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KonflikteAfghanistan

Grenzkonflikt mit Pakistan stärkt Image der Taliban

Hussain Sirat
5. Dezember 2025

Die Gefechte an der Grenze zu Pakistan haben in Afghanistan ungewöhnliche Solidarität mit den Taliban ausgelöst. Experten bezweifeln aber, dass dies dem Regime echte Legitimität verschafft.

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Die Taliban konnten durch ihre Reaktion auf den Konflikt mit Pakistan einige ihrer alten Gegner für sich gewinnenBild: Siddiqullah Alizai/AP Photo/picture alliance

In der jüngsten Eskalation zwischen Pakistan und dem afghanischen Regime Ende November beschuldigten die Taliban Pakistan, afghanisches Territorium angegriffen und mindestens zehn Zivilisten, darunter neun Kinder, getötet zu haben.

Die Taliban führten daraufhin eigene Angriffe entlang der 2.640 Kilometer langen Grenze zu Pakistan durch, der sogenannten Durand-Linie.

Das pakistanische Militär wies die Taliban-Vorwürfe, Afghanistan angegriffen zu haben, als „haltlos" zurück. Bei früheren Aktionen hatten pakistanische Beamte stets beteuert, Terrorgruppen anzugreifen, die sich auf afghanischem Boden versteckt hielten.

Dennoch mobilisierte der Reaktion der Taliban in afghanischen Städten wie Khost und Jalalabad zahlreiche Anhänger, die die Taliban-Kämpfer mit Blumengirlanden begrüßten. In den sozialen Medien verbreiteten sich Videos, die Taliban-Mitglieder bei einem triumphalen Empfang zeigten und die Taliban als Verteidiger der territorialen Integrität Afghanistans darstellten.

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Diese Bilder erscheinen in einer Zeit, in der die Taliban im Ausland zunehmend wegen einer Reihe harter innenpolitischer Maßnahmen kritisiert werden, darunter weitreichende Einschränkungen bei Bildung und Arbeitsbeschäftigungen von Frauen.

Ein Perspektivenwechsel?

Die Auseinandersetzungen schienen jedoch zumindest die innenpolitische Debatte über die Taliban zu verändern. Viele afghanische Social-Media-Nutzer lobten deren entschiedene Reaktion und selbst einige ehemalige afghanische Sicherheitsbeamte – einst erbitterte Gegner der Taliban – äußerten Sympathie für ihre ehemaligen Widersacher.

Khushal Sadat, ein ehemaliger stellvertretender Innenminister, der jahrelang gegen die Taliban gekämpft hatte, war einer dieser Stimmen. Er argumentierte, die Taliban hätten auf Pakistans Angriffe weitaus entschlossener reagiert als die frühere, westlich unterstützte Regierung es jemals getan hatte.

"Damals dachten wir, die Taliban seien [Pakistans] Marionetten; ja, es gab ein oder zwei, die ihre Befehle annahmen, aber nicht alle waren so", sagte er nun. Solche Äußerungen wären nur wenige Monate zuvor undenkbar gewesen, insbesondere von einer Persönlichkeit, die für ihren entschiedenen Widerstand gegen die Gruppe bekannt war, bevor die von den USA unterstützte afghanische Regierung 2021 zusammenbrach.

Taliban befeuern Kampagne in den sozialen Medien

Die Taliban würden die Grenzkonflikte für sich nutzten, sagt Bismillah Taban, Sicherheitsanalyst und ehemaliger afghanischer Regierungsbeamter, im Gespräch mit der DW.

"Unterstützer dieser Gruppe versuchten, die Situation zu instrumentalisieren, um die Taliban reinzuwaschen", sagte er und fügte hinzu, dass viele Taliban-Funktionäre Aufnahmen von Feierlichkeiten offensiv in der Öffentlichkeit verbreiteten.

Trotz der wahrgenommenen Welle öffentlichen Lobes argumentieren viele politische Experten, darunter auch Mitglieder der ehemaligen afghanischen Regierung, dass die Taliban durch ihre Konfrontation mit Pakistan keine wirkliche Legitimität erlangen können.

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Mujib Rahman Rahimi, der vor der Machtübernahme der Taliban hohe Ämter in Afghanistan bekleidete, betonte, dass der Konflikt der Gruppe mit den pakistanischen Streitkräften nicht ganz Afghanistan betreffe.

"Die Zusammenstöße der Taliban mit Pakistan sind weder der Krieg der legitimen afghanischen Regierung noch der Krieg des afghanischen Volkes gegen Pakistan", sagte er gegenüber der DW.

"Pakistans Marionettengruppe"

Die aktuellen Auseinandersetzungen spiegelten eher einen Bruch der Beziehungen zu der Gruppe wider als einen Konflikt zwischen Nationen. Rahimi und andere ehemalige Regierungsvertreter weisen darauf hin , dass Pakistan die Taliban mitgegründet und unterstützt haben.

"Dies ist der Krieg einer Marionetten- und Stellvertretergruppe, die Pakistan selbst geschaffen hat", sagte er. Auch Abbas Basir, der ehemalige Minister für Hochschulbildung, argumentiert, die Aktionen der Taliban seien nicht von nationalen Interessen getrieben, sondern von der Entscheidung der Gruppe, Kämpfern Zuflucht zu gewähren, die auf beiden Seiten der Grenze Instabilität stiften.

Konkret werden die afghanischen Taliban beschuldigt, Kämpfern der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) Unterschlupf zu gewähren, eine militante Organisation, die ideologisch mit den afghanischen Taliban verbunden ist und den Kampf gegen den pakistanischen Staat führt.

"Indem sie der TTP Zuflucht gewährten, haben die Taliban die Voraussetzungen für eine Konfrontation mit Pakistan geschaffen", sagte Basir und fügte hinzu, dass auch die afghanische Bevölkerung die Anwesenheit von TTP-Kämpfern in ihrem Land ablehne.

Die Eskalation der Gewalt bietet nach Ansicht vieler Analysten wenig Hoffnung auf einen politischen oder sozialen Wandel innerhalb Afghanistans.

Wie wurden ehemalige Verbündete zu Feinden?

Noch vor wenigen Jahren waren die Beziehungen zwischen den Taliban und dem pakistanischen Militär alles andere als feindselig.

In den Tagen nach dem Sturz der westlich unterstützten afghanischen Regierung im August 2021 wurde der damalige Chef des pakistanischen Militärgeheimdienstes, General Faiz Hameed, beim Tee-Trinken in einem Hotel in Kabul fotografiert, während er sich mit Taliban-Führern traf. Das Bild wurde damals weithin als Beweis für den Einfluss Islamabads auf die Gruppe interpretiert.

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Heute wirft Pakistan den Taliban vor, TTP-Mitgliedern zu ermöglichen, tödliche Angriffe auf pakistanische Sicherheitskräfte aus Afghanistan heraus zu planen und zu koordinieren. Die Taliban weisen die Anschuldigungen zurück und erklären, sie erlaubten keiner Gruppe, afghanisches Territorium zu nutzen, um ein anderes Land zu bedrohen.

Die Spannungen erreichten im Oktober nach pakistanischen Angriffen auf Kabul ihren Höhepunkt. Die Taliban-Kämpfer griffen daraufhin pakistanische Grenzposten an, woraufhin das pakistanische Militär mit Mörser- und Drohnenangriffen reagierte. Die Zahl der Todesopfer stieg.

Nach Gesprächen in der katarischen Hauptstadt Doha einigten sich beide Seiten am 19. Oktober auf einen Waffenstillstand. Allerdings ist es ihnen nicht gelungen, eine dauerhafte Lösung zu erzielen, da die laufenden Friedensgespräche durch wiederholte Gewaltausbrüche untergraben werden.

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