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Politik

Hitlers Propagandalüge

Elżbieta Stasik
30. August 2019

Franciszek Honiok, das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs, geriet zunächst in Vergessenheit. Alfred Naujocks war für seinen Tod verantwortlich - und blieb nach dem Krieg ungestraft.

Alfred Naujocks
Alfred Naujocks führte den Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31.08.1939 durchBild: Archiwum Radiostacji Gliwickiej/U.S. National Archives and Records Administration/public domain

Ein dunkles Auto hielt am 30. August 1939 gegen Mittag vor dem Restaurant Jarzombek in Hohenlieben (Lubie) in Oberschlesien. "Zwei Zivilisten, die ich vorher noch nie gesehen hatte, in Begleitung des Landjägermeisters M. kamen in unsere Gaststätte. Sie setzten sich an einen Tisch und bestellten bei unserer Angestellten Helena zwei Gläser Bier": Diese Erinnerungen der Wirtin veröffentlichte das Magazin "Der Spiegel" 1979. "Inzwischen hatte ich das Mittagessen fertig, und ich ließ durch Helena unseren damals 18 Jahre alten Sohn Friedhelm rufen. Helena kehrte zurück und erzählte, dass Friedhelm von Landjägermeister M. zu Honiok geschickt worden sei, um diesen zu holen. Ich war erbost, dass M. meinen Sohn weggeschickt hatte, ohne mich zu fragen."      

Friedhelm klopfte an die falsche Tür und kam ohne Franciszek Honiok zurück. "Nach etwa zehn Minuten kam der Inspektor (einer der beiden Fremden) in Begleitung eines kleinen Mannes zurück, dessen Alter ich auf etwa 30 bis 40 Jahre schätzte", erinnerte sich die Wirtin. "Der Inspektor führte diesen Mann, der einen einfachen grauen Anzug trug, am Ärmel. Ich nahm an, dass der Mann überrascht war, plötzlich abgeholt zu werden. Er wirkte richtig verdattert."             

Die Nazis nannten diese Toten "Konserven"

"Der Führer braucht einen Kriegsgrund", erklärte Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamts, im August 1939. Der Plan war einfach: Die Deutschen würden eine Reihe von Grenzüberfällen inszenieren, die angeblich Polen verübt hätten.  

Die wichtigste dieser Inszenierungen war ein Überfall "polnischer Insurgenten" auf den deutschen Sender in Gleiwitz in Oberschlesien. "Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand": Die Nazis wollten, dass diese Worte um die Welt gehen. In Wirklichkeit steckte ein SS-Kommando unter der Führung von Alfred Naujocks hinter dem angeblichen Angriff.       

"Die Lüge, die da konstruiert wird, ist atemberaubend", sagt der Historiker Florian Altenhöner im Gespräch mit der DW. Er ist der Autor des Buches "Der Mann, der den 2. Weltkrieg begann. Alfred Naujocks: Fälscher, Mörder, Terrorist". "Andererseits muss man sich fragen, warum sich dieses Regime nicht auf seine Macht verlässt, sondern den Anschein erwecken will, moralisch zu handeln, dass der deutsche Offensivkrieg als Verteidigungskrieg gerechtfertigt werden muss. Eine merkwürdige Vorstellung von Stärke." Die Aktion im Sender scheiterte aus technischen Gründen. Die Propagandabotschaft war nur in einem kleinen Gebiet rund um Gleiwitz zu empfangen. In Berlin hörte man sie nicht. Wie vorgesehen, blieb im Sender aber die Leiche von einem der angeblichen "polnischen Angreifer" zurück. Die Nazis nannten ihn zynisch "Konserve". Der namenlose Tote war Franciszek Honiok, den der junge Friedhelm in Lubie holen sollte.        

Naujocks selbst wies die Verantwortung für Honioks Tod zurück. "Es handelte sich um eine hochpolitische Aufgabe, die befehlsgemäß durchgeführt wurde", erklärte er 1963 in einem Interview mit dem "Spiegel".

Die Geburtsurkunde von Franciszek HoniokBild: Ancestry und Landesarchiv Berlin

Ein paar Stunden nach dem inszenierten Zwischenfall in Gleiwitz gab es noch zwei weitere fingierte Überfälle: auf ein deutsches Forsthaus in Pitschen (Byczyna) und auf eine Zollstation in Hochlinden (Stodoły). Auch in Hochlinden gab es sogenannte "Konserven" - diesmal Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen.

"Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium geschossen. Seit 5:45 wird jetzt zurückgeschossen!", verkündete Hitler am 1. September 1939. Er vertat sich um eine Stunde, was aber zweitrangig war. Die Zeitungen, vor allem das NSDAP-Organ "Völkischer Beobachter", haben die polnischen "Attacken" erbost kommentiert. Die Propagandalüge erfüllte ihren Zweck: Deutschland hatte angeblich keine andere Wahl und musste sich wehren.  

Das perfekte Opfer

80 Jahre später sitzen wir im Garten der Familie Honiok in Oberschlesien: Maria, die Witwe von Pawel Honiok, der Franciszeks Neffe war, ihr Enkel Damian, seine Lebensgefährtin Monika und ich, Reporterin der DW. Maria betrachtet lange das Foto von Franciszek. "Er hatte Geheimratsecken wie dein Opa", sagt sie nach langem Schweigen zu Damian.

Die Nachfahren des ersten Kriegsopfers: Damian Piskon, Maria Kobosz und Monika Zurawska (von links nach rechts) Bild: DW/E. Stasik

Sie wissen nur sehr wenig über Franciszek: Er verkaufte Landwirtschaftsmaschinen, war deutscher Staatsangehöriger, hegte aber eine große Sympathie für Polen. Er nahm sogar an einem der drei Schlesischen Aufstände teil, in dem die Oberschlesier den Anschluss der Provinz an Polen forderten. Außerdem soll er in Berlin beim ersten Kongress der Polen in Deutschland gewesen sein. Die Gestapo hatte ihn vermutlich schon im Visier.       

"Mein Mann erzählte, dass die Eltern flüsterten, wenn sie von ihm sprachen, und die Kinder sollten immer rausgehen. Sie hatten Angst", erinnert sich Maria. Zuerst gab es die Gestapo, dann die Sowjets, dann die polnischen Sicherheitsdienste.

"Ich weiß, dass mein Vater, Franciszeks Bruder, immer stolz auf ihn war", sagte Pawel Honiok 2009 britischen Journalisten, den einzigen, die bis zu jenem Zeitpunkt die Familie besucht hatten, um etwas über seinen Onkel zu erfahren. Der "Telegraph" veröffentlichte nach dieser Begegnung einen Artikel mit Franciszeks Foto - dem einzigen, das es noch gibt. Auf seiner Stirn zeichnen sich die Geheimratsecken deutlich ab.

"Es war lange ein Tabuthema. Als ob jeder Angst hätte, die Büchse der Pandora zu öffnen. Mein Großvater versuchte erst später, die Ereignisse zu ordnen, aber er hat es nicht mehr geschafft", sagt Damian. Pawel Honiok starb 2014.

Der Sendemast in Gleiwitz heute Bild: Krzysztof Kruszynski

Heute suchen Damian und Monika nach den Spuren der Vergangenheit. Papiere gibt es keine. Alles hat der Krieg zerstört. Dank der Geburtsurkunde aus dem Landesarchiv in Berlin erfahren sie wenigstens, dass der Urgroßonkel Franciszek (Franz) Honiok nicht, wie es jahrzehntelang hieß, im April 1898 geboren wurde, sondern am 28. März 1899.

Franz oder Franciszek? Deutscher oder Pole? Diese Fragen spiegeln das komplizierte Schicksal Schlesiens.

Naujocks "Abenteuertum"   

In Alfred Naujocks Karriere war Gleiwitz nur eine von vielen "Aktionen" im Dienste des Nazi-Regimes. Auf das Konto des gelernten Orthopädie-Mechanikers gingen unter anderem die Entführung zweier britischer Geheimdienstoffiziere aus den Niederlanden, die Fälschung britischer Banknoten, "Gegenterror" gegen die Widerstandsbewegung in Dänemark. Und wenigstens drei Tote, darunter Honiok. Verurteilt wurde Naujocks nur ein einziges Mal - 1949 in Dänemark, zunächst zu 15 Jahren Haft, in zweiter Instanz zu fünf Jahren. Doch schon im Juni 1950 wurde er wieder entlassen.          

Der Film "Der Fall Gleiwitz" stützt sich vor allem auf Naujocks' Aussagen in NürnbergBild: DEFA-Stiftung/K. Geffers

Naujocks kehrte in seine Heimatstadt Kiel zurück, später ließ er sich in Hamburg nieder. Er heiratete zum vierten Mal, führte ein einigermaßen bürgerliches Leben und erzählte von seinem "Abenteuertum", wie es Historiker Altenhöner formuliert: "Naujocks ist einer der wenigen NS-Täter, die ihre Geschichte öffentlich erzählt haben. Es sind Artikel über ihn entstanden, Fortsetzungsgeschichten in auflagestarken Illustrierten. Das hat aber auch damit zu tun, dass diese Taten, über die er gesprochen hat, unter dem Deckmantel von Abenteuern, Geheimdienstgeschichten erzählt werden konnten. Die öffentliche Empörung wäre auch damals eine andere gewesen, wenn er über Morde - zum Beispiel in Einsatzgruppen - erzählt hätte."      

1961 drehte Gerhard Klein bei der DEFA den Film "Der Fall Gleiwitz", der sich vor allem auf Naujocks' Aussagen in Nürnberg stützt. In der Bundesrepublik wurde er nur in Filmclubs gezeigt. In einer Handelsschule in Hamburg sollte sogar eine Veranstaltung "mit freundlicher Teilnahme Naujocks" stattfinden. Die Schulbehörde verhinderte dies in letzter Minute. Trotzdem wurde die Staatsanwaltschaft auf Naujocks aufmerksam und eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen ihn. Es war bereits der fünfte Versuch in Deutschland, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Vergeblich - denn 1966 starb Naujocks an Herzversagen.       

Das Verfahren übernahm die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf, wo Naujocks' ehemaliger Fahrer lebte. Zwar wurde es aus Mangel an Beweisen eingestellt, aber immerhin konnte die Identität des in Gleiwitz ermordeten Franciszek Honiok ermittelt werden. Nach drei Jahrzehnten bekam das von den Nazis als "Konserve" bezeichnete Opfer seinen Namen wieder.

Zum 80. Jahrestag der "Gleiwitzer Provokation" am 31. August wurde Familie Honiok zum ersten Mal nach Gleiwitz eingeladen - zum Gedenken an Franciszek, das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs.                  

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