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Hohes Risiko in der Pharma-Branche

Martin Schrader20. April 2005

In der Pharma-Industrie können Wohl und Wehe eines Konzerns an einem einzigen Medikament hängen. Risiken und Nebenwirkungen sind deshalb in diesem Geschäft auch für Branchen-Riesen nicht ausgeschlossen.

Bittere Pille oder "goldene Pille"?Bild: AP

Fusionen, Akquisitionen und die wachsende Bedeutung des US-Marktes haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu dramatischen Veränderungen in der Liga der weltgrößten Pharmakonzerne geführt. Der größte Verlierer dabei ist Deutschland, das in den achtziger Jahren noch als "Apotheke der Welt" galt. Hoechst und Bayer waren gemessen am Umsatz mit verschreibungspflichtigen Medikamenten die größten Pharma-Konzerne, wie eine Statistik der Nachrichtenagentur Reuters zeigt. Heute befindet sich kein einziger deutscher Pharmakonzern mehr unter den ersten zehn. Die ersten Plätze belegen Pfizer aus den USA und GlaxoSmithKline aus Großbritannien.

"Deutschland hat in dieser Branche den Anschluss verschlafen und deshalb klar an Bedeutung verloren", meint Ingrid Mühlnikel vom Branchenmagazin "kma". Ein Grund dafür sind ihrer Einschätzung nach die zu geringen Investitionen in Forschung und Entwicklung, vor allem im Vergleich zu den USA. Deshalb gebe es immer weniger interessante Produkte in den Pipelines der hiesigen Pharmafirmen.

Kaufen und wachsen

Es geht nur mit Zusammenschluss: Rhone-Poulenc und Hoechst bildeten Aventis - doch die ging dann komplett nach Frankreich, an Sanofi-SynthelaboBild: AP

Die internationalen Konkurrenten sind vor allem durch geschickteres Vorgehen bei Fusionen und Übernahmen gewachsen. So schluckte Marktführer Pfizer, der 1993 noch auf Platz sieben rangierte, im Jahr 2000 in einer feindlichen Übernahme den Konkurrenten Warner-Lambert; zwei Jahre darauf kaufte man das Unternehmen Pharmacia. Bei GlaxoSmithKline zeugt schon der Name von der Fusionsgeschichte der vergangenen Jahre.

Der einstige Branchenprimus Hoechst aus Deutschland verschwand dagegen nach und nach von der Bildfläche: 1999 schloss man sich mit Rhone-Poulenc zur deutsch-französischen Aventis zusammen; diese wurde 2004 wiederum von Sanofi-Synthelabo übernommen und gilt nun als rein französischer Konzern. Gemessen am Börsenwert ist Sanofi-Aventis heute der viertgrößte Pharmahersteller hinter Novartis aus der Schweiz.

Marketing und Entwicklung verschlingen Geld

Immense Kosten für Forschung und Vermarktung von Medikamenten zwingen die Konzerne zu diesen Zusammenschlüssen. "Allein die Marketing-Kosten für die Einführung eines neuen Medikaments liegen weit im Milliardenbereich", sagt Thomas Kautzsch von der Unternehmensberatung Mercer. Zuvor müssten milliardenschwere Ausgaben für die Entwicklung der Medikamente gestemmt werden.

Das sind selbst für die Branchen-Riesen riskante Hürden. Denn nur eine Hand voll Produkte übersteht die verschiedenen Erprobungsphasen, erhält Zulassungen in Europa sowie den USA und kann sich dann zu so genannten Block Bustern entwickeln und Milliarden-Umsätze einbringen. Pfizers Blutfettsenker Lipitor ist nicht nur ein solcher Block Buster, sondern auch das erste Medikament mit einem Jahresumsatz von mehr als zehn Milliarden Dollar. Der Konzern verfügt über zehn weitere Bestseller mit Umsätzen von jeweils mehr als einer halben Milliarde Dollar, darunter auch das Impotenzmedikament Viagra.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie ein einzelnes Medikament große Konzerne ins Minus treiben kann.

Sorgenfalten

Der Rückruf von Lipobay bescherte Bayer MilliardenverlusteBild: AP

Scheitert ein Pharma-Unternehmen in der Endstufe der Entwicklung oder verschiebt sich die Einführung einer Arznei um einige Jahre, verursacht dies bei Aktionären Sorgenfalten. Der drittgrößte deutsche Pharmakonzern Schering hat kürzlich bei der Entwicklung eines neuen Krebsmittels einen schweren Rückschlag erlitten. Das Berliner Unternehmen teilte Ende März 2005 mit, dass sich die Zulassungsanträge für das Medikament voraussichtlich um zwei Jahre verzögern werden. An der Börse rutschten Schering-Aktien deshalb 13 Prozent ins Minus.

Auch der Bayer-Konzern hat schmerzhaft am eigenen Leib erfahren, dass Pharmaforschung ein Spiel mit hohem Risiko ist. Der Rückruf des Blutfettsenkers Lipobay wegen des Verdachts tödlicher Nebenwirkungen und die dadurch erzwungene Umstrukturierung bescherten dem Unternehmen 2003 Verluste in Milliardenhöhe. Danach legte der Mischkonzern seine hochfliegenden Pharma-Pläne zu den Akten und konzentriert sich nun auf das so genannte Over-the-Counter-Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten wie Aspirin+C.

Übernahmen auch in Japan

Die Konsolidierung schreitet auch in der japanischen Pharmabranche voran. Sankyo, die Nummer Zwei des dortigen Marktes, wird voraussichtlich im Oktober 2005 die Nummer Sechs, Daiichi, übernehmen. Auch die japanischen Pharmakonzerne stehen wegen steigender Entwicklungskosten und der wachsenden Präsenz ausländischer Konkurrenz auf dem heimischen Markt unter Druck. Bei den Umsätzen und den Investitionen in Forschung und Entwicklung hinken auch sie der internationalen Konkurrenz wie etwa dem Branchenprimus Pfizer deutlich hinterher.

Das weltweite Übernahme-Karussell ist damit nach Einschätzung von Kautzsch in dieser Branche längst nicht beendet. "Am Ende", so meint er, "werden deutlich weniger als zehn weltweit aktive, große Unternehmen übrig bleiben." Diesen winken freilich gute Geschäfte. Die Umsätze mit Pharma-Produkten sind im Jahr 2004 weltweit erneut um sechs Prozent gestiegen, auf dem wichtigen US-Markt sogar um acht Prozent. Das ist deutlich mehr als das durchschnittliche Wirtschaftswachstum.

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