Grenzsturm auf Ceuta: Welche Rolle spielt Marokko?
3. August 2026
Lange schwieg die Regierung Marokkos. Erst am Sonntag äußerte sich Rachid El Khalfi, Sprecher des Innenministeriums, zu dem inzwischen überwiegend beendeten Ansturm Zehntausender Migranten auf die spanische Exklave Ceuta. Verantwortlich seien der "böswillige Missbrauch" sozialer Netzwerke, irreführende Informationen und Fehlinterpretationen eines Urteils des spanischen Obersten Gerichtshofs. Zugleich versicherte Rabat seine uneingeschränkte Zusammenarbeit mit Spanien und erklärte, die Ereignisse seien vom Königreich nicht gewollt gewesen.
In Spanien wurden dagegen früh Zweifel an der Rolle Marokkos laut. Ministerpräsident Pedro Sánchez sprach von einem "Angriff auf unsere territoriale Souveränität". Videos zeigten marokkanische Sicherheitskräfte, die den Massenandrang zumindest nicht stoppten. Gleichzeitig kam es zu vielen Erklärungsversuchen - von der jüngsten Annäherung Spaniens an Algerien bis hin zu Spekulationen über eine Einflussnahme der USA. Für Letzteres gibt es bislang allerdings keinerlei belastbare Belege.
Warnung vor einfachen Erklärungen
Die beiden Wissenschaftler, mit denen die DW sprach, mahnen deshalb zu Zurückhaltung. Einig sind sie sich darin, dass einfache Erklärungen zu kurz greifen. Unterschiede gibt es bei der Bewertung der Verantwortung Marokkos.
"Ich glaube, wir haben heute eine deutlich andere Situation als 2021", sagt Isabelle Werenfels, Maghreb-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), im DW-Interview. Damals habe Marokko im Streit um die Westsahara ein klares außenpolitisches Interesse gehabt, Druck auf Spanien auszuüben. Heute hätte Rabat im Fall einer bewusst inszenierten Migrationsbewegung "sehr viel zu verlieren - vor allem internationale Glaubwürdigkeit und Investitionen".
Auch der Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück warnt im DW-Gespräch vor vorschnellen Schlussfolgerungen. "Man muss sich vor Augen führen, dass hier sehr viele unterschiedliche Interessen zusammenkommen", sagt er. Die besondere Lage Ceutas als europäische Exklave auf afrikanischem Boden, jahrzehntelange Migrationsbewegungen, soziale Netzwerke und die Hoffnung vieler Menschen auf ein besseres Leben bildeten den Hintergrund der Ereignisse.
Während Werenfels vor allem auf die politischen Kosten für Rabat verweist, formuliert Oltmer die Verantwortung der marokkanischen Behörden deutlich schärfer. "Ein solcher Grenzübertritt hätte niemals stattfinden können, wenn die marokkanische Seite nicht zumindest aktiv weggeschaut hätte", sagt er. Ohne dieses Verhalten sei ein Grenzsturm dieser Größenordnung kaum vorstellbar gewesen.
Werenfels widerspricht dieser Einschätzung nicht. Auch sie hält es für möglich, dass Marokko ein politisches Signal senden wollte - etwa vor dem Hintergrund der jüngsten Wiederannäherung Spaniens an Algerien und den Beschluss, allen vor dem September 1977 geborenen Bewohnern der Westsahara die spanische Staatsbürgerschaft zu gewähren. "Aber zwischen einem politischen Signal und einer in dieser Dimension orchestrierten Migrationsbewegung besteht ein erheblicher Unterschied", betont sie. Dass Rabat Letzteres geplant habe, erscheine ihr "wenig plausibel", sei aber nicht auszuschließen. Die Informationslage sei insgesamt aber weiterhin ausgesprochen unklar, betont sie.
Die Frage der Verantwortung
Für Oltmer spricht dagegen einiges dafür, dass Marokko eigene politische Interessen verfolgte. Das Land verstehe sich seit Jahren als unverzichtbarer migrationspolitischer Partner Europas und mache immer wieder deutlich, wie abhängig die Europäische Union von seiner Zusammenarbeit sei. Zugleich spielten der Konflikt um die Westsahara und die Rivalität mit Algerien eine wichtige Rolle. Deshalb könne er sich "letztlich nicht vorstellen, dass die jüngsten Ereignisse ohne ein spezifisches Interesse der marokkanischen Seite möglich gewesen wären".
Gerade an diesem Punkt plädiert Werenfels für eine differenzierte Betrachtung. Sie vermutet, es könne gut sein, dass Marokko ein Zeichen habe setzen wollen. Dies sei dann aber womöglich aus dem Ruder gelaufen. Es sei schwer vorstellbar, dass sich Marokko eine nachhaltige Verstimmung mit Spanien und der EU leisten wolle. Diese gelte umso mehr mit Blick auf den Umstand, dass Marokko zusammen mit Spanien und Portugal die nächste Fußballweltmeisterschaft organisiere und zudem hochgradig von Gaslieferungen aus Spanien abhängig sei. Im Jahr 2025 ging ein Viertel der spanischen Gasexporte nach Marokko.
Selbst wenn Marokko ein Zeichen habe setzen wollen, bedeute dies nicht automatisch, dass es eine Migrationsbewegung dieses Ausmaßes bewusst organisiert habe. Die politischen und wirtschaftlichen Risiken wären aus ihrer Sicht enorm.
Keine Hinweise auf Aktivität weiterer Staaten
Beide Experten sehen zudem keine belastbaren Hinweise darauf, dass andere Staaten hinter den Ereignissen standen. Werenfels hält es zwar für denkbar, dass Regierungen oder politische Akteure versucht hätten, die Gelegenheit für ihre politischen Interessen propagandistisch auszuschlachten und als Verstärker der Ereignisse fungiert hätten.
Offen ist nach ihrer Einschätzung auch, warum sich die Dynamik so schnell entwickeln konnte. Vieles spreche dafür, dass sich die Nachricht einer angeblich geöffneten Grenze innerhalb kürzester Zeit verbreitete und zahlreiche junge Marokkaner spontan nach Ceuta aufbrachen. Möglich sei auch, dass einzelne Sicherheitskräfte angesichts dieser Dynamik schlicht nicht eingegriffen hätten. Belegen lasse sich das bislang allerdings nicht.
"Es geht um Hoffnung und Zukunftserwartungen"
Bei den eigentlichen Ursachen der Migration ziehen beide Wissenschaftler schließlich nahezu dieselben Schlüsse. "Es geht um Hoffnung und Zukunftserwartungen", sagt Oltmer. Marokko sei seit Jahrzehnten Auswanderungsland, enge Familien- und Freundschaftsnetzwerke nach Europa erleichterten die Entscheidung vieler Menschen, den Schritt zu wagen.
Werenfels verweist zusätzlich auf die sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zwar habe Marokko in den vergangenen Jahren durchaus Fortschritte erzielt, doch profitierten viele junge Menschen davon kaum. Gerade im Bildungs- und Gesundheitswesen gebe es erhebliche Defizite. Fehlende Perspektiven seien deshalb ein wesentlicher Grund dafür, dass viele bereit seien, erhebliche Risiken auf sich zu nehmen.
Auch wenn die beiden Experten die Rolle Marokkos im konkreten Fall teils unterschiedlich bewerten, stimmen sie in einem Punkt überein: Der Grenzsturm von Ceuta lässt sich weder mit einer einzigen politischen Entscheidung noch mit einer einzelnen Verschwörungstheorie erklären. Erst das Zusammenspiel aus geopolitischen Spannungen, migrationspolitischen Interessen und den oft prekären Lebensperspektiven vieler junger Menschen macht verständlich, warum die Ereignisse dieses Ausmaß annehmen konnten.