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Herbst: "Kirche muss mehr überzeugen"

Klaus Dahmann31. Juli 2014

Priestermangel, Kirchenschließungen, steigende Austrittszahlen - die großen christlichen Kirchen stecken in der Krise. Über Probleme und Perspektiven sprechen wir mit dem evangelischen Theologen Michael Herbst.

Der evangelische Theologe Michael Herbst - Foto: Theologische Fakultät der Universität Greifswald
Bild: Theologische Fakultät der Universität Greifswald.

DW: Herr Herbst, die Mitgliederzahlen der christlichen Kirchen in Deutschland sind rückgängig. Sind die Deutschen weniger religiös geworden?

Michael Herbst: Dass die Kirchen insgesamt schrumpfen, kann man kaum bestreiten. Die Gründe sind vielfältig. Einer ist die Säkularisierung in Deutschland. Seit langer Zeit beobachten wir einen Abbruch religiöser Traditionen, in Ostdeutschland natürlich verschärft durch die Jahre der DDR. Dort haben wir schon die dritte Generation Konfessionsloser. Und Kinder von Menschen, die nicht getauft sind, werden auch nicht getauft. Das ist aber nicht der einzige Grund. Ich denke, dass der Mitgliederrückgang auch teilweise damit zu tun hat, wie sich Kirche darstellt, ob sie sich so präsentiert, dass die Menschen hier etwas finden, das für sie wichtig und lebenshilfreich ist. Das tut die Kirche nicht immer in der Weise und Qualität, die nötig wäre.

Welche Weise wäre denn nötig?

Eine Perspektive wäre zu schauen, für welche Milieus das Angebot der Kirchen eigentlich attraktiv und überzeugend ist. Es ist doch sehr reduziert auf eher bürgerliche Milieus und auf ältere Menschen. Uns gelingt es nur sehr schlecht, auf die Eliten, auf Menschen in prekären Verhältnissen und auch vor allem auf junge Menschen zuzugehen. Die neue Kirchenmitgliedschaftsstudie zeigt, dass wir die schärfsten Einbrüche bei der jungen Generation verzeichnen. Ihr können wir offenbar nicht klarmachen, warum Glaube und Kirche wichtig sind.

Bei jungen Menschen spielen immer auch die Eltern eine große Rolle. Wird heutzutage in christlichen Elternhäusern Religion zu schlecht weitervermittelt?

Es ist schwierig, da eine einfache Schuldzuweisung zu machen. Ich glaube, dass viele Familien den Glauben sehr ernst nehmen und sich ernsthaft bemühen, ihn weiterzuvermitteln. Aber wer selbst Kinder hat, der weiß, dass das immer eine sehr unsichere Sache ist. Ich glaube, dass Eltern von den Kirchengemeinden mehr Unterstützung bräuchten, ihre Kinder christlich zu sozialisieren.

Die jüngsten Statistiken zeigen: Immer mehr Menschen kehren den großen Kirchen den RückenBild: picture-alliance/dpa

Welche Unterstützung brauchen denn die Eltern seitens der Gemeinden?

Wenn wir Kinder taufen, dann darf es mit dem Akt der Taufe nicht getan sein. Gemeinden müssen sofort anfangen zu überlegen, wie sie die Eltern weiter unterstützen können. Es gibt dafür auch gute Ideen: dass man die Kinderbibel vorbeibringt, die Tauftage in Erinnerung ruft, in konfessionellen Kindergärten Angebote macht, Elternabende und Seminare veranstaltet, bei denen über das Beten oder das Feiern des Weihnachtsfests mit Kindern gesprochen wird. Ich weiß natürlich, dass vieles schon passiert. Ich bin da auch, ehrlich gesagt, im Augenblick ein bisschen ratlos, warum trotz aller Bemühungen die Ergebnisse gerade in der jungen Generation so in den Keller gehen. Das ist eine sehr beunruhigende Tatsache.

Hinzu kommt: Gemeinden werden zusammengelegt, es herrscht Priester- und Pfarrermangel. Wie will man diese Zukunftsfragen der Kirche angehen?

Ich glaube, die zentrale Zukunftsfrage für die christlichen Kirchen ist immer, wie sehr sie ihrer eigenen Botschaft vertrauen und mit wie viel Leidenschaft und Freude sie ihre Botschaft in allen möglichen Lebensbereichen vertreten und bezeugen. Und erst unterhalb dieser Frage stellen sich für mich die weiteren Fragen. Ich finde die Probleme aufgrund nachlassender Studenten- und Pfarrerzahlen oder auch Gemeindefusionen zwar schwer wiegend aber nicht schicksalhaft. Es gibt durchaus andere Modelle, in denen das Ehrenamt in der Kirche gestärkt wird. Auch da, wo Kirchengemeinden zusammengelegt wurden, ist lokales geistliches Leben möglich. Man darf nicht den Flaschenhals der Pfarrerzahl immer zum letzten Kriterium machen. Es muss eine Stärkung des allgemeinen Priestertums geben. Wenn man das aber nicht tut, dann ist völlig klar: Jede Form der Zentralisierung geht meistens auf Kosten der Peripherie. Und an der Peripherie stirbt dann auch das noch ab, was es noch an religiösem Leben gibt.

Kirchen müssen Eltern helfen zu erklären, dass Weihnachten mehr ist als Baumschmuck und GeschenkeBild: picture-alliance/chromorange

Wo sehen Sie die Kirchen in zehn Jahren? Gibt es Möglichkeiten, die Schrumpfung aufzuhalten?

Darauf antworte ich mit einem klaren Jein (lacht). Die demographischen Faktoren sind so, dass man mit einem weiteren Schrumpfen rechnen muss. Es wäre "unnüchtern", hier etwas anderes zu erwarten. Aber ich möchte nicht, dass wir immer nur von der schrumpfenden Kirche sprechen. Denn dann rechnet man von oben die Mitglieder herunter, die uns verloren gehen - und kommt zu immer kleiner werdenden Zahlen. Dabei haben doch viele dieser verlorenen Mitglieder immer schon in einer inneren Distanz zur Kirche gelebt. Ich würde auch mal von unten her rechnen und jeden einzelnen Menschen zählen, der getauft wird, der zum Glauben findet, der nach langer Distanz vielleicht wieder in die Nähe rückt. Und dann werden Wachstumsprozesse deutlich, die es zu fördern gilt. Die Arbeit in den Gemeinden muss darauf zielen, einen nach dem anderen wieder zurückzugewinnen und ihnen das Evangelium zu verkünden. Und dann gibt es genug Verheißungen Gottes, dass die Kirche auch wieder wächst.

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Michael Herbst ist Professor für Praktische Theologie an der Uni Greifswald. In seinen Publikationen hat er sich mit Fragen der Gemeindearbeit, der Verkündigung des Glaubens und der Seelsorge in der modernen Zeit beschäftigt.

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