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Hitze kostet deutsche Wirtschaft Milliarden

24. Juni 2026

Noch nie war ein Juni so heiß in Deutschland wie 2026. Das hat nicht nur Folgen für Mensch und Natur, sondern auch für Unternehmen. Hitze macht unproduktiv und krank, Kühlung kostet viel Geld.

Deutschland Berlin 2026 | Sonnenuntergang hinter dem Fernsehturm während Hitzewelle
Sonnenuntergang hinter dem Berliner FernsehturmBild: Florian Gaertner/photothek.de/picture alliance

Ein Schreibtisch am Fenster, das Gebäude nach Süden ausgerichtet - in der kalten und dunklen Jahreszeit sind Sonne und Wärme ein klares Plus. Im Sommer jedoch wird es an solchen Arbeitsplätzen ohne Verschattung und Klimaanlage unerträglich heiß. Als Folge des Klimawandels gibt es in Deutschland immer häufiger und länger anhaltend Hitzeperioden von bis zu 40 Grad. 

Eine effektive Kühlung ist in Deutschland noch vergleichsweise selten zu finden. Während in den USA eine Klimaanlage praktisch zur Grundausstattung gehört, ist sie in Deutschland nur in sechs Prozent aller Privathaushalte vorhanden. Von Büro- und Verwaltungsgebäuden verfügen inzwischen 50 Prozent über eine Kühlung. 

Wärmedämmung statt Hitzeschutz

"In den nördlichen Ländern sind Gebäude wegen der kalten Winter eher darauf ausgerichtet, Wärme zu speichern", sagt Volkswirtin Katharina Utermöhl, die sich beim Versicherungskonzern Allianz mit wirtschaftspolitischer Forschung beschäftigt. Sie ist Mit-Autorin einer Studie zu den Hitze-Folgen für die deutsche Wirtschaft. Darin wird vor enormen Kosten gewarnt, weil die Produktivität sinkt und die Energiekosten steigen. Extreme Hitze sei längst kein kurzfristiges Wetterphänomen mehr, sondern ein struktureller wirtschaftlicher Schock.

Überhitzung: Für Menschen, die draußen arbeiten, sind hohe Temperaturen lebensgefährlichBild: Frank Hammerschmidt/dpa/picture alliance

Für den menschlichen Körper sind Temperaturen ab 30 Grad Celsius eine deutliche Belastung, vor allem, wenn er nicht daran gewöhnt ist. Die Konzentration sinkt, das Schwitzen nimmt zu, Herz und Kreislauf reagieren. Für die Arbeitswelt habe das messbare Folgen, sagt Utermöhl im Gespräch mit der DW. "Ab 30 Grad sinkt die Produktivität um drei Prozent pro Grad und die Energiekosten, die steigen um 1,2 Prozent pro Grad." Menschen arbeiten langsamer, Fehler häufen sich, Maschinen laufen heiß. Wird gekühlt, braucht man mehr Strom und der ist teuer.

30 Grad plus: Mehr Kranke, weniger Leistung

Am schlimmsten ist die Hitze für Menschen, die draußen arbeiten. Also beispielsweise am Bau, in der Landwirtschaft oder als Paketboten. Ihre Gesundheit ist von Hitze akut bedroht. Generell steigen laut Bundesarbeitsministerium an Tagen mit über 30 Grad Celsius die Krankschreibungen um rund 3,5 Prozent. Bei längeren Hitzewellen um bis zu sechs Prozent. Auch das führt zu Produktivitätseinbußen. 

Insgesamt könnten sich laut der Allianz-Studie die wirtschaftlichen Verluste in Deutschland zwischen 2026 und 2030 auf insgesamt rund 131 Milliarden US-Dollar (120 Milliarden Euro) summieren. Es seien gar Einbußen beim Bruttoinlandsprodukt, also der Wirtschaftskraft, von bis zu drei Prozent möglich. Sinkende Renditen könnten die Investitionsbereitschaft von Unternehmen bremsen. Das wiederum werde sich zusätzlich negativ auf die künftige Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit auswirken, heißt es in der Studie. 

Heißester Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnung

Bei den möglichen ökonomischen Schäden des Klimawandels bewegt sich Deutschland allerdings noch im Mittelfeld. Frankreich, Italien und Spanien trifft es bereits härter, während nordeuropäische Länder noch vom Klimawandel profitieren, weil in den milderen Wintern weniger geheizt werden muss. 

In Deutschland gab es laut Deutschem Wetterdienst (DWD) zwischen 1961 und 1990 durchschnittlich 4,2 Tage pro Jahr mit 30 Grad Celsius Lufttemperatur und mehr. Zwischen 1991 und 2020 waren es schon 8,9 Tage und aktuell sind es zwischen 18 und 20. Im Süden der Republik mehr, im Norden weniger. Die aktuelle Hitzeperiode ist die längste in einem Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Auf die Hitzebelastung nicht vorbereitet

"Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent, und wir bezahlen dafür mit Menschenleben", sagte Hans Henri Kluge, der für Europa zuständige Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in Berlin. Mehr als 200.000 Menschen in Europa seien in den vergangenen vier Jahren an den Folgen von Hitze gestorben.

Die Wirtschaft sei auf die wachsende Hitzebelastung nicht ausreichend vorbereitet, sagt Allianz-Volkswirtin Utermöhl. "Also sicherlich ist es klar, dass Unternehmen auch heute schon sehen, dass diese Hitze sich auf die Erträge und auf die Kosten auswirkt." Es werde aber eher kurzfristig reagiert. Beispielsweise mit Homeoffice für die Angestellten oder für Eltern, wenn die Schule wegen der Hitze früher endet. 

Wie heiß dürfen Arbeitsräume sein?

Ein eigenes Hitzegesetz für Beschäftigte gibt es in Deutschland bislang nicht und Arbeitnehmer haben generell keinen Anspruch auf "Hitzefrei". Maßgeblich ist die Arbeitsstättenverordnung. Sie sieht vor, dass Arbeitgeber ab 26 Grad Raumtemperatur Maßnahmen gegen Hitzebelastungen prüfen sollen. Ab 30 Grad sind Schutzmaßnahmen wie bereitgestellte Getränke oder angepasste Arbeitszeiten erforderlich. Bei Temperaturen von mehr als 35 Grad gilt ein Arbeitsraum grundsätzlich als ungeeignet.

Der oppositionellen Linkspartei reicht das nicht. Sie fordert strengere Hitzeschutzmaßnahmen, die gesetzlich geregelt werden sollen. In Innenräumen müssten Getränke, Sonnenschutz und Ventilatoren sowie mehr Pausen angeboten werden. Menschen, die draußen arbeiten, sollten ein Klima-Kurzarbeitergeld bekommen können. 

Hitzeschutz als Teil des Risikomanagements

Katharina Utermöhl fordert vor allem langfristiges Denken und präventives Handeln. "Deutschland muss aufhören, Hitze als ein Sommerproblem zu betrachten." Es sei eine "wirtschaftspolitische Daueraufgabe". Das Stichwort lautet Risikomanagement. Der Umgang mit Hitze müsse in die ganze Unternehmensplanung aufgenommen werden. Das reiche von einer Analyse der Lieferketten über das Personalmanagement bis zu Immobilienentscheidungen. 

Hitze in Europa: Die Niederlande liefern Bäume

03:12

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Hier sieht die Volkswirtin auch den Staat in der Pflicht, der Hitzeschutz als zentralen Aspekt der Wirtschaftspolitik zu begreifen. "Man könnte beispielsweise steuerliche Anreize setzen für Gebäude, die auf diese steigenden Temperaturen und Hitzewellen ausgelegt sind." Helle Fassaden würden helfen, Verschattung oder auch die Begrünung von Gebäuden. Die gesamte Stadtplanung müsse überdacht werden

Kein Kühlwasser für Kraftwerke und die Bahn fällt aus

Hitze hat auch Folgen für die Infrastruktur. Ein Beispiel: Die Hitzewelle in Frankreich im Jahr 2019. Wegen fehlenden Kühlwassers mussten die Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln. Das Angebot wurde knapp, die Strompreise stiegen massiv. In der aktuellen Hitzewelle fallen in Frankreich Bahnreisen aus, weil sich Schienen in der Hitze verformen. 

"Ab 38 Grad Celsius funktioniert unsere Infrastruktur teilweise nicht mehr richtig", bemerkt Utermöhl."Da muss der Staat viel stärker investieren und eben die Infrastruktur auch wappnen." Eine weitere Mammutaufgabe für den finanziell bereits überlasteten Staat.

Siesta für Deutschland?

Vielleicht hilft beim Hitzeschutz der Blick in Länder, die schon länger mit extrem hohen Temperaturen leben müssen. In Südeuropa beispielsweise sind die heißen Mittagsstunden eine Zeit, in der Geschäfte geschlossen sind traditionell vieles stillsteht. Sollte Deutschland vielleicht auch so etwas wie eine "Siesta" haben?

Wegen Hitze geschlossen: Blumengeschäft in BerlinBild: DW

"Die jetzt eins zu eins einzuführen, das wäre jetzt vielleicht schwierig, das ist ja so etwas wie eine kulturelle Institution", meint Utermöhl. Aber die Siesta lasse sich durchaus für Deutschland "übersetzen" mit mehr Gleitzeit und flexibleren Arbeitszeiten: "Früher anfangen, die Mittagshitze meiden und später dann Arbeiten zu Ende bringen, das wäre eine Möglichkeit." 

Deutschland müsse sich mit geeigneten Maßnahmen zum Hitzeschutz akklimatisieren, daran gehe kein Weg vorbei, meint Utermöhl. "Unternehmen, die das jetzt tun, die werden in zehn Jahren einen klaren Wettbewerbsvorteil haben gegenüber denen, die sich eher dazu entscheiden abzuwarten."

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