"Grünes Band": Naturschutz, wo früher der Todesstreifen war
10. Juli 2026
Der Reisebus mit Vertretern des deutschen Umweltministeriums und Journalisten auf der Fahrt von Rostock nach Salzwedel in Sachsen-Anhalt fährt durch fast unbewohntes Gebiet. Die Gegend hier im Wendland im östlichen Niedersachsen ist agrarisch geprägt, noch wenige Minuten, dann erreicht der Bus Salzwedel im Bundesland Sachsen-Anhalt.
Früher verlief hier die innerdeutsche Grenze, die Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland im Westen und der DDR, der Deutschen Demokratischen Republik, im Osten. Anders gesagt: Hier verlief die Grenze zwischen zwei globalen Machtblöcken: der westlichen Welt mit der NATO, der östlichen Welt mit den Staaten des Warschauer Pakts. Bis zum Mauerfall 1989.
Andreas Heil ist Referatsleiter im deutschen Umweltministerium und für das "Grüne Band" zuständig: das zusammenhängende, einzigartige Naturschutzgebiet entlang dieser früheren Grenze, die DDR-Bürger daran hindern sollte, in den Westen zu fliehen. Fast 1400 Kilometer ist das sogenannte "Grüne Band" lang und zwischen 50 und 200 Metern schmal.
Heil erinnert jetzt im Bus daran, wozu dieser Streifen früher diente, dienen musste - und wozu jetzt: "Ein Todesstreifen, der für Menschen unüberwindbar war und ein trennendes Element darstellte. Und der heute genau das Gegenteil ist: etwas Verbindendes."
7500 teilweise bedrohte Insekten- und Spinnenarten
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) ist auf der Fahrt dabei. Schneider stammt aus Erfurt im heutigen Thüringen und betont bei der Ankunft am "Grünen Band", wie wichtig der frühere militärische Grenzstreifen heute für die Natur ist: "Dadurch, dass der Kolonnenweg gesperrt war und dass hier keiner hinein durfte - zumindest ich nicht als einfacher DDR-Bürger - ergab sich hier auch nach der Wende die Möglichkeit, Arten anzusiedeln, die es so sonst nirgendwo gibt."
Nach Angaben des Umweltministeriums bilden das auch die neuesten Zahlen ab: Rund 7500 Insekten- und Spinnenarten sind mittlerweile im "Grünen Band" gezählt worden, davon 580 extrem bedrohte oder gefährdete Arten. Vom Aussterben bedroht sind auch Fischotter, die europäische Wildkatze, Braunkehlchen und Kiebitze - und sie alle kommen im grünen früheren Grenzstreifen vor. Damit das so bleibt, sind 88 Prozent des gesamten grünen Streifens geschützt.
Ein großes Moor bei Salzwedel
Sogar Moore konnten sich in der Nähe der früheren Grenze erhalten, etwa ein großes Torfmoor in der Nähe von Salzwedel, 400 Hektar groß, heute über einen Bohlenweg erlebbar. Im Mai erblühen hier die Orchideen in großer Pracht. So half die frühere Grenze unfreiwillig mit, Moore in einer Gegend zu erhalten, in der sie - entfernt man sich weiter vom "Grünen Band" - kaum noch vorkommen. Nathalie Niederdrenk vom Bundesumweltministerium erläutert: "Viele Flächen hier sind vor dem Fall der Mauer, im 19. und 20. Jahrhundert, entwässert worden. Das ist komplett landwirtschaftlich umgestaltet worden."
Die kleine Reisegruppe legt dann rund acht Kilometer mit dem Fahrrad auf dem "Grünen Band" zurück. Hier und da führt der Weg über Reste des Kolonnenweges, auf dem früher die DDR-Grenzschützer patrouillierten. Hinweisschilder erinnern entweder an die frühere Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten oder erklären das "Grüne Band".
Das "Grüne Band" ist Teil des europäischen Naturstreifens
Dieses Band ist längst keine rein deutsche Idee mehr. Schließlich waren Ost und West auch in anderen Staaten getrennt. Im Norden Europas gibt es jetzt Naturflächen entlang der Grenzen zwischen Finnland, Norwegen und Russland. Südlich des deutschen "Grünen Bandes" führt der Weg weiter entlang der Grenze zwischen Tschechien, der Slowakei und Österreich, zwischen Kroatien und Ungarn. Über insgesamt 24 Länder erstreckt sich dieses Band mit einer Länge von rund 12.500 Kilometern.
Der "Bund für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland" - kurz BUND - verbindet mit dem "Grünen Band" eine besondere Geschichte, wie der BUND-Vorsitzende Olaf Bandes in Salzwedel erklärt: "Hier haben wir im Jahr 2000 angefangen, die ersten Flächen am 'Grünen Band' zu kaufen, von Spendengeldern des BUND und mit Förderung des Bundesumweltministeriums. Es ist mittlerweile das größte Projekt mit 1000 Hektar, das wir geschaffen haben." Der BUND hat bundesweit rund 520.000 Mitglieder, er finanziert sich aus Spendengeldern und staatlichen Fördermitteln.
Immer wieder Kampf um den Naturerhalt
Das "Grüne Band" muss immer wieder beschützt werden, wenn links und recht von diesem Streifen andere Nutzungsarten vorherrschen und längst nicht alle Flächen unter Naturschutz stehen. So monierte der BUND in Bayern vor sechs Jahren, dass der Weg am "Grünen Band" von Landwirtschaft "überprägt" sei, dass für "Tiere und Pflanzen immer wieder einmal Schluss ist auf ihren Wanderungen und auch Fußgänger und Radfahrer plötzlich im Mais-Acker stehen".
Anfang Juli aber haben die Bundesländer Thüringen, Bayern und Sachsen entschieden, einen rund 95 Kilometer langen Abschnitt des "Grünen Bandes" durch einen speziellen Managementplan bis 2028 dauerhaft zu sichern. Bayerns Ministerpräsident, der CSU-Vorsitzende Markus Söder, erklärte, es handle sich dabei um ein wichtiges Umweltprojekt in Zeiten eines dramatischen Klimawandels. Rund eine Million Euro wird der Plan kosten. 75 Prozent davon kommen aus dem Etat des Bundesumweltministeriums.