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Harlem in Moskau

2. August 2002

– In der russischen Hauptstadt ist das erste Armen-Ghetto entstanden

Moskau, 2.-9.8.2002, WEK, russ., Aleksandr Tarassow

Als erster erzählte mir davon Oleg Dawydow, ein bekannter Journalist und Literaturkritiker. Lange Zeit lebte er im abgelegenen Moskauer Bezirk Kapotnja und ist kürzlich "ausgewandert", wie es in Kapotnja heißt, nach Moskau. Dafür hat er sich in hohe Schulden gestürzt, die er nicht nur ein Jahr zurückzahlen wird. Es stellte sich heraus, dass das keine ungewöhnliche Geschichte ist.

In all den letzten Jahren fliehen "ordentliche" Familien – Familien der Intelligenzija, qualifizierter Arbeiter, der Ingenieure und Techniker - aus Kapotnja nach Moskau. Da die Wohnungen in Kapotnja sehr preiswert sind, hat Kapotnja bereits einen schlechten Ruf. Das heißt, dass es praktisch unmöglich ist, eine Wohnung in Kapotnja gegen eine Wohnung in einem anderen Moskauer Bezirk einzutauschen. Man kann sie nur verkaufen und viel Geld dazutun, um eine Wohnung in einem anderen Bezirk zu erwerben, die fast immer kleiner ist als die in Kapotnja. Wieso lassen sich die Einwohner aus Kapotnja auf solche Opfer und Ausgaben ein?

Alles ist ganz einfach. In Kapotnja bildet sich das für die kapitalistischen Megapolen typische wirtschaftliche Ghetto heraus, ein Bezirk für Minderbemittelte und Arme.

Ein großer Teil von Kapotnja war mit Wohnheimen und Wohnungen des Moskauer Erdöl verarbeitenden Betriebes (MNPS) zugebaut worden. Eigentlich sorgen die Leute, die in diesem Betrieb seit der Sowjetzeit arbeiten, noch dafür, dass Kapotnja nicht ganz herunterkommt. Viele "alte" Arbeiter sind jedoch bereits im Ruhestand, deren Kinder haben eine Ausbildung gemacht und arbeiten bereits nicht mehr im MNPS, sondern irgendwo anders. An die Stelle der Rentner traten Arbeiter aus der Provinz oder Flüchtlinge aus den GUS-Staaten. Nach deren Vorstellungen wird beim MNPS gutes Geld gezahlt. Diese armen Leute halten es schon für einen großen Erfolg, wenn sie eine Putzstelle im Betrieb bekommen.

Eben sie leben jetzt in vielen Wohnheimen von Kapotnja (wenn diese nicht gerade ganz an Vietnamesen oder Chinesen vermietet sind). Eben Flüchtlinge (des Öfteren Russen) haben die preiswerten (für Moskauer Verhältnisse sehr preiswerte) Wohnungen erworben. Das sind häufig psychisch tief verletzte Leute, die Kämpfe, nationale Erniedrigung, lange Arbeitslosigkeit, Hunger und Gewalt durchgemacht haben. Das sind Leute, die psychisch betreut werden müssen (wofür sie natürlich kein Geld haben), unsicher sind, des Öfteren in Kapotnja illegal leben, verängstigte Menschen, die an nichts mehr glauben, keine Chance haben, Arbeit zu finden, die sich in Alkohol, Drogen und Religionen stürzen (in Kapotnja sind Prediger vieler, darunter ganz exotischer Sekten aktiv). Diese Leute sind depressiv, eingeschüchtert, sehen keinen Ausweg mehr.

Diese schwierigen Verhältnisse sind einer der Gründe, aus dem solche Leute wie mein Bekannter aus Kapotnja fliehen. Ein weiterer Grund ist die Sorge um die Kinder. Die Kinder der Flüchtlinge sind Kinder mit negativen Lebenserfahrungen, die Tod und Willkür gesehen haben, die Drogen nehmen (die in jeder Schule verkauft werden) und in der Schule nicht nachkommen. Nicht von ungefähr ist Gewalt unter den Jugendlichen in Kapotnja etwas alltägliches. Eben in Kapotnja haben Skinheads in der Nacht vom 28. auf den 29. März zwei Obdachlose grausam getötet. (...) Kein Zufall ist auch, dass über 20 Skinheads am 9. Juni ein vietnamesisches Wohnheim überfielen. (...)

Skinheads und Obdachlose gehören heute zum Bild von Kapotnja. "Normale" Leute fliehen aus Kapotnja, der Rest legt zusammen und säuft. Und die Teenager, die in diesem geschlossenen Kreis der bereits zur Gewohnheit gewordenen Armut, der ständig betrunkenen Eltern und Nachbarn leben, sehen kein Licht am Ende des Tunnels und hassen die ganze Welt. Dieser Hass wird dann entweder an Schwächeren – Alkoholikern, Obdachlosen, oder an "Fremden" – beispielsweise den Vietnamesen ausgelassen.

Eigentlich nichts Besonderes. Aber für Moskau etwas Untypisches. In der Provinz haben sich bereits ganze Städte und Rayons in solche Ghettos verwandelt. Sogar einige Gebietszentren sind zu solchen Ghettos geworden – dort gibt es überall, außer den Reichtumsoasen im Zentrum, wo administrative Gebäude, Büros großer Firmen, teure Restaurants und Wohnungen für die Elite liegen, Armenviertel.

Ein typisches Bild für Länder der "dritten Welt". Nichts Überraschendes. Vor bereits zehn Jahren sagte der bekannte linke Politologe Boris Kagarlizkij in der Gewerkschaftszeitung "Solidarnost" voraus, dass es dazu kommen wird: reiche und teure Geschäftsbezirke im Zentrum und Ghettos für Arme am Stadtrand. Seine Voraussage bewahrheitet sich jetzt. (lr)

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