Hongkong: Junge Aktivisten leiden im Stillen
Veröffentlicht 27. November 2025Zuletzt aktualisiert 28. November 2025
"Ich wusste, dass ich ins Gefängnis kommen könnte, weil ich versuchte, etwas zu verändern. Aber das Ausmaß war größer, als ich es mir vorgestellt hatte", sagt Kelly, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Die 18-Jährige wurde 2021 wegen "Verschwörung zur Anstiftung einer Subversion" und "Verschwörung zur Herstellung von Sprengstoff" verhaftet und saß vier Jahre lang im Gefängnis.
Kelly war eine der jüngsten Angeklagten, die mit einer Jugendgruppe namens "Returning Valiant" in Verbindung gebracht wurden, und der erste Fall, in dem eine Minderjährige unter dem so genannten nationalen Sicherheitsgesetz verurteilt wurde, das China 2020 in Hongkong eingeführt hatte. Kelly war dabei. Peking hatte das Gesetz damit begründet, dass in der Stadt nach massiven, teils gewalttätigen, prodemokratischen Protesten die soziale Ordnung wieder hergestellt werden sollte.
Nach fast vier Jahren in Haft kam Kelly im April frei. Sie kehrte in eine Stadt zurück, die sie nicht wieder erkannte. "Alles fühlt sich fremd an", sagt sie. Die örtlichen Cafés, die kleinen Läden, die vertrauten Ecken - alles war verschwunden oder durch Neues ersetzt, das fremd wirkte. "Das Hongkong, das ich kannte, gibt es nicht mehr."
Ihren Tagesablauf bestimmt nun ein ruhiger Rhythmus. Sie arbeitet Teilzeit in einem Café, besucht einmal im Monat einen Psychiater. Nachts versucht sie durchzuschlafen, ohne schweißgebadet aufzuwachen. "Manchmal träume ich, dass Leute mich jagen und vom Dach aus Schüsse abfeuern. Wenn ich aufwache, überprüfe ich die Tür und das Fenster - nur um sicherzugehen, dass sie nicht hier sind."
Die Geräusche der Stadt, in die sie zurückkehrte, treffen sie unausweichlich wie eine Erinnerung, die sie nicht los wird. "Ich kann nicht atmen, wenn zu viele Menschen da sind."
Pekings Kontrolle über Hongkong verschärft sich
Viele ihrer alten Freunde sind weg; andere gehen ihr aus dem Weg. "Manche wissen nicht, was sie reden sollen. Andere haben einfach Angst." Kelly meidet alles, was Aufmerksamkeit erregen könnte - alte Freunde oder die Slogans von früher. Sie hat gelernt, weniger zu sprechen, ihre Worte sorgfältig abzuwägen. "Selbst Lachen fühlt sich jetzt anders an."
Die Stille, mit der sie zu leben gelernt hat, breitet sich über die ganze Stadt. Fünf Jahre nach der Einführung des Sicherheitsgesetzes haben die Festnahmen zwar an Fahrt verloren, die allgemeine Kontrolle verschärft sich aber.
Online-Posts von Schülern werden überwacht, Kandidaten für Bezirksratswahlen müssen Loyalitätsprüfungen bestehen. Und ehemalige Gefangene berichten, dass sie auch nach ihrer Freilassung unter unsichtbarer Überwachung stehen.
Unterdessen kündigte die Regierung Anfang dieses Monats an, bis zum Jahr 2028 Zehntausende KI-ausgestattete Kameras in der ganzen Stadt zu installieren zu wollen - als Teil eines "SmartView"-Netzwerks, das laut Behörden die öffentliche Sicherheit verbessern soll. Für viele Hongkonger fühlt es sich an wie eine Erweiterung des bereits bestehenden Systems, sagt Kelly.
Joker Chan war fünf Monate in Haft wegen so genannter aufrührerischer Online-Posts - Statements und Slogans, die er teilte, als diese zu verbreiten noch möglich schien. Der Druck auf ihn ist auch heute nicht gewichen. Seit seiner Entlassung 2022 wurde er Hunderte Male von der Polizei angehalten und durchsucht. "Man kommt raus und denkt, man hat seine Schuld beglichen", sagt er, "aber die Gesellschaft berechnet weiter Zinsen. Es fühlt sich an, als würden sie mich jeden Tag daran erinnern - du bist nie wirklich frei."
Seine Tattoos, einst Symbole seiner Überzeugung, lassen ihn nun auf der Straße auffallen. "Manchmal starren sie nur hin", sagt er. "Manchmal stellen sie Fragen, die mit nichts zu tun haben."
Freiheit mit Vorsicht und Stillhalten
So unterschiedlich die Geschichten von Kelly und Joker sind - die eine lebt mit der Last der Erinnerung, der andere unter dem Blick des Misstrauens - ihre Leben folgen dennoch demselben Muster. Für beide markierte die Entlassung nicht ein Ende, sondern eine Fortsetzung ihrer Situation. Freiheit ist an Vorsicht und an Stillhalten gebunden - an den Raum zwischen sich selbst beobachten und beobachtet werden.
Als der Richter die Angeklagten von "Returning Valiant" verurteilte, schrieb er: "Selbst, wenn nur eine Person durch sie angestiftet wird, könnte die soziale Stabilität Hongkongs und die Sicherheit der Bewohner ernsthaft gefährdet sein." Er räumte ein, dass es keine direkten Beweise dafür gab, dass jemand angestiftet wurde, nannte jedoch das "reale Risiko" als ausreichende Rechtfertigung für die Strafe.
In dieser Argumentation liegt das Wesen der neuen Ordnung der Stadt begründet: Die Vorstellung, dass selbst die Gefahr des Widerstands zum Verbrechen geworden ist. Und die Niederschlagung der Proteste endete nicht mit Gefängnisstrafen, das harte Vorgehen änderte lediglich seine Form.
Manche entscheiden sich dafür, anderswo ein neues Leben zu beginnen - aber Kelly und Joker wollen mit ihrem Bleiben ein bescheidenes Zeugnis ablegen. "Wegzugehen fühlt sich an, als würde man alles auslöschen, was wir durchgemacht haben", sagt Kelly. Sie bleibt auch wegen ihrer Familie, wegen denen, die noch hier sind, und wegen der Fragmente einer Stadt, zu der sie einst gehörte.
Auch Joker bleibt. Seine Vergangenheit ist in seine Haut tätowiert - als Last und Erinnerung, als Dokumentation dessen, was nicht laut gesagt werden kann. "Das ist mein Zuhause, meine Straße, meine Geschichte."
Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand