Hat die EU eine Antwort auf Instagram, Tiktok, X & Co.?
2. Juni 2026
Der "Meta"-Konzern sagt Ihnen vielleicht etwas, aber seien Sie ehrlich, "ByteDance"? Nie gehört, oder? Das dürfte vielen Nutzenden sozialer Medien so gehen, und doch nutzen deren Produkte Milliarden Menschen täglich: Instagram und Facebook von Meta, "X", ehemals Twitter, von Elon Musk oder TikTok - und das stammt, genau, aus dem Hause ByteDance. Groß und mächtig sind diese und andere Tech-Konzerne mit den Jahren geworden. In Europa sind die Bestrebungen groß, deren Einfluss zu beschränken. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.
Wieso stehen große Tech-Konzerne in der Kritik?
Große Konzerne wie Meta oder ByteDance haben nicht nur eine riesige Marktmacht - bis zu drei Milliarden Instagram- und fast zwei Milliarden TikTok-Nutzende sprechen für sich. Ihr Einfluss geht über die Beherrschung des Marktes hinaus, denn die Algorithmen der Plattformen bestimmen mit, welche Informationen überhaupt an uns heranreichen, ja, ein Stück weit: wie wir durch den Filter Social Media die Welt wahrnehmen. Kritiker sagen, die Plattformen gehen nicht konsequent genug gegen Fake News vor, förderten Polarisierung, bevorzugten in ihrem Algorithmus extreme Inhalte und nähmen es mit dem Datenschutz nicht so genau - etwa, wenn es um personalisierte Werbung geht oder um das Training der jeweils hauseigenen KI.
In Europa debattieren mehrere Länder über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche, Australien hat es schon eingeführt. Darüber, wie die Plattformen manuell moderiert werden, herrscht zwischen der EU und etwa Meta-Gründer Mark Zuckerberg schon jahrelang Streit. Von "Twitter" haben sich seit dem Verkauf an den südafrikanischen Multi-Milliardär Elon Musk und der Umbenennung in "X" gar schon viele Nutzende und Werbekunden verabschiedet. Dem chinesischen TikTok wird außerdem eine Nähe zum chinesischen Staat und der Kommunistischen Partei vorgeworfen, es gibt Befürchtungen der Zensur. Schlussendlich warnen europäische Sicherheitsbehörden, dass TikTok bzw. ByteDance Daten unklaren Ausmaßes speichern. Ob und wenn ja wofür der geopolitische Konkurrent China diese nutzt - unklar.
Welche europäischen Alternativen gibt es?
Alternativen zu Instagram, X und TikTok aus Europa gibt es schon: das deutsche "Mastodon" gilt als die bekannteste. Frankreich hat mit dem vom gemeinnützigen "Framasoft" entwickelten "PeerTube" eine Alternative zum vom Google-Dachkonzern "Alphabet" angebotenen YouTube am Start. Die ebenfalls aus Frankreich stammende App "BeReal" erlebte 2022 einen kurzen Hype. Das Konzept sieht vor, dass die Nutzenden nur einmal am Tag zu einer wechselnden Uhrzeit ein Foto posten können, das nicht bearbeitet werden kann - so soll das Abhängigkeitspotential beschränkt werden. Beim niederländischen Netwerk "Eurosky" sollen Daten dezentral und DSGVO-konform gespeichert werden.
Als ebenfalls weniger datenhungrige Alternative zu "X" und als Antwort zu zunehmend von KI-Bots überschwemmten Netzwerken ist ganz frisch am 9. Mai 2026 das schwedische "W Social" gestartet. Laut eigener Aussage ist W Social ein Netzwerk "geführt nach EU-Recht, datengehostet in Europa, und für echte, verifizierte Menschen".
Viele Politiker in Deutschland und Europa finden es gut, dass es diese Alternativen gibt, denn Europa soll digital souverän werden. Henna Virkkunen, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission und EU-Kommissarin für technische Souveränität, Sicherheit und Demokratie, ist seit Juni 2025 selbst bei Mastodon. Die Grünen im Deutschen Bundestag haben erst vergangene Woche ein Positionspapier dazu eingebracht: "In zentralen sicherheitspolitischen Bereichen sollten Behörden in europäischen Ländern nur Produkte nutzen, die nicht der Kontrolle oder dem Zugriff nicht-europäischer Regierungen unterliegen", so Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge.
Was machen europäische Plattformen anders?
Am Beispiel der "X"-Alternative Mastodon kann man die Unterschiede zu den großen außereuropäischen Plattformen gut erkennen: Das Netzwerk arbeitet dezentral, Daten liegen nicht nur auf einem Server, sondern auf verschiedenen Rechnern, die von Privatpersonen oder Institutionen betrieben werden. Es nutzt das dezentrale Protokoll "ActivityPub", das vom World Wide Web Consortium rund um den "WWW"-Erfinder Tim Berners-Lee verwaltet wird.
Mastodon ist Teil des "Fediversums", eines Zusammenschlusses verschiedener unabhängiger, vor allem aus Europa stammender Netzwerke, zu dem auch PeerTube gehört. Die Plattformen im Fediversum basieren auf OpenSource-Software, was das ganze kostengünstiger und transparenter macht als die US-Originale. Die Anbieter verzichten bei der Programmierung der Algorithmen auf Endlos-Empfehlungs-Timelines und die Bevorzugung extremer Inhalte, das dient vor allem dem Jugendschutz und der Suchtprävention.
Was sind die Nachteile der europäischen Social-Media-Anbieter?
Jedes soziale Medium wird dadurch attraktiv, dass es viele Nutzende hat - und User und Werbetreibende so Reichweite und Sichtbarkeit generieren. Und da kommt der entscheidende Nachteil der Europäer ins Spiel: sie sind alle (noch) zu klein, um weltweite Relevanz zu erzeugen.
Als Problem gegenüber den großen Anbietern gelten der komplizierte Einstieg und die Bedienung. "Man muss Überzeugungsarbeit leisten, weil diese Alternativen nicht so bekannt sind. Und es kann sein, dass die Anwendungen eben nicht ganz so aussehen, wie du es gewohnt bist", sagte Jochim Selzer vom "Chaos Computer Club" gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd). Beim Umstieg auf andere Anwendungen gäbe es einen "gewissen Umgewöhnungseffekt".
Mastodon besitzt rund zehn Millionen registrierte Accounts und etwa eine Million monatlich aktive Nutzer. Die unter Peer Tube vereinten Videoportale kommen auf rund eine Million Videos. Und sie gehören damit schon zu den europäischen "Riesen". Dass die Europa-Alternativen den US-Amerikanern oder Chinesen den Rang ablaufen, ist also erstmal nicht in Sicht.