Verliert Selenskyj einen Orden - und Polens Sympathie?
2. Juni 2026
Am 26.05.2026 verlieh Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine, einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte den Ehrennamen "Helden der UPA". Zur Begründung hieß es, es gehe um die "Wiederherstellung der historischen Traditionen der nationalen Armee". Für die Beziehungen zu Polen, einem der wichtigsten Verbündeten der Ukraine im Kampf gegen Russland, bringt die Verleihung schwere Belastungen.
Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) kämpfte nach dem Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion (1941) für einen unabhängigen ukrainischen Staat, und das zunächst auf deutscher Seite. Um die polnische Bevölkerung aus den Gebieten zu vertreiben, die die UPA für die Ukraine beanspruchte, begingen UPA-Angehörige zahlreiche Verbrechen an polnischen Zivilisten.
Entsprechend scharf fiel der Kommentar von Polens rechtskonservativem Staatschef Karol Nawrocki zur Verleihung des Ehrennamens aus: "Präsident Selenskyj hat leider bewiesen, dass die Ukraine, was die Mentalität, was die Glorifizierung der Banditen und Mörder der UPA anbetrifft, nicht bereit ist, ein Teil der europäischen Familie zu sein", so Nawrocki am vergangenen Freitag in der polnischen Hauptstadt Warschau.
"In der europäischen Familie kann man Banditen und Mörder, die Frauen und Kinder, die Polen ermordet haben, nicht verherrlichen", legte der Staatschef laut Fernsehsender Polsat nach. Nawrocki sprach sich dafür aus, Selenskyj den Orden des Weißen Adlers, die höchste polnische Staatsauszeichnung, abzuerkennen. Am kommenden Montag (08.06.2026) soll die zuständige Ordensjury über seinen entsprechenden Antrag beraten.
"Nawrocki heizt die antiukrainische Stimmung an"
Der ukrainische Staatschef hatte den Orden vor zwei Jahren auf Antrag des damaligen polnischen Präsidenten Andrzej Duda erhalten. Duda hatte das Militärbündnis mit der Ukraine zur Priorität der polnischen Außenpolitik gemacht. Die militärische und politische Unterstützung aus Warschau hat zum erfolgreichen Aufhalten des russischen Angriffs in der Anfangsphase des Krieges 2022 wesentlich beigetragen.
Anders als sein Vorgänger, scheute Nawrocki bereits im Wahlkampf 2025 nicht vor Ukraine-Kritik zurück. Er bewertete die Chance des Nachbarlandes auf einen EU-Beitritt skeptisch und kritisierte angeblich zu weitgehende soziale Leistungen für ukrainische Flüchtlinge in Polen. Ein Jahr nach seiner Wahl hat Nawrocki immer noch keinen Antrittsbesuch in Kyjiw abgestattet. Stattdessen empfing er Selenskyj im Dezember 2025 in Warschau. "Nawrocki nutzt die Gelegenheit und heizt die antiukrainische Stimmung an. Er bekam einen Vorwand und nutzt ihn rücksichtslos - urteilte am Montag die Tageszeitung Gazeta Wyborcza.
Tusk bemüht sich um Schadensbegrenzung
Donald Tusk, der proeuropäische Regierungschef Polens, bemühte sich zunächst um Schadensbegrenzung. Er betonte, die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten habe die "polnische historische Sensibilität", verletzt. Jede Nation habe das Recht auf eigene Interpretation der Vergangenheit. Allerdings sollten sich Selenskyj und "unsere ukrainischen Freunde" bewusst sein, was "das düstere Erbe der UPA", für jede Polin und jeden Polen bedeute.
Tusk distanzierte sich von Nawrockis Vorschlag, Selenskyj den Orden zu entziehen. "Wenn wir uns über die Vergangenheit zerstreiten, wird jemand anderer die Zukunft gewinnen", warnte er und verwies auf Russland, "das sich darüber mit Sicherheit freuen wird".
Auch andere Vertreter der in Warschau regierenden Mitte-Links-Koalition äußerten sich empört zur Verleihung des Ehrennamens "Helden der UPA", appellierten aber gleichzeitig, jede Eskalation zu vermeiden. "Wir sollen nicht feindlich, aber hart reagieren", sagte Vizechef des Parlaments, Piotr Zgorzelski von der Bauernpartei (PSL) am 02.06.2026 dem Fernsehsender TVN. Selenskyj wolle die nationalistischen Kräfte in der Ukraine um sich scharen - und ignoriere dabei polnische Befindlichkeiten.
Kyjiw: Entscheidung nicht gegen Polen gerichtet
Das Außenministerium in Kyjiw versicherte am Freitag, die Verleihung sei nicht gegen Polen gerichtet. "Der Kampf der UPA symbolisiert für die ukrainische Armee ausschließlich den Widerstand gegen die imperiale Politik Moskaus", hieß es in einer Erklärung, wie die Polnische Nachrichtenagentur PAP berichtete.
Der Streit über die Vergangenheit überschattet seit Langem die polnisch-ukrainischen Beziehungen. Nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches am Ende des Ersten Weltkriegs (1917/18) erhoben sowohl Polen als auch Ukrainer Anspruch auf Gebiete, die bis Ende des 18. Jahrhunderts zu Polen gehört hatten, deren Bevölkerungsmehrheit aber ukrainisch war.
Beide Nationen lieferten sich 1918 blutige Kämpfe, unter anderem um Lwiw (polnisch: Lwów, deutsch: Lemberg). Dann wurde die Westukraine Bestandteil der polnischen Republik, der Osten des Landes geriet unter die sowjetische Herrschaft.
120.000 Todesopfer
Die Zahl der Opfer der Massaker, die die UPA im Zweiten Weltkrieg verübte und die in Polen als Völkermord gelten, wird auf mehr als 100.000 geschätzt. Bei Vergeltungsaktionen polnischer Partisanen wurden bis zu 20.000 Ukrainer getötet. Nach 1945 setzte die UPA ihren Kampf gegen die Sowjetisierung der Ukraine bis weit in die 1950er Jahre fort - und wird deshalb heute dort als Vorbild im Kampf gegen Russland verehrt.
Mit der russischen Vollinvasion gegen die Ukraine im Februar 2022 rückten die polnisch-ukrainische Auseinandersetzungen um die Vergangenheit in den Hintergrund. Nach anfänglicher Begeisterung für den Kampf des Nachbarstaats gegen den Aggressor und der Aufnahme von mehr als einer Million ukrainischer Flüchtlinge in Polen hat sich die Stimmung nun verschlechtert. Vor allem rechten Polinnen und Polen kritisieren die sozialen Leistungen für die Ukrainer im Land - und stellen Warschaus militärische Unterstützung für Kyjiw in Frage.
Tusks Dilemma: unterzeichnen oder Unterschrift verweigern?
Mit Kritik an Selenskyj will Nawrocki auch in der polnischen Innenpolitik punkten. Sein Vorstoß zielt auf Tusk - denn falls Polens Präsident anordnet, dass dem Ukrainer der Orden aberkannt wird, muss der Regierungschef diese Anordnung gegenzeichnen. Tut Tusk dies, beschädigt er das Verhältnis zum östlichen Nachbar, von dessen militärischem Erfolg gegen Russland auch Polens Sicherheit abhängt. Verweigert er dagegen seine Unterschrift, stempelt Polens Rechte ihn als Landesverräter ab, der die Gefühle der Polen ignoriert.
Ende Juni (25./26.06.2026) findet in Gdansk (Danzig) die 5. Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine statt. Es wäre ein fatales Zeichen, wenn der Streit zwischen Polen und der Ukraine im Vorfeld dieser wichtigen internationalen Konferenz für den Wiederaufbau der Ukraine eskalieren würde.