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Hohe Haftstrafe wegen Sabotage an ICE-Strecke

Kriminalität | 29.03.2021

Wegen eines versuchten Anschlags auf die ICE-Strecke zwischen Frankfurt und Köln muss der Täter fast zehn Jahre ins Gefängnis. Das entschied das Landgericht Wiesbaden.

Die Richter am Landgericht Wiesbaden sahen es als erwiesen an, dass der Mann vor etwa einem Jahr vor einer Eisenbahnbrücke an der ICE-Strecke Frankfurt-Köln über 250 Schrauben der Schienenbefestigung gelöst hatte. Er wurde deshalb wegen versuchten Mordes zu neun Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Angeklagten versuchten Mord und gefährlichen Eingriff in den Schienenverkehr vor. Sie forderte deshalb sogar 13 Jahre Haft. Die Verteidigung beantragte Freispruch.

Zu einem Unfall kam es nicht. Ein aufmerksamer Lokführer eines ICE bemerkte im März vergangenen Jahres während der Fahrt über die Theißtalbrücke bei Niedernhausen in der Nähe von Wiesbaden Veränderungen. Die Strecke wurde sofort gesperrt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits über 400 Züge mit einem Tempo von bis zu 300 Kilometern pro Stunde über die lose Schiene gedonnert. Ein Sachverständiger berechnete in dem Prozess, dass es nur noch wenige Züge gebraucht hätte, bis ein ICE entgleist wäre.

Tatmotiv: "übersteigerte Geltungssucht"

Immer wieder nannte der Vorsitzende Richter bei seiner Urteilsbegründung zwei Worte: "übersteigerte Geltungssucht". Diese hatte nach Überzeugung des Gerichts den heute 52-jährigen Deutschen, bei dem ein Psychiater in dem Prozess eine dissoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert hatte, zu der Tat getrieben. Aus dieser Sucht heraus schickte der Mann, der wegen einiger seiner 22 Vorstrafen schon einige Jahre im Gefängnis gesessen hat, bereits 2018 etliche Schreiben unter anderem an das Bundeskanzleramt, in denen er laut Richter "wilde Geschichten" schilderte. Terroristen hätten ihm mitgeteilt, sie planten einen Anschlag auf eine ICE-Strecke, schrieb er. Nur er könne die Tat verhindern. Dafür verlange er 88,385 Milliarden Euro zuzüglich unter anderem lebenslanges kostenloses Bahnfahren sowie diverse "weibliche Gespielinnen".

Unmittelbar vor der Theißtalbrücke bei Niedernhausen waren die Schrauben gelöst

Nicht auf ein einziges seiner Schreiben erhielt er eine Antwort, und so wollte er nach Überzeugung des Wiesbadener Landgerichts seinen Forderungen mit einer Tat Nachdruck verleihen. Wie die Ermittlungsbeamten später feststellten, recherchierte er im Internet, wie Gleisarbeiten ausgeführt werden und wann auf der ICE-Strecke Frankfurt-Köln Züge fuhren. Der Mann mietete sich in einem Hotel in der Nähe unter falschem Namen ein und nutzte die nächtliche Ruhe von vier Stunden, in der dort keine Züge verkehren, um am Gleis mit einem großen Vierkantschlüssel insgesamt 254 Schrauben zu lösen, was laut Richter "erschreckend einfach war".

Die Konsequenzen seines Tuns waren ihm laut Richter dabei völlig klar. Strafmildernd wertete das Gericht, dass er nach der Tat zumindest versucht hatte, die Behörden zu warnen. Er rief sogar bei der Bundespolizei an, nannte den genauen Ort - doch er wurde wegen seiner völlig übertrieben geschilderten Geschichte nicht ernst genommen.

qu/kle (dpa, afp)