verwalter des Landes. Sie gingen jagen und betrieben Landwirtschaft, lebten im Einklang mit der Natur, respektierten die Erde, Flüsse und Seen und pflegten die Stätten ihrer Vorfahren.

Die europäischen Imperien hingegen betrachteten Land als Eigentum: einen definierten Vermögenswert, der beansprucht, gekauft oder zwischen Staaten übertragen werden konnte. Ländereien, die nicht den europäischen Vorstellungen von Landnutzung entsprachen, wurden als "ungenutzt", "wild" oder "unbewohnt" bezeichnet und standen somit zur Verfügung.

Seit 1970 begehen die United American Indians of New England den National "Day of Mourning" (Trauertag), der mit Thanksgiving zusammenfälltBild: Sue Dorfman/ZUMAPRESS.com/picture alliance

Eine Studie aus dem Jahr 2023 in der Zeitschrift "Australian Historical Studies" zeigt, dass britische Beamte im 18. Jahrhundert den Begriff "unbewohnt" für ein Land ohne souveränen oder "zivilisierten" Staat verwendeten - nicht für ein Land ohne Menschen. Das bedeutete, dass Gemeinschaften möglicherweise schon seit Jahrtausenden dort lebten, fischten, Landwirtschaft betrieben oder Ortsnamen vergaben - und dennoch nicht als "Bewohner" galten.

Die europäische Sichtweise beeinflusste die Art und Weise, wie Staaten die Kontrolle über verschiedene Regionen rechtfertigten. Hier sind vier Beispiele:

Alaska: Indigene ohne Mitspracherecht beim Verkauf 

US-Schatzamtsanweisung über 7,2 Millionen Dollar für den Kauf von Alaska Bild: Circa Images/picture alliance

1867 kauften die USA für 7,2 Millionen Dollar Alaska vom Russischen Reich, damals etwa zwei Cent pro 4000 Quadratmeter. US-amerikanische Zeitungen verspotteten den Deal, der vom damaligen US-Außenminister William H. Seward eingefädelt wurde, als "Sewards Torheit" und nannten Alaska abfällig "Sewards Eiskammer" oder sogar "Eisbärengarten". Erst später wurde der Kauf als einer der strategisch wichtigsten Landerwerbe der Vereinigten Staaten von Amerika eingestuft, reich an Gold, Öl, Holz und Fisch.

Die Vereinbarung zwischen den USA und Russland wurde jedoch ohne Rücksprache mit den Ureinwohnern Alaskas getroffen, deren Vorfahren seit mindestens 10.000 Jahren in dieser Region lebten.

In ganz Alaska organisierten indigene Gemeinschaften ihr Leben rund um die saisonalen Lachsläufe, die Jagdgebiete für Wale, Robben und Walrosse, die Beeren-Erntegebiete und die Flussrouten. Außerdem gab es Orte von kultureller Bedeutung und solche, die den Ahnen gewidmet waren.

All diese Gebiete unterlagen Regeln und Verantwortlichkeiten, die sich über Generationen hinweg entwickelt hatten. Nichts davon findet sich im Kaufvertrag wieder. Er behandelte Alaska als Territorium, das zwischen Imperien ausgetauscht werden konnte; die bestehenden Landnutzungssysteme der indigenen Bevölkerung interessierten nicht.

Australien: Der Mythos der "terra nullius"

Mehr als ein Jahrhundert lang bezeichneten die britischen Behörden Australien als "terra nullius", lateinisch für "Niemandsland", obwohl dort seit mindestens 60.000 Jahren die Aborigines lebten.

Seit 2004 macht "The Long Walk" in Australien auf Ungerechtigkeiten gegenüber der indigenen Bevölkerung aufmerksamBild: Str/dpa/picture alliance

Die Ureinwohner verstehen "Land" als ganzheitliches Konzept, das Land, Gewässer, Himmel, Pflanzen, Tiere und die Verantwortung gegenüber den Vorfahren umfasst. Ihre Praktiken - darunter das Anlegen kleiner, geplanter Feuer zur Beseitigung trockener Vegetation, das Wandern mit den Jahreszeiten und der Schutz von Wasser- und Nahrungsquellen - sorgten dafür, dass die Natur intakt blieb.

Dieses Vorgehen unterschied sich deutlich von der europäischen Landwirtschaft. Auch wurden die Aborigines nicht an bestimmten Orten sesshaft. Für britische Beamte war das im 18. Jahrhundert der Beweis, dass es keine erkennbare Regierung gab. Sie erklärten den Kontinent unter Berufung auf britische Rechtstraditionen, die Souveränität mit zentraler Autorität verband, zur "terra nullius" (Niemandsland).

Diese Auffassung blieb bis 1992 australisches Recht; dann hob das höchste Gericht des Landes, der High Court of Australia, es auf. Zugrunde lag der Fall "Mabo and Others versus Queensland", bei dem mehrere Aborigines geklagt hatten. Erstmals wurden nun die traditionellen Landrechte der indigenen Australier anerkannt.

Nordamerika: Mobilität versus "Verbesserung"

Als im 17. Jahrhundert europäische Siedler in großer Zahl in den Osten und das Herz der heutigen Vereinigten Staaten vorrückten, trafen sie auf indigene Völker. Einige von ihnen zogen jahreszeitenbedingt innerhalb ihrer angestammten Gebiete umher, um Beeren zu sammeln, Wild zu jagen und Lachs zu fangen und sich zu Zeremonien und zum Handel zu versammeln. Diese Zyklen waren organisierte Systeme zur Bewirtschaftung von Land und Ressourcen, nicht bloßes "Umherziehen".

Die Schlacht am Little Bighorn brach 1876 unter anderem deshalb aus, weil die US-Regierung versuchte, die amerikanischen Ureinwohner in Reservate zu zwingenBild: Charles M. Russell/World History Archive/picture alliance

Die Europäer sahen das anders und rechtfertigten ihre Ansprüche teilweise mit den Schriften des englischen Philosophen John Locke. Dieser hatte postuliert, dass Land zu rechtmäßigem Eigentum werde, wenn Menschen es durch sichtbare Arbeit wie Ackerbau, Landwirtschaft oder Bauten "verbesserten": Land, das nicht auf diese Weise genutzt werde, könne von denjenigen beansprucht werden, die es entsprechend nutzen würden.

Dieses Argument prägte auch die frühen Rechtsauffassungen der USA darüber, wer das Recht hatte, Land zu besitzen oder zu verkaufen. 1823 entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass die amerikanischen Ureinwohner auf ihrem Land leben, es jedoch nur an die Bundesregierung verkaufen durften.

Das Gericht begründete dies mit der alten europäischen "Entdeckungsdoktrin", einem rechtlichen und religiösen Prinzip aus dem 15. Jahrhundert. Danach erlangen christliche europäische Nationen bei der "Entdeckung" nichtchristlicher Länder das Eigentums- und Hoheitsrecht über sie - ohne Rücksicht auf die indigene Bevölkerung.

Die amerikanischen Ureinwohner wurden eher als Besetzer denn als Eigentümer behandelt, was der US-Regierung ein Monopol auf den Kauf von Land verschaffte und die rechtliche Grundlage für großflächige Enteignungen schuf. 

Diese Denkweise fand ihren Widerhall noch in späteren politischen Entscheidungen und Auseinandersetzungen. So protestierten 2016 die Standing Rock Sioux gegen die Erdöl-Pipeline Dakota Access, weil sie ihre Hauptwasserquelle und mehrere heilige Stätten bedrohte. Zuvor hatten Bundesbehörden das Projekt ohne Zustimmung der Indigenen genehmigt.  

Die deutsche Kolonialgeschichte

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Südliches Afrika: Nomadentum versus Sesshaftigkeit

Im südlichen Afrika organisierten die Khoikhoi- und San-Gemeinschaften ihr Leben nach saisonalen Wasser- und Weidezyklen. Sie orientierten sich am Gewohnheitsrecht - einem mündlichen, gemeinschaftsbasierten System, das nicht durch schriftliche Regeln, sondern durch Praxis weitergegeben wurde und den Zugang zu Wasserstellen, Weideflächen und Ahnenstätten regelte. Ihr Nomadentum schützte fragile Ökosysteme - eine Lebensweise, die heute von der UNESCO als Beispiel für nachhaltiges Wissen im Bereich der Weidewirtschaft anerkannt ist.

Die niederländischen und später britischen Siedler deklarierten das Land ohne Zäune jedoch als "unbenutzt", und die saisonale Mobilität wurde fälschlicherweise als "Wandern" interpretiert. Diese Sichtweise ermöglichte es den Siedlern, Weideland zu übernehmen und private Eigentumsverhältnisse durchzusetzen. So zerstörten sie langjährige Zugehörigkeitssysteme - ein Verlust, der bis heute in Bewegungen zur Rückgewinnung angestammter Ländereien und kultureller Gegenstände und zu spüren ist.

Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords

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