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Hilfe für Spaniens (fast) verlorene Jugend

Jugendarbeitslosigkeit | 18.10.2021

In Spanien hat es allzu lange keine staatliche Förderung oder Unterstützung für junge Leute gegeben - vor allem nicht für Studierende. Inzwischen haben einige Politiker das erkannt und wollen das ändern.

Iván Rosero ist 22 Jahre alt und versteht sich nicht gut mit seinen Eltern, bei denen er noch lebt. Er hat aber weder den Antrieb noch das Geld, das häusliche Nest zu verlassen. Bei seiner staatlichen Ausbildung zum Videotechniker verdient er nichts.

So geht es einer Mehrheit der spanischen Jugendlichen, die im Durchschnitt erst mit knapp 30 Jahren selbständig werden und einen eigenen Hausstand gründen. Der in der Gesellschaft weitverbreitete Familiensinn wurde von Politikern und Unternehmern lange ausgenutzt, um Geld zu sparen. Die Jugendlichen sind mit den Jahren bequem geworden. Das alles soll sich jetzt ändern.

Spaniens Regierung hat im neuen Haushalt 100 Millionen Euro für Arbeits- und Wohnungsmarkt-Maßnahmen extra für junge Menschen angekündigt. Damit steigen die Förderungsanstrengungen um 85 Prozent. Aber das reiche nicht, der Ruck müsse auch durch die spanische Unternehmenslandschaft gehen, glaubt Arbeitsministerin Yolanda Díaz.

Der 22-jährige Ivan Rosero wohnt noch immer im Haushalt seiner Eltern - in Madrid, mit Balkon

Satt und verwöhnt

Denn knapp 40 Prozent der bis 29-Jährigen haben nach offiziellen Angaben in Spanien keinen Job. Premier Pedro Sánchez warb vor einem Jahr für eine spanische "Startup-Nation". Aber dazu fehle es der Jugend an Risikobereitschaft: "Wer noch zuhause wohnt und umsorgt wird, der hat nicht das Bedürfnis, die Welt zu retten", muss auch Iván eingestehen.

Sollte die Mehrheit des spanischen Parlamentes in den kommenden Monaten für den aktuellen Haushalt stimmen, bekommen junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren einen Mietzuschuss von monatlich 250 Euro - wenn sie nicht mehr als rund 24.000 Euro im Jahr brutto verdienen. Das ist etwas weniger als ein Durchschnittsgehalt in Spanien. Ebenso kündigte der Premierminister einen einmaligen Kultur-Bonus für Jugendliche in Höhe von 400 Euro an.

Kein Bafög, keine Jobs

Die 21-jährige Julieta Martínez aus Madrid ist gerade im norddeutschen Münster zum Auslandssemester und staunt: "Es gibt hier ganz unkompliziert flexible Studentenjobs, billige Studentenwohnungen und Bafög". In Spanien gebe es nichts davon. "Im Gegenteil: Jeder spanische Arbeitgeber fordert Berufserfahrung und Selbstständigkeit. Aber woher sollen wir die haben, wenn es keine flexiblen Nebenjobs für uns gibt?", beklagt sich Martínez.

Die berufliche Ausbildung war bisher schlecht angesehen in der Gesellschaft. Dort fehlt das Verständnis für den Gesamtzusammenhang. Erst auf Druck aus Brüssel wegen der 140 Milliarden Euro "Next-Generation"-Direkthilfen haben sich Politik, Unternehmen und Gewerkschaften in Spanien an einen Tisch gesetzt. Es wurde die Anhebung des Mindestlohns auf 965 Euro im Monat, mehr Stabilität bei Arbeitsverträgen und die duale praktische Berufsausbildung beschlossen.

Studierte Taxifahrer

Diese Erfolge sind der spanischen Arbeitsministerin Yolanda Díaz zu verdanken: "Wir müssen anfangen, unser Ausbildungssystem auf den Markt abzustimmen, wenn wir die hohe Arbeitslosigkeit bei den Jugendlichen bekämpfen wollen." Viel zu viele Spanier studierten an der Universität und führen nachher Taxi.

Die engagierte 50-Jährige ist ohne Frage der Star der Regierung. Ihre Arbeit und die des Bildungsministeriums wird auch über die Parlamentswahlen 2023 entscheiden. Denn Spanien ist mit 16 Prozent Schulabbrechern während der Pflichtschulzeit europaweit Schlusslicht.

Ein strenges Bildungssystem

Das liegt an einem sehr verschulten und strengen System. Klassen zu wiederholen ist normal, Nachprüfungen sind Standard. Wer das Geld hat, schickt die Kinder auf einfachere Privatschulen und Unis. Iván etwa besuchte eine öffentliche Schule und brauchte mehrere Anläufe, um endlich sein Abiturzeugnis in den Händen zu halten.

Damit ist jedoch noch nicht der Zugang zur Universität gesichert. Dafür ist in Spanien noch eine theoretische Prüfung über den gesamten Schulstoff notwendig. Für die begehrten öffentlichen Posten gibt es dann nochmal ein Auswahlverfahren, das sich in manchen Fällen über Jahre hinzieht.

Julieta Martinez, hier an der Universität von Madrid, erfährt gerade in Deutschland andere Chancen für Studierende

"Next Generation"-Fonds haben schon viel bewegt

Die Regierung hat bis Dezember Zeit, das Parlament von ihrem jugendfreundlichen Haushalt zu überzeugen. Bisher hat Premier Sánchez keine Mehrheit, weil ideologisch motivierte Machtspiele der Parteien in Spanien viele Reformen verzögern. "Meine Schwester wohnt mit 26 Jahren auch noch zu  Hause. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir nicht weiterkommen", sagt Iván Rosero.

Politik interessiert Iván wie viele seines Alters nicht besonders, aber Yolanda Díaz - die gefällt ihm. Die Arbeitsministerin warnt vor US-Verhältnissen: "Wir müssen darauf achten, dass unsere Gesellschaft Möglichkeiten für alle bietet, sonst nähren wir Konflikte und Gewalt in den Städten."

Ihr zur Seite steht Wohnungsbauministerin Raquel Sánchez. Leerstehende Immobilien werden ab sofort mit einer höheren Grundsteuer bestraft, was das Angebot an Mietraum vergröβern und die Preise senken soll. 3,4 Millionen Wohnungen stehen in Spanien nach Angaben des nationalen Statistikamts INE leer. Bewegt wurden diese Dinge auch durch die Fonds aus Brüssel und viele Gespräche und Abstimmungen mit Kollegen in der Kommission.

Sozialwohnungen und private Stiftungen

Sozialer Wohnungsbau soll demnächst mit dem neuen "Ley de la vivienda" (Wohnungsgesetz) stärker gefördert werden. Damit soll vor allem jungen Familien und alleinstehenden Frauen geholfen werden. Der ehemalige Banker Conrado Giménez hat seine erfolgreiche Karriere aufgegeben, um jungen Frauen in Not zu helfen.

Seine Stiftung "Fundación Madrina" leistet, was der Staat seit Jahren ignoriert: "Die spanische Verwaltung ist viel zu kompliziert für junge Menschen in Not. Sie werden allein gelassen, vor allem Mütter und das in einem christlichen Land", klagt Giménez, der glaubt, dass er in einem "Macholand" lebt.

Darüber hat sich auch Arbeitsministerin Yolanda Díaz des Öfteren beklagt. Sie will neue Wege gehen: "Die Jugendlichen waren Haupt-Leidtragende der Krise in den 90er Jahren, der Finanzkrise 2010 und sie sind es jetzt in der Pandemie wieder. Wir können nicht alles auf ihrem Rücken austragen", warnt sie. 

Stefanie Claudia Müller (Madrid)