Putsch in Guinea-Bissau: Militärs wählen Flucht nach vorn
30. Januar 2026
In der Bevölkerung herrschen Misstrauen und Wut: "Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass Umaro Sissoco Embaló selbst hinter diesem angeblichen Putsch steckt", sagt die Juristin und ehemalige Justizministerin Carmelita Pires im Exklusivinterview mit der DW. Alles deute darauf hin, dass der Oppositionskandidat Fernando Dias da Costa die Präsidentschaftswahl vom 23. November 2025 deutlich gewonnen habe - ein Ergebnis, das Amtsinhaber Embaló keinesfalls akzeptieren wollte. Eine offizielle Bekanntgabe des Wahlsiegers habe deshalb verhindert werden müssen, so Pires, die sich seit dem Putsch in Portugal aufhält.
Am 26. November übernahmen stattdessen Generäle die Macht. Sie erklärten, das Land vor Drogenkartellen und deren Einfluss auf die Politik schützen zu wollen. Die Militärs erklärten die "totale Kontrolle" über Guinea-Bissau und setzten das "Hohe Militärkommando zur Wiederherstellung der nationalen Sicherheit und öffentlichen Ordnung" ein, angeführt von General Horta Inta-A Na Man. Der Staatsstreich erfolgte einen Tag vor der geplanten offiziellen Bekanntgabe der Wahlergebnisse.
"Bei diesem Putsch ging es einzig und allein darum, die Rückkehr Sissoco Embalós an die Macht vorzubereiten", sagt Carmelita Pires. Die Putschisten stammten sämtlich aus dem Umfeld des bisherigen Präsidenten, der von vielen als eigentlicher Strippenzieher hinter dem angeblichen Umsturz betrachtet werde.
Sissoco Embaló selbst hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Unmittelbar nach dem Putsch reiste er mit seiner Entourage nach Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo. Wenige Tage später soll er in Marokko Unterschlupf gefunden haben. Sein genauer Aufenthaltsort ist unbekannt.
Ein Land im Schwebezustand
Nicht nur die Präsidentschaftswahl wurde suspendiert. Auch die gleichzeitig abgehaltenen Parlamentswahlen - zu denen unter anderem die größte Oppositionspartei PAIGC aus formaljuristischen Gründen nicht zugelassen worden war - wurden für null und nichtig erklärt. Seitdem befindet sich das Land in einem Schwebezustand, ohne funktionierende staatliche Institutionen. Einzig das Militärkommando übt Macht aus - und verwalte das Land "nach Gutsherrenart", wie Carmelita Pires es formuliert.
In den vergangenen Wochen wurden sämtliche politischen Aktivitäten verboten, darunter Demonstrationen und Streiks. Parteizentralen wurden geschlossen, das Verfassungsgericht außer Kraft gesetzt. Pressekonferenzen dürfen nur noch mit vorheriger Genehmigung stattfinden. Zudem wurden zahlreiche Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen sowie Politiker verhaftet. Unter ihnen ist auch der Vorsitzende der größten Oppositionspartei PAIGC, Domingos Simões Pereira, der seit mehr als 60 Tagen in einer Polizeistation in Bissau festgehalten wird.
Für seine Tochter Denisa Pereira ist die Situation unhaltbar: "Jeder weiß, dass die Haftbedingungen, unter denen mein Vater lebt, inhuman sind. Das, was Domingos Simões Pereira, die anderen politischen Häftlinge und ihre Familien derzeit durchleben, ist purer Terror", sagt sie im DW-Interview.
Zugleich äußert Denisa Pereira scharfe Kritik an der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, der sie Untätigkeit vorwirft: "Ich frage mich, welche Rolle die ECOWAS überhaupt noch spielt. Ihre Vertreter hätten sich ein konkretes Bild von den Haftbedingungen meines Vaters machen können, haben aber darauf verzichtet, ihn in seiner Zelle zu besuchen. Was muss noch geschehen? Es wird weiter verhandelt, obwohl man weiß, dass man mit Putschisten und Terroristen nicht verhandelt."
Neuwahlen im Dezember?
International steht das Militärregime in Bissau unter Druck. Die Afrikanische Union (AU) hat das Land suspendiert, ebenso die ECOWAS und die Gemeinschaft der Portugiesisch-sprachigen Länder (CPLP). Das Militärkommando reagierte scheinbar konziliant und kündigte am 21. Januar Wahlen für den 6. Dezember sowie eine Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung an.
Doch Wahlen noch im laufenden Jahr erscheinen unrealistisch. Der Präsident der Nationalen Wahlkommission (CNE), N'pabi Cabi, teilte Übergangspräsident Horta Inta-A mit, dass die CNE ohne neue Ausrüstung nicht in der Lage sei, Wahlen zu organisieren.
"Neben den finanziellen Aspekten fehlen der CNE Wahlurnen, die in einigen regionalen Wahlkommissionen zerstört wurden. In Bafatá gibt es zum Beispiel keine einzige Urne. Zudem haben wir Probleme mit dem Server und verfügen über keinerlei Computer. Diese Voraussetzungen müssen erst wiederhergestellt werden", erklärte Cabi nach einem Treffen mit dem Übergangspräsidenten im Rahmen der Konsultationen zur Festlegung neuer Wahlen.
Darüber hinaus schlägt die CNE vor, vor den nächsten Wahlen eine vollständige Neuregistrierung der Wähler durchzuführen.
ECOWAS in der Kritik
Der Politiker Mariano Quade aus dem Präsidentschaftswahlkampfteam von Fernando Dias da Costa sprach sich am Samstag für ein militärisches Eingreifen der ECOWAS aus, um kurzfristig die Rückkehr zur demokratischen Normalität zu erzwingen. Andernfalls drohe der Organisation ein vollständiger Verlust ihrer Glaubwürdigkeit.
"Die Wirtschaftsgemeinschaft der Westafrikanischen Staaten ist die zuständige Autorität zur Beilegung von Konflikten. Sie kann entschlossen handeln und ihre Entscheidungen durchsetzen - notfalls mit einer konkreten Aktion vor Ort und dem Einsatz von Truppen, um die Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung zu garantieren", sagte Quade gegenüber der Nachrichtenagentur Lusa in Lissabon am Rande einer Protestkundgebung gegen den Verfassungsputsch vom vergangenen November.
"Ein militärisches Eingreifen ist der letzte verbleibende Weg für die ECOWAS. Andernfalls verliert sie ihre Glaubwürdigkeit vollständig. In einer Situation eines Staatsstreichs und bei einer Politik der Nulltoleranz gegenüber Putschisten hat die ECOWAS nur eine Option: den Einsatz von Gewalt, um die Macht dem Volk zurückzugeben", argumentierte der Wahlkampfvertreter von Fernando Dias da Costa.