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Handy- und Social-Media-Verbote an Deutschlands Schulen

28. August 2025

Die Sommerferien sind in vielen Bundesländern vorbei, die Schule geht wieder los. Eine hitzig geführte Debatte lautet: Wie umgehen mit den Smartphones?

Verbotsschild an einem Zaun mit einem durchgestrichenen Handy und dem Text: "Auf dem ganzen Schulgelände - zu jeder Uhrzeit! Danke!"
Immer mehr Schulen in Deutschland untersagen die Nutzung von Smartphones auf dem SchulgeländeBild: Marijan Murat/dpa/picture alliance

Am ersten Schultag nach den Sommerferien hätte Klara Ptak fast ihr Handy zu Hause vergessen - vielleicht der beste Beweis dafür, dass die Schülersprecherin des Dalton Gymnasiums in Alsdorf, in Nordrhein-Westfalen im Westen Deutschlands, verinnerlicht hat, dass sie es dort nicht mehr braucht. Seit Ende April gilt an der Schule ein striktes Handyverbot, für alle Jahrgänge.

Die 17-Jährige sagt der DW: "Ich kann jetzt nicht mehr zwischendurch auf mein Handy schauen und in der Pause mal schnell eine Nachricht schicken. Am Anfang haben viele Schüler und Schülerinnen gefragt, was das denn soll, aber mit der Zeit haben viele gemerkt, dass es gar nicht so schlimm ist und durchaus auch viele positive Seiten hat."

Die Meinungen gingen trotzdem etwas auseinander: "Die Lehrer finden es größtenteils sehr gut, die jüngeren Schüler akzeptieren es, die Älteren sind nicht so zufrieden."

"Ein Handyverbot bis zur zehnten Klasse ist sinnvoll, danach sollte man es meiner Meinung nach lockern" - Schülersprecherin Klara PtakBild: Oliver Pieper/DW

Das Dalton Gymnasium gehört zu den vielen Schulen in Deutschland, die dem massiven Handykonsum ihrer Schülerinnen und Schüler nicht mehr tatenlos zuschauen wollen. Nach den Osterferien wurde das Konzept "Smart ohne Phone" als Testphase eingeführt, Handys müssen seitdem vom Unterrichtsbeginn bis zum Ende in den Schultaschen verstaut werden. Lässt sich ein Schüler mit seinem Smartphone erwischen, können es seine Eltern erst am nächsten Tag im Sekretariat abholen.

"Es wurden insgesamt 51 Handys einkassiert, das kann sich bei 700 Schülern als Bilanz schon sehen lassen", sagt Ptak. "Und jetzt sieht man, dass vor allem die jungen Kinder, die vorher im Kreis standen und alle auf ihr Handy geschaut haben, zusammen Fußball, Badminton oder Gesellschaftsspiele spielen. Das ist schon eine krasse Veränderung."

Für und Wider von Handyverboten wird heiß diskutiert

Über den Umgang mit dem Smartphone in den Schulen ist in Deutschland eine heftige Debatte entbrannt, sicher auch, weil es keine einheitliche bundesweite Regelung gibt: Verbieten oder vertrauen? Die Wissenschaftsakademie Leopoldina schlägt ein Handyverbot bis zur zehnten Klasse vor und rät dazu, Kinder unter 13 Jahren vom Internet und sozialen Medien fernzuhalten. Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, fordert zwar auch abgestufte Altersvorgaben für soziale Medien, er ist aber gegen Handyverbote.

Die Bundesschülerkonferenz lehnt ein generelles Smartphone-Verbot ebenfalls ab. Sie wünscht sich stattdessen die aktive Förderung von Medienkompetenz an den Schulen.

Und die Eltern? Sie sind bei dem Thema Handy auf jeden Fall ziemlich genervt. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Auftrag der Körber-Stiftung ergab, dass der größte Stressfaktor für Eltern von Kindern zwischen zwölf und 18 Jahren der Medienkonsum ihres Nachwuchses ist.

In Alsdorf wird das Handyverbot überwiegend positiv aufgenommen

Vielleicht muss man Martin Wüller fragen, den Direktor des Dalton Gymnasiums in Alsdorf. Er hat die Idee des Handyverbots genauso vorangetrieben wie die Digitalisierung an seiner Schule mit einem Schultablet für alle ab der siebten Klasse. Wüller erzählt stolz von den Ergebnissen des Handy-Projekts, sein Team hat es mit Schülern, Eltern und Lehrern detailliert ausgewertet.

"Am zweiten Tag der Testphase haben die Kinder wieder mit mit Uno-Karten gespielt" - Schulleiter Martin WüllerBild: Oliver Pieper/DW

90 Prozent der Lehrer unterstützen demnach das Verbot, sie beobachten ein stark verbessertes Sozialverhalten und konzentriertere Schüler, vor allem bei den Jüngeren. Auch die Mehrheit der Schüler in der Unterstufe (also bis zu etwa 13 Jahren), bewertet das Verbot als sehr sinnvoll, nur die 16- bis 19-jährigen Schüler der Oberstufe bleiben eher skeptisch. 85 Prozent der Eltern befürworten es, sie erleben ihre Kinder eigenständiger und loben die gestiegene Kommunikation - selbst zu Hause.

Wüller sagt der DW: "Gerade die Eltern der jüngeren Kinder bedanken sich für das Handyverbot und loben unsere Initiative nach dem Motto: 'Gott sei Dank, in der Grundschule ist es doch genauso.'" Er wünscht sich ein konsequenteres Vorgehen der Eltern beim Handykonsum ihrer Kinder: "Wir können nicht all‘ das nachholen, was im Elternhaus nicht funktioniert. Wir betonen immer, dass wir nicht nur mit den Eltern am einem Strang ziehen müssen, sondern am besten auch in die gleiche Richtung."

Solingen: Social-Media-Verzicht für alle Fünftklässler

Etwa 100 Kilometer weiter östlich, in Solingen, geht man noch einen Schritt weiter, mit einem deutschlandweit einzigartigen Projekt: Mit Beginn dieses Schuljahres am Mittwoch gilt in allen fünften Klassen der Stadt ein vollständiger Social-Media-Verzicht: Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn und elf Jahren wollen auch zu Hause ohne Instagram, Snapchat und TikTok auskommen. Der Gedanke stammt von Burkhard Brörken, früher selbst Schulleiter und jetzt Schuldezernent bei der zuständigen Bezirksregierung Düsseldorf.

Er sagt der DW: "Solingen ist ein besonderes Pflaster, weil es uns sehr schnell gelungen ist, die Schulleitungen von allen 13 weiterführenden Schulen an Bord zu holen: Gymnasien, Gesamtschulen, Realschulen und auch die Förderschulen machen bei dem Projekt mit." Und weiter: "Wir haben damit eine einzigartige Erziehungspartnerschaft zwischen Schulen, Eltern und Kindern angestoßen."

"Wir sind bei Elternabenden nirgendwo auf kritische Stimmen zum Projekt gestoßen, im Gegenteil" - Schuldezernent Burkhard BrörkenBild: Privat

Bedeutet: Sie alle haben eine schriftliche Absichtserklärung unterschrieben, mit der sie sich verpflichten, das Projekt gemeinsam für ein Jahr durchzuführen. Die Vereinbarung sei natürlich rechtlich unwirksam, betont Brörken. Das ist ihm wichtig: Es handle sich nur um eine Empfehlung oder ein Serviceangebot und keineswegs um einen Versuch der Schule, in die Erziehung der Eltern hineinzuregieren.

"Sehr viele Eltern, mit denen wir gesprochen haben, sehen auch das dramatische Problem mit dem riskantem Nutzungsverhalten und haben uns gefragt, warum wir das eigentlich erst jetzt tun. Aber wenn die Kinder vollkommen zu Recht sagen, 'du isolierst mich, ich bin der Einzige, der kein Handy hat, alle meine Freunde haben eins', kann man dies nur mit sozialer Koordination lösen. Das ist für Eltern in Eigenregie kaum möglich."

Eltern wünschen sich mehr Aufklärung und einheitlichere Regeln

Auch Alev Kanowski kennt diese Diskussionen, ihre Tochter hat mit neun Jahren als eine der Letzten in ihrer Klasse ein Handy bekommen. Der Trend gehe zum Smartphone schon in der Grundschule, berichtet Kanowski der DW. Der Druck, dass das Kind sonst zum Außenseiter wird, sei riesig. Jetzt gehört die Tochter zu den neuen Fünftklässlern in Solingen und war von dem Social-Media-Verzicht anfangs alles andere als begeistert.

"Erst als wir ihr erklärten, wie sehr Kinder im Alltag durch das Handy abgelenkt und gar nicht mehr ansprechbar sind, hat sie eingelenkt." Kanowski wünscht sich bei dem Thema mehr Aufklärung. "Ich habe mich als Mutter teilweise überfordert gefühlt, auch mit dem Druck, wann man das erste Handy und den Zugang zu sozialen Medien erlauben soll. Solche Projekte sollten an mehreren Orten eingeführt werden, um den Kindern eine unbeschwerte Kindheit ohne Ablenkung zu ermöglichen."

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In den nächsten Monaten soll das Projekt evaluiert werden. Flankiert wird es von 50 ausbildeten Medienscouts an den Schulen: Schüler und Schülerinnen von zwölf bis 14 Jahren, die altersmäßig nah dran sind an den Sorgen der Fünftklässler und sie vor Gefahren im Internet schützen sollen. Burkhard Brörken hofft, dass der Social Media-Verzicht gut angenommen wird. Seine Diagnose: Den Kindern gehe es schlechter als früher.

"Man hat viel mehr in Schulen mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die unter Depressionen und Angststörungen leiden. Das ist ein Phänomen, das es in der Häufigkeit vor zehn Jahren noch nicht gab und nun wirklich an allen Schulen angekommen ist. Die Pandemie war der Brandbeschleuniger, der Brand war aber schon vorher da."

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