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Haben Hunde einen 6. Sinn bei Erdbeben und Gefahren?

31. Dezember 2025

Hunde, die Katastrophen vorausahnen - Mythos oder messbares Können? Forschung zeigt, was ihre Sinne wirklich leisten und wie TikTok den Glauben an Übersinnliches befeuert.

Spürhund im Einsatz in der Türkei nach einem schweren Erdbeben
Bei der Suche nach Verschütteten nach Unglücken ist der Spürsinn von Hunden unschlagbar - aber nicht übernatürlich. Bild: Selami Kucukoglu/AA/picture alliance

Hunde, die ihre Menschen Sekunden vor dem Crash aus dem Auto zerren oder sie wie Schutzengel vor aus anderen Gefahrenzonen ziehen: In sozialen Netzwerken kursieren zahllose Clips solcher angeblichen "Wunderhunde" - perfekt inszeniert und zunehmend KI‑generiert. Doch was sagen Daten und Studien? Haben Hunde wirklich einen magischen sechsten Sinn - oder sind ihre "Superkräfte" schlicht Biologie plus menschliche Wunschprojektion?

Mythos Wunderhund: Warum wir an Hellsehen glauben wollen

Spektakulär inszenierte Rettungsvideos erzielen in sozialen Medien Millionen Klicks - reale Szenen, geschickt geschnittene Clips und zunehmend KI‑Illusionen. Algorithmen belohnen Emotion statt Evidenz: Einzelne, emotional starke Fälle verdrängen die unzähligen Situationen, in denen nichts Außergewöhnliches geschieht.

Psychologisch wirkt dabei der Bestätigungsfehler: Menschen erinnern sich an auffälliges Hundeverhalten vor einem Unglück, vergessen aber alle Male, in denen der Hund ähnlich reagierte, ohne dass irgendetwas passierte.

Der Wunsch, die besondere Bindung zum eigenen Tier und dessen einzigartige Fähigkeiten zu sehen, macht den Glauben an Hellsehen emotional überzeugender als die nüchterne Erklärung durch Biologie und Wahrnehmungspsychologie.

Die Super-Sinne der Hunde: Hören, Riechen, Fühlen 

Hunde verfügen über Sinne, die den menschlichen weit überlegen sind. Sie hören deutlich höhere Frequenzen, reagieren sensibel auf Vibrationen, Luftdruck‑ und Wetteränderungen, und sie haben eine etwa 10.000‑ bis 100.000‑fach bessere Geruchswahrnehmung als Menschen.

Studien zu Epilepsie, Diabetes und Krebs zeigen, dass sie feinste biochemische Veränderungen im Körper - etwa im Schweiß oder in der Atemluft - wahrnehmen. Sie registrieren zudem kleinste Verhaltens‑ und Gefühlsänderungen ihrer Bezugspersonen: Muskelspannung, Atemrhythmus, Stressgeruch.

In einer Untersuchung von Neil Powell von der Queen's University Belfast reagierten 19 Familienhunde deutlich anders auf Schweißproben von Epilepsie‑Patienten in der Phase kurz vor dem Anfall als auf Kontrollproben - ein Hinweis auf spezifische, flüchtige Moleküle.

Menschen besitzen etwa fünf bis sechs Millionen Riechzellen, während Hunde - je nach Rasse - auf rund 200 bis 300 Millionen kommen. Dieser Hund lernt Corona zu erschnüffeln. Bild: Lillian Suwanrumpha/Getty Images/AFP

Auch Assistenzhunde für Diabetes oder Krebs orientieren sich nicht an Übernatürlichem, sondern an physiologischen Signalen wie Herzfrequenz, Atemrhythmus, Stresshormonen und sogenannten VOC‑Mustern (volatile organic compounds), das sind typische Kombinationen organischer Moleküle, die den Gesundheitszustand einer Person widerspiegeln.

Was wissenschaftlich belegt ist

Der kanadische Psychologe Stanley Coren von der University of British Columbia gilt als Pionier der Hundeforschung. Er hat sich über Jahrzehnte auf das Verhalten, die Intelligenz und die Mensch-Hund-Beziehung spezialisiert.

Coren entwickelte den nach ihm benannten "Stanley Coren Index" zur Bewertung der Intelligenz verschiedener Hunderassen. Seine Studien zeigen, dass durchschnittliche Hunde bis zu 165 Wörter verstehen, intelligente Exemplare sogar 250, vergleichbar mit der kognitiven Leistung eines zweieinhalbjährigen Kindes.

Gegenüber der DW erklärt Coren das Verhalten einiger Hunde vor Katastrophen mit ihrer Biologie: "Viele dieser Geschichten über Hunde, die Katastrophen oder Unfälle vorhersehen, wirken übersinnlich, lassen sich aber meist durch ihre außergewöhnlichen Sinnesorgane erklären."

Wenn Physik wie Hellsehen wirkt

Laut Coren könnten Hunde beispielsweise die ersten Geräusche von brechenden Gesteinsschichten hören, wenn ein Erdbeben bevorsteht - Töne, die weit oberhalb der menschlichen Hörgrenze liegen.

Wie kommunizieren Hunde am liebsten?

01:43

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Auch Wärmequellen spürten sie "wie ein Infrarotsensor" und selbst minimale Instabilitäten oder Erschütterungen der Oberfläche nähmen sie über feine Berührungssensoren zwischen den Ballen wahr. So könne ein Hund unruhig reagieren, kurz bevor eine Brücke zu schwanken beginnt oder ein Fahrzeug auf nasser Fahrbahn ins Rutschen gerät, schreibt Coren in einer Mail an die DW.

Was als "sechster Sinn" erscheint, ist also vor allem ein physiologischer Vorsprung: Der Hund reagiert früher auf Reize, die bereits real vorhanden, für uns allerdings noch nicht spürbar sind.

Tiere zwischen Mythos und Messwerten

Nicht nur Hunde, auch andere Tiere haben wesentlich feinere Sinne als Menschen. Ein Team um Martin Wikelski vom Max‑Planck‑Institut für Verhaltensbiologie stattete Kühe, Schafe und Hunde in Italien mit Sensoren aus und beobachtete vor mehreren Erdbeben deutlich erhöhte Aktivität - vor allem bei Tieren in Ställen.

Offenbar reagieren sie auf Mikroerschütterungen, Infraschall oder elektrische Effekte in Gesteinsschichten. "Das ist keine Vorahnung, sondern eine Reaktion auf physikalische Reize", erklärt Wikelski schriftlich gegenüber der DW.

Eine zuverlässige Vorhersage sei daraus aber nicht abzuleiten. "Hunde können sicher sehr viel, aber vor Autounfällen zu warnen, scheint mir praktisch unmöglich - außer vielleicht, wenn es um die Nervosität der Besitzer geht, die in Unfälle münden könnte", so Wikelski.

Um Mythen von echten Fähigkeiten zu trennen, brauche es Daten, betont der Forscher: "Solche Anekdoten müssten mit Sendern an den Tieren überprüft werden – wie wir es in unseren Studien zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen getan haben."

Wie Hunde ukrainischen Kriegsopfern helfen

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Warum Hunde keine Autounfälle vorhersagen können 

Für Alltagsunglücke - Autounfälle, Brände oder plötzliche Schicksalsschläge – existieren keine belastbaren Studien, die belegen, dass Hunde solche Ereignisse im Voraus erkennen.

Die oft zitierten Anekdoten lassen sich in der Regel durch Zufall, nachträgliche Deutung oder sensible Reaktionen auf reale Reize erklären.

Hunde können ungewöhnliche Geräusche, Reifenquietschen, Rauchspuren oder die Nervosität ihres Menschen bemerken - Sekunden, bevor diese Faktoren für uns wahrnehmbar werden. Zeigt der Hund dann Stressverhalten - Hecheln, Winseln, Drängen - wird daraus im Rückblick leicht eine Vorwarnung.

Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit
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