Nach einem Jahr Trump droht der transatlantische Bruch
19. Januar 2026
Der Streit zwischen den NATO-Partnern aus Europa und den USA wird mit jedem Tag schärfer: Zuletzt hat US-Präsident Donald Trump mit der Ankündigung von Sonderzöllen für mehrere europäische Staaten wie Deutschland den Streit um Grönland verschärft. Deutschland und andere europäische Länder hatten Soldaten nach Grönland entsandt, um ein - eher symbolisches - Zeichen des Widerstands gegen Trumps Drohung zu setzen, die zu Dänemark gehörende Insel notfalls mit Gewalt einzunehmen. Jetzt erwägt die EU Gegenzölle auf Waren aus den USA.
Dabei hatte Deutschlands Außenminister Johann Wadephul bei einem Besuch in Washington noch vor wenigen Tagen optimistisch verkündet: "Unsere Partnerschaft ist stark, wir sind handlungsfähig und wir sind entschlossen, diese Partnerschaft weiter auszubauen." Die USA stünden politisch wie auch militärisch "voll und ganz an der Seite Europas".
Einnahme Grönlands würde alles verändern
An diesem Beistand gibt es immer stärkere Zweifel. Zweifel nicht nur, ob die USA die europäischen NATO-Staaten bei einem russischen Angriff wirklich beschützen würden. Sollten die USA die Souveränität des NATO-Partners Dänemark wirklich verletzen, wäre das Bündnis am Ende, wie Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen gesagt hat.
"Das ist eine wirklich dramatisch angespannte Zeit", sagt die Amerikanerin Rachel Tausendfreund von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik der DW. "Deutschland fragt sich inzwischen, ob es sich auf einen Angriff seines wichtigsten NATO-Partners vorbereiten soll. In diesem Sinne war das Verhältnis noch nie so schlecht. Auf der anderen Seite haben Bundeskanzler Merz und Donald Trump nach allem, was man hört, ein ziemlich gutes Arbeitsverhältnis."
Aber das ist nicht unbegrenzt belastbar. Zu dem Angriff auf Venezuela und der Entführung von Präsident Nicolás Maduro durch US-Spezialeinheiten gab sich der Bundeskanzler noch vorsichtig und nannte die Rechtslage "kompliziert", obwohl die Aktion klar völkerrechtswidrig war. Solche Zurückhaltung ist jetzt kaum noch durchzuhalten.
Johannes Varwick, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Halle, glaubt, eine Einnahme Grönlands "wäre in der Tat der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich glaube schon, dass das Vertrauensverhältnis zu den USA dann vermutlich unwiderruflich zerstört wäre. Im Prinzip muss man dann den Reset-Button drücken und gucken, auf welcher Basis man künftig zusammenarbeiten kann. Das wird aber sehr, sehr schwierig, weil man gleichzeitig natürlich abhängig ist von den USA in vielen Fragen. Und dieser Bruch wäre teuer, wäre riskant, aber dann vermutlich unvermeidbar."
Die Abhängigkeit von den USA ist enorm
Diesen Bruch will der überzeugte Transatlantiker Merz unbedingt vermeiden. Trump, der am 20. Januar 2025 zum zweiten Mal seinen Amtseid als US-Präsident ablegte, hat aber so gut wie alle bisherigen Glaubenssätze der früher engen Partnerschaft über den Haufen geworfen.
Merz war noch nicht Kanzler, als Trump im Februar den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor der Weltöffentlichkeit demütigte. Merz damals: "Spätestens seit den Äußerungen von Trump ist klar, dass diesem Teil der Amerikaner das Schicksal Europas weitgehend gleichgültig ist." Es sei nun seine oberste Priorität, Europa dabei zu helfen, "Schritt für Schritt Unabhängigkeit zu erreichen von den USA".
Doch so einfach ist das nicht, sagt Varwick: "Das einzige, was tatsächlich, wenn überhaupt, (bei Trump) Eindruck machen könnte, ist eine wirklich geschlossene europäische Position. Daran arbeitet Friedrich Merz, aber die Interessensunterschiede sind trotzdem in den europäischen Staaten sehr groß."
Merz in Washington war nur ein Zwischenhoch
Es ging im Laufe des Jahres weiter abwärts mit den Beziehungen. US-Einfuhrzölle auf Waren aus Europa treffen gerade die deutsche Wirtschaft mit ihrem hohen Exportanteil ganz besonders. Im Ukraine-Krieg ließ Donald Trump immer deutlicher erkennen, dass er für einen Frieden dem russischen Präsidenten Wladimir Putin weit entgegenkommen würde.
Doch trotz aller Konflikte – oder gerade deswegen – reiste Merz Anfang Juni zu seinem Antrittsbesuch nach Washington. Das Treffen verlief besser als befürchtet, wohl auch, weil Merz sagen konnte, dass Deutschland inzwischen viel mehr für Verteidigung ausgeben will, so wie Trump gefordert hatte. Zugeständnisse von Trump gab es keine.
Die Rückkehr des Imperialismus
Seit Dezember überschlagen sich die Ereignisse: In der neuen nationalen Sicherheitsstrategie warnt die US-Administration Europa vor der "zivilisatorischen Auslöschung" durch Migration. Die westliche Hemisphäre wird zum Einflussgebiet der USA erklärt. Dann, nach der Venezuela-Aktion die Grönland-Drohung.
Die Bundesregierung scheint ratlos, wie sie einerseits Trump bei der Friedenssuche in der Ukraine und als Schutzmacht Europas an Bord halten und andererseits ihren selbst erklärten Werten treu bleiben kann: Einhaltung des Völkerrechts und einer regelbasierten internationalen Ordnung.
Rachel Tausendfreund von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik glaubt nicht, dass sich die USA völlig von Europa abwenden werden: "Die USA wollen das Verhältnis zu Europa neu kalibrieren, sie wollen eine viel kleinere Last bei der Sicherung der Ukraine tragen, aber selbst die Trump-Regierung sieht Europa immer noch als Partner, obwohl einige in der Regierung sehr anti-EU sind."
Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick sieht in jedem Fall stürmische Zeiten auf Deutschland zukommen, weil mit Trump Imperialismus und das Recht des Stärkeren zurückgekehrt sind: "Das ist für Deutschland natürlich eine sehr, sehr schlechte Nachricht, weil Deutschland wie kaum ein anderer Staat auf ein stabiles internationales Umfeld angewiesen war, einmal sicherheitspolitisch, zum anderen auch wirtschaftspolitisch. Das deutsche Geschäftsmodell ist dabei, den Bach runterzugehen, und es ist kein besseres erkennbar."
Feindliche Trump-Stimmung in der Heimat seiner Vorfahren
Ende vergangenen Jahres hieß es aus dem Kanzleramt, Trump habe Merz' Einladung nach Deutschland angenommen. Die hatte er bei seinem Besuch im Juni in Washington ausgesprochen und dabei Trump auch eine Geburtsurkunde seines Großvaters überreicht, der aus Kallstadt in der Pfalz in die USA ausgewandert war.
Trump dürfte sich geschmeichelt gefühlt haben, glaubt Tausendfreund, dass Deutschland seine Familiengeschichte würdigt. Man solle daraus aber keine falschen Schlüsse ziehen. "Das bedeutet nicht, dass er irgendwelche starken Gefühle einer dauerhaften Verbundenheit zu Deutschland hat."
Mit welcher Stimmung in der Bevölkerung Trump rechnen müsste, ergab eine Umfrage im ARD-Deutschlandtrend von Anfang Januar. Kurz gesagt, sie ist miserabel. Demnach halten nur 15 Prozent der Befragten die USA für einen vertrauenswürdigen Partner. 76 Prozent meinen, dass man den Vereinigten Staaten nicht mehr trauen könne, eine radikale Umkehr der Stimmung, wie sie noch unter US-Präsident Joe Biden geherrscht hatte.
Die Einladung nach Deutschland wurde ausgesprochen, als das Verhältnis schon sehr angespannt war, aber lange vor der jüngsten Eskalation um Grönland. Dass Donald Trump unter diesen Vorzeichen bald nach Deutschland kommen wird, erscheint derzeit undenkbar.