Hitlers Geburtshaus in Braunau ist jetzt eine Polizeistation
21. Juli 2026
Ab Mittwoch, den 22. Juli 2026, hat die Polizei im österreichischen Braunau am Inn eine neue Bleibe: Polizeistation und Bezirkspolizeikommando sind jetzt unter der Adresse "Salzburger Vorstadt 15" zu finden - eine Nachricht, die über Braunau hinaus kaum jemanden interessieren würde, wenn dort nicht im April 1889 Adolf Hitler, der selbsternannte "Führer" des Deutschen Reichs, das Licht der Welt erblickt hätte. Er brachte Europa und der Welt den Zweiten Weltkrieg mit zig Millionen Todesopfern und war Hauptverantwortlicher des Holocausts, der systematischen Ermordung von rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden.
Hitlers Eltern, die dort zur Miete wohnten, zogen nach wenigen Monaten um. Heute blickt das Gebäude auf eine sehr wechselhafte Geschichte zurück: Nach dem sogenannten "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 1938 erwarb die Nazipartei NSDAP das Geburtshaus ihres "Führers" und richtete darin ein ideologisch geprägtes Kulturzentrum ein. Nach dem Krieg fiel es an die Alteigentümer zurück. Der Staat wurde Mieter, anschließend diente es mal als Bibliothek, mal als Schule, zuletzt als Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Seit 2011 stand Hitlers Geburtshaus leer. 2016 beschloss die Republik Österreich die Enteignung des Gebäudes aus Privatbesitz - um zu verhindern, dass Neonazis den Ort als Pilgerstätte vereinnahmen. Ziel war die "Neutralisierung des gesamten Ortes".
Umbau für 20 Millionen Euro
Das Innenministerium setzte eine "Kommission zum historisch korrekten Umgang mit dem Geburtshaus Adolf Hitlers" ein und beauftragte sie damit, ein Konzept für die weitere Nutzung der historisch belasteten Immobilie zu entwickeln. Die Kommission plädierte für eine "sozial-karitative oder behördlich-administrative Nutzung".
Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und Kommissionsmitglied, erklärte 2023 gegenüber der DW: "Es ging immer darum, dass dieses Haus kein Pilgerort für Nazis wird." Er hätte sich auch andere Nutzungen vorstellen können, so Deutsch. Festzuhalten sei aber, "dass hier eine Polizeistation eines demokratischen Rechtsstaates vorgesehen ist, deren Aufgabe es unter anderem ist, gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung vorzugehen".
Der Historiker Oliver Rathkolb, ebenfalls Mitglied des Gremiums, erinnert sich: "Als erste Option haben wir einstimmig eine lebensbejahende Institution wie die 'Volkshilfe' (eine Wohlfahrtsorganisation, Anm. d. Red.) vorgeschlagen, die aber ablehnte", erklärt er schriftlich. "Durch die Polizeistation werden die Hitler-Verehrer abgeschreckt, sich mit Selfie vor dem völlig umgebauten Haus abzubilden."
Zu diesem Zweck ließ der Staat das Gebäude für rund 20 Millionen Euro komplett neu gestalten, inklusive betont schlichter Fassade. Die Braunauer sehen das Ergebnis mit gemischten Gefühlen. "Hier wurde eine einzigartige historische Chance vertan, das Geburtshaus des größten Massenmörders der Menschheit in einer nachhaltigen und historisch verantwortungsvollen Art und Weise zu nutzen", sagt Eveline Doll, gebürtige Braunauerin und Sprecherin der örtlichen Bürgerinitiative "Diskurs Hitlerhaus", im DW-Gespräch. "Natürlich hat die Stadt keine Verantwortung dafür, aber weltweit wird Braunau damit konnotiert, dass hier der größte Massenmörder der Menschheit geboren wurde - und das wird auch immer so bleiben." Laut einer Umfrage von 2023 waren nur sechs Prozent der Befragten mit einem Einzug der Exekutive einverstanden.
Dunkle Geschichte der Polizei zur NS-Zeit
"Es hat in den letzten mehr als 25 Jahren genug Ideen und Initiativen gegeben, dieses Haus als Ort der Zusammenkunft für Frieden, Freiheit, Demokratie und Toleranz zu nutzen. Also alles Botschaften, die gerade jetzt auch wieder für die Zukunft extrem wichtig sind", erklärt Eveline Doll. "Doch all diesen Ideen wurde eine Absage erteilt und jetzt wurde hier eine Polizeistation eingerichtet, die in vielerlei Hinsicht ein Kritikpunkt ist."
Damit ist nicht zuletzt die Rolle der Polizei während des Nationalsozialismus gemeint: Nachdem Adolf Hitler Heinrich Himmler 1936 zum "Chef der deutschen Polizei" ernannt hatte, wurden Polizei und SS zunehmend miteinander verzahnt. Besonders die Geheime Staatspolizei (Gestapo) entwickelte sich zu einem zentralen Terrorinstrument des Regimes und war maßgeblich an der Verfolgung politischer Gegner sowie an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt.
Florian Kotanko, Vorsitzender des Vereins für Zeitgeschichte Braunau, will keine Parallelen zur NS-Zeit ziehen: "Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat und die Polizei ist eines seiner Instrumente. Solange die Polizei bei Fehlverhalten auch zur Rechenschaft gezogen werden kann und Polizisten vor Gericht landen, ist ein prinzipielles Misstrauen gegen die Institution der Polizei nicht angebracht." Der heutigen Lösung steht er gleichmütig gegenüber: "Der Eigentümer, die Republik Österreich, hat eben so entschieden", sagt Kotanko gegenüber der DW.
Österreich ringt seit Jahrzehnten mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. 1938 annektierte Hitler das Nachbarland, der "Anschluss" ans Deutsche Reich wurde von vielen Österreichern bejubelt. Während der Nazi-Herrschaft wurden etwa 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden ermordet und 130.000 ins Exil gezwungen. Immer wieder wurde Österreich vorgeworfen, seine Mitverantwortung für den Holocaust nicht vollständig anzuerkennen. Die rechtspopulistische Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), 1956 gegründet von ehemaligen Nazis, holte bei der Nationalratswahl 2024 die meisten Stimmen, scheiterte jedoch an der Regierungsbildung.
Laut einer repräsentativen Onlineumfrage des Meinungsforschungsinstituts Unique Research für das Magazin "Pragmaticus" von 2025 stimmen 39 Prozent der befragten Österreicher der Aussage zu oder eher zu, dass "endlich ein Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus gezogen werden" sollte.
Gedenkstein bleibt
Die neu gestaltete Fassade bekommt keine Informationstafel; die Expertenkommission hatte zudem empfohlen, den vor dem Haus platzierten, aus Österreichs größtem Konzentrationslager Mauthausen stammenden Gedenkstein mit der Aufschrift "Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen." an eine andere Stelle in Braunau zu versetzen. Doch die Gemeinde entschied anders und ließ den Stein, wo er war.
Übrigens ist auch unter Hitlers letzter Meldeadresse in Deutschland die Polizei zu finden. Das Haus am "Prinzregentenplatz 16" im Münchner Stadtteil Bogenhausen gehörte Hitler bis zu seinem Tod. Nach dem Krieg ging das Gebäude in den Besitz des Freistaats Bayern über und wurde für verschiedene behördliche Zwecke genutzt. 1998 zog eine Polizeiinspektion dort ein. Sie öffnet seit Kurzem ihre Türen für ausgewählte Veranstaltungen: um zu zeigen, dass an diesem Ort mit seiner schwierigen Vergangenheit heute demokratische Werte zu Hause sind.