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Corona treibt Hunger in der Welt

19. Mai 2021

Deutsche Hilfsorganisationen ziehen im "Kompass 2021" eine alarmierende Bilanz: Die Corona-Pandemie sorgt für Rückschläge im Kampf gegen Hunger. Dabei stehen die größten Probleme noch bevor.

Eine Frau mit ihrem Kind beim Wäsche waschen im Flüchtlingscamp Bentiu, Südsudan.
Bild: Stefanie Glinski/Welthungerhilfe

Die Corona-Pandemie hinterlässt Spuren der Zerstörung - weltweit. Ein brutaler Stresstest selbst für reiche, gesellschaftspolitisch gefestigte Industrieländer. Um ein Vielfaches verheerender wirkt sich das Virus auf die ärmsten Länder des globalen Südens aus. Dort, wo Infrastruktur und medizinische Versorgung ohnehin nur mangelhaft vorhanden sind, wenn überhaupt.

Erwartungsgemäß beherrschen die Pandemiefolgen auch den "Kompass 2021", den die Welthungerhilfe und das Kinderhilfswerk terre des hommes in Berlin vorstellten. In dem jährlichen Bericht zur "Wirklichkeit der Entwicklungspolitik" analysieren die Hilfsorganisationen die internationale und deutsche Entwicklungspolitik, blicken auf künftige Herausforderungen - und ihre Bilanz ist bitter.

Im Moment gebe es als Folge der Corona-Pandemie einen "Rückfall der Errungenschaften der Kinderrechte um Jahrzehnte", konstatiert Birte Kötter, Vorstandssprecherin von terre des hommes. Die Zahl der Kinder, die in extremer Armut leben, sei nach Angaben der Vereinten Nationen um etwa 150 Millionen auf 725 Millionen gestiegen. "2020 gab es Lockdowns in fast allen Ländern der Erde. Davon waren 1,6 Milliarden Schulkinder betroffen. Ob sie je wieder zur Schule gehen können, ist ungewiss", umreißt Kötter die Dimensionen des Problems.

In Indien sind besonders Wanderarbeiter und ihre Familien von den Folgen der Pandemie betroffenBild: Florian Lang/Welthungerhilfe

Hunger, Krankheit, Kinderarbeit, Früh-Verheiratung - also Kinderehen, aber auch Migration und Vereinsamung von Kindern auf der Straße seien Konsequenzen der Pandemie. "Wir sehen das zurzeit in Indien und auch in Nepal, wo die Kinder wirklich extrem betroffen sind von den Auswirkungen der Pandemie." Millionen von ihnen litten an Hunger, landeten auf der Straße oder müssten zum Überleben ihrer Familien arbeiten oder betteln. "Jugendliche aus unseren Projekten erzählen uns, dass sie seit über einem Jahr nicht mehr zur Schule gehen und für sich keine Zukunft sehen", berichtet die terres des hommes Vorstandsprecherin.

155 Millionen Hungernde in 55 Ländern

Die Pandemie ist auch mitverantwortlich dafür, dass mehr Menschen von akutem Hunger betroffen sind: Ihre Zahl stieg um 20 Millionen auf 155 Millionen Menschen in 55 Ländern. "In Syrien, dem Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik leiden praktisch mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter akutem Hunger", sagt der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Mathias Mogge. Alle diese Länder seien betroffen von langjährigen Kriegen, Konflikten und Klimawandel.

Das Virus brachte auch die Hilfsorganisationen selbst ins Schleudern. Die Arbeit der Welthungerhilfe kam an vielen Punkten zum Stillstand. "Immer wieder mussten Büros geschlossen werden, konnten Teams nicht in die Arbeitsgebiete fahren", führt Welthungerhilfechef Mogge gegenüber der Deutschen Welle aus. Die Welthungerhilfe konnte zeitweise nur in rund einem Dutzend Länder arbeiten.

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Manchmal reichte es nur für die Verteilung von Nahrungsmitteln und Bargeld-Gutscheinen. Wie bei den Wanderarbeitern in Indien. Viele mussten wegen Corona aus den großen Städten zurückgehen in ihre Heimatdörfer - und sind unterwegs gestrandet. "Die haben sich auf einmal ohne Wasser, ohne Nahrung mitten auf dem Land wiedergefunden. Dabei ging es tatsächlich nur noch um Überlebenshilfe", berichtet Mogge.

Globale Probleme erfordern globale Lösungen, diese Botschaft zieht sich wie ein roter Faden durch den 28. Kompass. Viele Krisen lassen sich längst nicht mehr von einzelnen Staaten lösen. Corona und vor allem der zunehmende Klimawandel machen vor Staatsgrenzen nicht Halt. Auch wer Fluchtbewegungen verhindern, Migration steuern, Hunger und Armut bekämpfen will, braucht internationale Zusammenarbeit. Der Norden beeinflusst mit seinem Konsum, seiner Wirtschaftsweise und seiner Politik die Lebensverhältnisse im Süden – was immer mehr auch umgekehrt gilt.

Ein Sturm im Südsudan. Die Hungerprobleme aufgrund anhaltender Konflikte und Vertreibungen werden durch schwere Dürren und extreme Regenzeiten weiter verschärftBild: Spyra/Welthungerhilfe

Vor diesem Hintergrund fordern Welthungerhilfe und terre des hommes mehr Verteilungsgerechtigkeit und Engagement im Klimaschutz. Sie warnen vor Impf-Nationalismus. Die Impfkampagnen müssten auch in den ärmsten Ländern endlich beginnen, hieß es. Damit dürften die Hilfsorganisationen beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerhard Müller, offene Türen einrennen.

Der CSU-Politiker schlug erst vor wenigen Tagen eine Zusammenarbeit deutscher Unternehmen mit Indien oder Südafrika vor, um die Produktion von Impfstoffen schnellstmöglich zu erhöhen. "Wir bereiten im Augenblick eine Kooperation mit Südafrika vor, um dort Produktions-Potenziale aufzubauen", kündigte der Entwicklungsminister im Ersten Deutschen Fernsehen an.

Mathias Mogge, Generalsekretär der WelthungerhilfeBild: picture-alliance/dpa/Welthungerhilfe/B. Frommann

Auch das sogenannte Lieferkettengesetz als Mittel im Kampf gegen Kinderarbeit, Hungerlöhne und Umweltschäden beschäftigte die Hilfsorganisationen. Frankreich und die Niederlande haben es schon, auf EU-Ebene ist es in Vorbereitung. In Deutschland liegt ein Entwurf vor. Das Gesetz für faire Arbeitsbedingungen und ordentliche Umweltstandards soll noch vor der Sommerpause verabschiedet werden.

Kritik am Lieferkettengesetz-Entwurf

Welthungerhilfe-Generalsekretär Mogge begrüßt den deutschen Entwurf zwar als ersten großen Schritt. Im DW-Gespräch bemängelte er jedoch, dass Umweltstandards nicht ausreichend berücksichtigt würden. Es fehle auch das Menschenrecht auf Nahrung und vor allem eine zivilrechtliche Haftung. "Das heißt, Opfer haben keinen Zugang zu deutschen Gerichten. Deswegen fordern wir eine Nachbesserung", sagte Mogge.

Coronavirus und Hunger bedrohen auch die Flüchtlingscamps bei Idlib in SyrienBild: HIHFAD/Welthungerhilfe

Licht und Schatten gibt es auch bei der internationalen Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit. Nach vier Jahren Stagnation stiegen die globalen Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Aid, ODA) wieder an. Sie kletterten von 151 Milliarden US-Dollar 2019 auf 161 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr. Allerdings: Laut vorläufigen Berechnungen sind davon zwölf Milliarden US-Dollar Ausgaben in Reaktion auf die COVID-19-Pandemie. Zudem wurde 2020 ein größerer Anteil an Entwicklungshilfe in Form von Krediten vergeben. Das birgt die Gefahr einer höheren Verschuldung der Empfängerländer, befürchtet der Kompass-Bericht.

Trend zu Lasten ärmster Länder

Ein Großteil der zusätzlichen Mittel floss an Länder mit mittlerem Einkommen. Die ODA-Hilfen für Länder mit niedrigem Einkommen sind dagegen leicht gesunken. Das gilt auch für die Länder in Subsahara-Afrika. Der Kompass deckt auch auf, dass Deutschland das international vereinbarte Ziel, nämlich 0,2 Prozent seines Bruttonationaleinkommens für die ärmsten Länder aufzubringen, weit verfehlt hat. Deutschland hat lediglich gut die Hälfte aufgebracht. Dieser Trend zu Lasten der am wenigsten entwickelten Länder müsse sich umkehren, fordern die Kompass-Autoren.

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