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PolitikUkraine

Hunger in Oleschky - Ukraine bittet um Evakuierung

30. Mai 2026

Das ukrainische Oleschky ist von russischen Truppen besetzt. Doch noch immer harren hier zahlreiche Ukrainer aus - abgeschnitten von der Außenwelt und unter katastrophalen Bedingungen. Nun will Kyjiw die Menschen retten.

Blick auf die im Jahr 2022 zerstörte Antoniwka-Brücke, deren Trümmer im Fluss Dnipro liegen
Die im Jahr 2022 zerstörte Antoniwka-Brücke über den Fluss Dnipro in der Region ChersonBild: Celestino Arce Lavin/ZUMA/picture alliance

Die Lage im russisch besetzten Oleschky ist kritisch. Bei der Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Süden der Ukraine im Jahr 2023 wurde die Stadt zunächst überflutet und dann bombardiert. Heute ist sie praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Trotzdem leben dort laut ukrainischer Militärverwaltung noch bis zu 2000 Menschen, meist Pensionäre und Personen mit eingeschränkter Mobilität - aber auch 47 Kinder.

Vor Russlands umfassender Invasion besaß Oleschky 24.000 Einwohner und lag in einem beliebten Urlaubsgebiet. Von den 13 Orten der Gemeinde wurden fünf im Zuge der russischen Besatzung völlig zerstört. In den übrigen Ansiedlungen aber leben noch immer Menschen.

Wie Oleschky zur Falle wurde

Heute ist es fast unmöglich, Oleschky zu verlassen. Die Stadt selbst und alle Zufahrtsstraßen sind von der russischen Armee vermint worden. Einst verband die Antoniwka-Brücke über den Dnipro Oleschky mit der Gebietshauptstadt  Cherson, die unter ukrainischer Kontrolle steht. Doch die Brücke gibt es nicht mehr. Sie wurde im November 2022 von den Russen gesprengt, nachdem diese sich vom rechten aufs linke Ufer des Dnipro zurückgezogen hatten. 

"In Oleschky sterben Menschen durch Minen, durch direkte Einschläge in Häuser oder durch Granatsplitter", erzählt Ksenia Archipowa, die selbst in Oleschky lebte und jetzt immer wieder einzelne Menschen von dort evakuiert, der DW. "Das Krankenhaus wird mit Generatoren betrieben, aber es gibt praktisch keinen Treibstoff. Schwierige Operationen wie etwa Amputationen nach Minenexplosionen sind unmöglich", berichtet sie.

Das bestätigt auch Natalia, die anderthalb Jahre unter russischer Besatzung lebte und Oleschky nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms verlassen hat. "Die Menschen können kaum überleben, sie haben weder Strom noch Wasser. Medikamente werden fast gar nicht geliefert, Lebensmittel nur selten, und wenn doch, dann stehen alle in langen Schlangen, um wenigstens etwas zu kaufen, obwohl sie kaum Geld haben. Minen liegen an den Straßenrändern und explodieren, sobald ein Fahrradfahrer oder Fußgänger vorbeikommt. So sterben viele Menschen", sagt Natalia der DW.

Sie hat noch Verwandte und Bekannte in der Stadt, mit denen sie Kontakt hält, da Oleschky aufgrund der Nähe zur Stadt Cherson in Reichweite des ukrainischen Mobilfunknetzes liegt. Um ihre Handys aufzuladen, nutzen die Menschen Natalia zufolge Solarpaneele, die in teilweise zerstörten Häusern zurückgelassen wurden. Doch Natalia warnt, dass diese Kommunikation extrem gefährlich ist. Ukrainische SIM-Karten seien in den besetzten Gebieten verboten, wie auch jeglicher Kontakt zur ukrainischen Seite, sagt sie.

Kyjiw fordert humanitäre Korridore

Im vergangenen Winter geriet Oleschky zunehmend in Isolation. Die Verminung der Straßen nahm ein solches Ausmaß an, dass viele Unternehmer, die Lebensmittel aus den besetzten Gebieten in die Stadt brachten, dies aus Furcht um ihr Leben einstellten. Das führte im Februar beinahe zum Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung, berichtet Tetjana Hasanenko, Leiterin der ukrainischen Militärverwaltung in der Region Cherson, der DW.

"Ab März herrschte in Oleschky faktisch eine Hungersnot, da es von Mitte Januar bis Februar fast keine Lebensmittel mehr gab. Erst am 4. Mai kam ein LKW mit Lebensmitteln in Oleschky an, doch weitere Lieferungen gab es nicht. Ohne Strom müssen die Leute über offenem Feuer kochen, die Kühlschränke funktionieren nicht", so Hasanenko.

Einwohner von Oleschky stehen Schlange nach LebensmittelnBild: Ksenia Archipowa

Ihr zufolge will Kyjiw die Menschen retten. An den Bemühungen sind verschiedene Behörden beteiligt, darunter das Außenministerium, der Menschenrechtsbeauftragte, aber auch internationale Hilfsorganisationen. Erörtert wird die Einrichtung humanitärer Korridore, doch hänge diese nicht allein von der Ukraine ab. Russland missbrauche die Zivilbevölkerung von Oleschky als menschliche Schutzschilde, kritisiert die Leiterin der Militärverwaltung: "Wir haben es mit russischen Kriegsverbrechern zu tun. Ein humanitärer Korridor wäre nur unter Aufsicht internationaler Missionen - der Vereinten Nationen, des Roten Kreuzes oder anderer Organisationen - möglich."

Moskau gewährt keine Waffenruhe

Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez spricht von einer "humanitären Katastrophe". "Es gibt weder genug Lebensmittel oder Medikamente noch Trinkwasser", sagt er der DW. Anfang März erhielt er Hilferufe von Bewohnern der besetzten Stadt, worauf er sich an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wandte. Parallel führte er Gespräche mit Russlands damaliger Ombudsfrau Tatjana Moskalkowa.

Lubinez zufolge hatte sich das IKRK Ende April bereiterklärt, die benötigte Anzahl an Bussen bereitzustellen, um eine Evakuierung der Menschen aus Oleschky zu gewährleisten. Die Ukraine stimmte daraufhin technische Fragen einer möglichen Evakuierung aus Oleschky sowie aus benachbarten Ortschaften am linken Dnipro-Ufer ab, wurde Lubinez in ukrainischen Medien zitiert. Es sollen rund 6000 Zivilisten in Sicherheit gebracht werden, darunter auch 200 Kinder, so der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte. Derzeit erwartet Kyjiw von Moskau die Festlegung eines Datums für eine Waffenruhe, um mit der Evakuierung der Menschen beginnen zu können.

Ukraine bittet um internationale Hilfe

Unterdessen versucht der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte, die internationale Gemeinschaft auf die Lage in Oleschky aufmerksam zu machen. Das ukrainische Außenministerium teilte mit, Kyjiw wolle die prekäre humanitäre Lage in Oleschky und anderen Ortschaften im besetzten Teil der Region Cherson bei den Vereinten Nationen und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ansprechen. "Wir rufen die internationale Gemeinschaft dringend zu konkreten Maßnahmen auf, um unsere Bürger im vorübergehend besetzten Teil der Region Cherson zu retten", heißt es in einer Erklärung des Außenministeriums.

Der Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez warnt vor der Lage in OleschkyBild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

Suche nach Wegen zur Evakuierung

Während die Behörden noch über Korridore verhandeln, versuchen einige Menschen, die Stadt auf eigene Faust zu verlassen. Ksenia Archipowa hilft ihnen dabei. "Um zu ihnen zu gelangen, gehen wir je hundert Meter voran und prüfen, wo Minen liegen, erst dann lassen wir ein Fahrzeug nachkommen, und so kommen wir schrittweise voran. Wir evakuieren jede Woche sieben bis zwölf Personen", erklärt sie. Finanziell unterstützt wird ihre Arbeit von der Hilfsorganisation "Save Ukraine". Archipowa berichtet, dass die Menschen zunächst ins russisch besetzte Skadowsk und danach über Russland zur ukrainisch-belarussischen Grenze gebracht werden. Dies sei derzeit der sicherste Weg, die russisch besetzten Gebiete zu verlassen und in das von Kyjiw kontrollierte ukrainische Staatsgebiet zu gelangen.

"Aber nur wer Ausweispapiere besitzt, kann Oleschky auf diesem Weg verlassen", betont Archipowa. Wer sie verloren habe, müsse warten, bis die Besatzer irgendwelche neuen ausstellen. "Menschen ohne Dokumente, deren ganzes Hab und Gut bei Angriffen abgebrannt ist, kommen an den Kontrollpunkten nicht vorbei. Daher rate ich ihnen, sich russische Pässe zu besorgen, nur um fliehen zu können. Dafür verlangen die Russen aber, dass drei Nachbarn ihre Identität nachweisen. Wo sollen sie diese hernehmen?", fragt Archipowa.

Ihr zufolge blieben diese Menschen zunächst in Skadowsk. Auch für Familien mit Kindern sei eine Ausreise schwierig, da für Kinder erst ein russischer Pass ausgestellt werden müsse. Auch sie müssten monatelang in Skadowsk verharren, bis sie einen erhalten. Mit einem rein ukrainischen Pass ist eine Ausreise aus den russisch besetzten Gebieten de facto unmöglich geworden. "Wer das versucht, muss furchtbare Kontrollen über sich ergehen lassen - sechs bis sieben Stunden lang", so Archipowa. Außerdem haben die russischen Besatzungsbehörden die Hürden für Menschen ohne russische Staatsbürgerschaft systematisch immer höher geschraubt, so dass Inhaber ukrainischer Dokumente hier weitgehend festsitzen.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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