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Hitlers DNA: Was Analysen wirklich über den Diktator zeigen

15. November 2025

Laut einer britischen Dokumentation soll Hitlers DNA-Analyse eine seltene sexuelle Störung und hohe Risiken für psychische Störungen belegen. Warum Rückschlüsse vom Erbgut auf sein Verhalten problematisch sind.

Screenshot | Channel4 Website Doku | schemenhaftes Hitlerporträt hinter der Schrift "Hitler’s DNA: Blueprint of a Dictator"
Schwachpunkt der Channel 4 Dokumentation: Mit Gentests allein lassen sich keine psychischen Erkrankungen diagnostizieren oder Verhaltenweisen erklären Bild: Channel4.com

Die Channel 4 Dokumentation "Hitler's DNA: Blueprint of a Dictator" legt achtzig Jahre nach Hitlers Tod nicht nur medizinische Fakten über den Diktator offen. Die Doku versucht auch, sein Verhalten anhand der DNA-Analyse zu erklären. Aus wissenschaftlicher Sicht ein höchst fragwürdiges Unterfangen.

Kallmann-Syndrom: Die seltene Störung des Diktators

Laut der DNA-Sequenzierung litt Hitler am seltenen Kallmann-Syndrom, einer genetisch bedingten Erkrankung, die zu geringeren Produktion von Sexualhormonen führt. Die Folgen sind ein fehlender oder stark verzögerter Eintritt der Pubertät, ein niedriger Testosteronspiegel, ein unterentwickelter Geruchssinn (Anosmie), Hodenhochstand und eine höhere Wahrscheinlichkeit für Mikropenis oder weitere Genitalanomalien.

Hitlers körperliche Defizite besangen britische Soldaten bereits 1939 in ihrem Schmähsong "Hitler Has Only Got One Ball". 

Die Rückschlüsse aus der DNA-Analyse decken sich durchaus mit Informationen aus Hitlers Krankenakte aus dem Gefängnis Landsberg, wo Hitler 1924 nach dem gescheiterten Putschversuch inhaftiert war. Damals diagnostizierte der Gefängnisarzt einen "rechtsseitigen Kryptorchismus", also einen nicht abgestiegenen rechten Hoden.

Außerdem verabreichte Hitlers Leibarzt Theodor Morell dem Diktator ab 1944 regelmäßig Testosteroninjektionen – was ebenfalls die These vom Kallmann-Syndrom stützen könnte.​

Psychische Risiken in Hitlers DNA?

Laut der Dokumentation weise Hitlers DNA ferner eine überdurchschnittlich hohe Wahrscheinlichkeit für ADHS, eine hohe Wahrscheinlichkeit für autistische Verhaltensweisen, Schizophrenie und eine Neigung zu antisozialem Verhalten auf. 

Tatsächlich gibt es belegbare Quellen und Beobachtungen von Zeitzeugen, die für eine psychische Störung oder "mentale Instabilität" Hitlers sprechen. In seinem Buch "A First-Rate Madness" hat der iranisch-amerikanische Psychiater Nassir Ghaemi, Professor der Psychiatrie an der Tufts University School of Medicine sowie Dozent für Psychiatrie an der Harvard Medical School in Boston, "mentale Instabilität" bei geschichtlichen Führungspersönlichkeiten untersucht. Von Abraham Lincoln bis zu Hitlers wichtigstem demokratischen Gegner, Winston Churchill. Hitler war Ghaemis einziges Negativbeispiel.

Ghaemi hält die DNA-Befunde für "wissenschaftlich fundiert" und ist von einer manisch-depressiven Erkrankung Hitlers überzeugt. "Manische Züge steigern die Kreativität und Belastbarkeit, depressive Symptome erhöhen die Empathie und den Realismus – allesamt Stärken für Führungskräfte. Diese Führungsqualitäten können für jede politische Ausrichtung genutzt werden, sei es autokratisch und tyrannisch wie im Fall Hitlers oder demokratisch wie bei Churchill", so der nicht an der Dokumentation beteiligte Psychiater gegenüber der DW.

Verschlimmert habe sich Hitlers "psychische Instabilität" ab 1937 aufgrund der täglichen intravenösen Verabreichung von Amphetaminen gegen seine Depressionen, so Ghaemi. Diese Einschätzung belegen auch historische Quellen.

Dass Hitler möglicherweise unter dem Kallmann-Syndrom litt, könnte laut Ghaemi erklären, "warum er im Gegensatz zu den meisten Menschen mit manischen Zügen offenbar keine hohe sexuelle Libido hatte, während er viele andere manische Züge aufwies, wie Gesprächigkeit, hohe körperliche Energie, einen geringen Schlafbedarf und ein überhöhtes Selbstwertgefühl." Aber dies sind Indizien, keine Beweise.

Adolf Hitler mit seiner Frau Eva Braun auf der gemusterten Sitzgruppe: Der Diktator soll ein gestörtes Verhältnis zu Frauen gehabt haben.Bild: kpa Keystone/United Archives/picture alliance

Tückische Rückschlüsse auf das Verhalten

Natürlich können solche Einschätzungen und die neuen medizinischen Befunde helfen, Hitlers Psychologie besser zu verstehen. Aber eine individuelle Zuordnung von Verhaltensweisen allein mit Genanalysen und den verwendeten "Polygenen Risikoscore-Tests" (PRS), mit denen das genetische Risiko für eine bestimmte Krankheit geschätzt wird, ist nicht zulässig. 

Die Ausprägung psychischer Störungen resultiert immer aus dem komplexen Zusammenspiel von Genetik, Umwelt, Lebensgeschichte und individuellen Erfahrungen. Mit Gentests lassen sich keine psychischen Erkrankungen diagnostizieren, dafür braucht es eine eingehende Einschätzung auf Grundlage von Symptomen, Gesprächen mit der betroffenen Person und ihrem Umfeld.

"Der Sprung von der Biologie zum Verhalten ist gewaltig", gibt der an der Dokumentation beteiligte britische Psychologe Simon Baron-Cohen zu. Damit räumen die an der Dokumentation beteiligen Genetiker und Psychologen ein, dass Rückschlüsse allein auf Basis eines durch DNA-Analysen ermittelten höheren Risikos nicht zulässig sind - um dann aber doch über mögliche Diagnosen oder Verhaltensmuster zu spekulieren. 

Ein Verhalten, das der kanadisch-britischen Genetikerin und Archäologin Turi King gerade auf die Füße fällt. King leitet derzeit das Milner Centre for Evolution an der Universität Bath und war zuvor Professorin für Öffentlichkeitsarbeit und Genetik an der Universität Leicester. Berühmt wurde sie durch die DNA-Analyse der Überreste von Richard III. auf einem Parkplatz in Leicester.

Zwar wollte Turi King ihre Forschungsergebnisse zu Hitlers DNA eigentlich bei einer medizinischen Fachzeitschrift einreichen und einem Peer-Review-Verfahren, also der wissenschaftlichen Überprüfung durch Fachleute, unterziehen lassen. Aber die Produktionsfirma wollte dieses langwierige akademische Verfahren nicht abwarten und King stimmte letztlich zu. Nun steht ihr akademisches Renommee auf dem Spiel.

Gerücht widerlegt: Hitler war kein Jude

Zumindest ein hartnäckiges Gerücht konnte die Gen-Analyse ausräumen: Hitlers angebliche jüdische Abstammung. 

Noch 2022 hatte der russische Außenminister Sergej Lawrow behauptet, Hitler habe einen jüdischen Großvater gehabt. Laut DNA-Analyse gebe es jetzt aber klare genetische Beweise für Hitlers österreichisch-deutsche Wurzeln.

Hitlers Geburtshaus wird Polizeiwache

02:14

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Souvenir vom Todessofa: Ursprung der DNA-Spuren

Das untersuchte DNA-Material stammt laut Dokumentation von einem blutbefleckten Sofa, auf dem sich Hitler am 30. April 1945 erschoss. 

Später habe Oberst Roswell P. Rosengren, Presseoffizier der US-Armee, ein Stück des gemusterten Sofapolsters als makabres Souvenir aus dem "Führerbunker" mitgenommen. Nun lagert es im militärhistorische Museum in Gettysburg im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Geschichte ist durchaus plausibel: Es gibt mehrere Fotos von Hitler und dem Sofa und wie sowjetische und amerikanische Soldaten Stofffetzen aus dem Sofa schnitten.

Triumpf in Hitlers Privatgemächern: Ein US-Soldat steht am Sofa, an dem sich Hitler erschoss und sammelt SouvenirsBild: akg-images/picture alliance

Problematischer ist dagegen die Zuordnung: Laut Dokumentation sei die Echtheit des DNA-Materials durch den Abgleich mit bekannten Proben aus der Hitler-Verwandtschaft überprüft worden. Aber wer dieser Hitler-Verwandte ist, bleibt unklar. Auch ob diese noch lebenden Nachfahren von Hitler dem Abgleich zugestimmt haben, bleibt offen. 

Gefahr von Stigmatisierung und Verharmlosung

Auch den an der Dokumentation beteiligten Forschenden war bewusst, dass die Verknüpfung von Autismus oder der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit Hitler als Inbegriff des Bösen hochproblematisch ist. "Es besteht ein hohes Risiko der Stigmatisierung", gibt Psychologe Simon Baron-Cohen in der Dokumentation zu Bedenken. Denn eine solche Verknüpfung birgt die Gefahr, dass Menschen mit psychischen Krankheiten womöglich mit dem Massenmörder assoziiert werden.

Außerdem besteht die Gefahr, dass durch eine Pathologisierung Hitlers als "Verrückten" sein menschenverachtendes Verhalten mit einer genetische Veranlagung begründet und somit verharmlost wird. Dies sei aber nach Ansicht Ghaemis "eine ständige Sorge einiger deutscher Wissenschaftler und Aktivisten". Aussagen zu Hitlers Gesundheitszustand hätten "keinen Einfluss auf seine moralische Verantwortung für seine Verbrechen", so Ghaemi gegenüber der DW. Moralisch und auch rechtlich sei Hitler für sein Handeln verantwortlich.

Hitlers DNA und der Mythos vom 'arischen Herrenmenschen'

Ironie der Geschichte: Nach seinen eigenen NS-Gesetzen wäre Hitler selbst als "erbkrank" und "lebensunwert" Opfer seiner Euthanasieprogramme geworden.

Laut der sogenannten "Rassenlehre" der Nazis liege das menschliche Schicksal im Blut. "Die Fähigkeit des positiven oder negativen Entschlusses ist ein Charakterzug, der durch das Blut bestimmt wird", heißt es in seinem Buch "Mein Kampf".

Demnach befähige die Reinheit des Blutes den Einzelnen, "richtige" Entscheidungen zu treffen und stärke den Zusammenhalt einer Nation. Demgegenüber führe die die Vermischung des Blutes durch "Rassenmischung" zu "unlogischem" Handeln und stürze Zivilisationen ins Verderben.

Also genau dahin, wohin Hitler in seiner zwölfjährigen Gewaltherrschaft große Teile der Welt stürzte – ins Verderben.

 

Die Channel 4 Dokumentation "Hitler's DNA: Blueprint of a Dictator" erscheint in zwei Episoden und ist ab dem 22.11.25 vollständig verfügbar.

 

Der Artikel wurde zuletzt am 17.11.25 um die Sendedaten der Dokumentation überarbeitet. 

 

Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit
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