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Hurrikan Katrina und die vergessenen Kinder von New Orleans

Kathleen Schuster
29. August 2025

Vor 20 Jahren verwüstete Katrina New Orleans. Viele Kinder blieben mit ihrem Trauma allein, jeder sechste Jugendliche litt langfristig. Was können wir daraus für kommende Krisen lernen?

USA New Orleans 2005 | Rettung eines drei Monate alten Babys nach Hurrikan Katrina.
Von einem Hausdach wird es auf ein Boot mit Rettungskräften gereicht.
Tausende Kinder in New Orleans waren vom Hurrican Katrina betroffenBild: Gary Coronado/Palm Beach Post/dpa/picture alliance

Der Sturm von Hurrikan Katrina zog mit 200 km pro Stunde am 29. August 2005 durch New Orleans. In den frühen Morgenstunden wurde Arnold Burks durch Schreie geweckt.

Der 13-Jährige war einer von etwa 100.000 Menschen, die sich noch in New Orleans aufhielten.  Viele konnten es sich nicht leisten, die Stadt nahe der US-Golfküste zu verlassen, oder hatten kein Auto. Burks Vater und sein älterer Bruder beschlossen mit ihm, zu Hause zu bleiben.

Als der Morgen anbrach, schien die Stadt verschont geblieben zu sein. Burks erinnert sich sogar daran, wie viel Spaß es ihm gemacht hatte, durch die Fluten zu waten.

Doch im Laufe des Tages stieg der Wasserstand immer weiter an.

New Orleans liegt in einem tief gelegenen Sumpfgebiet, das größtenteils 1,8 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Die Deiche waren für Stürme der Kategorie 3 ausgelegt, konnten aber der enormen Flutwelle von Katrina nicht standhalten. Als die Deiche brachen, wurde die Stadt vom Wasser überschwemmt.

Burks und seine Familie mussten vor den Fluten fliehen. Das Wasser stand 2,4 Meter hoch, und da Burks nicht schwimmen konnte, klammerte er sich verzweifelt an einen Reifen. Schließlich erreichte er das Dach eines nahegelegenen Parkhauses. Auf dem Weg dorthin sah er nur noch das Dach des Hauses eines Nachbarn aus dem Wasser ragen.

"Ich weiß nicht, ob sie da drin sind oder nicht … bis heute weiß ich es nicht", sagt Burks.

Flucht vor den Steigenden Wassermassen: Menschen retten sich auf Dächer und warten auf HilfeBild: AP

Die Folgen des Hurrikans Katrina

Katrina liegt nun schon 20 Jahre zurück, doch der Sturm warf einen langen Schatten auf das Leben von Burks und Tausenden anderer Kinder.

Der Hurrikan forderte rund 1.200 Todesopfer und überflutete New Orleans wochenlang. Während dieser Zeit brach die Infrastruktur der Stadt zusammen: Strom fiel aus, medizinische Versorgung war kaum verfügbar. Besonders stark betroffen waren die armen, überwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel.

Die Bewohner mussten unter zunehmend prekären Bedingungen auf Hilfe warten. Tausende suchten Zuflucht im Superdome-Stadion, das in vielen Berichten als überfüllt, unhygienisch und unsicher beschrieben wurde.

Tausende Einwohner suchten nach dem Sturm Schutz im Stadion von New OrleansBild: Pat Sullivan/AP Photo/picture alliance

Schätzungen zufolge wurden unmittelbar nach dem Sturm rund 5.000 Kinder als vermisst gemeldet. Viele mussten Wochen oder sogar Monate warten, bis sie wieder zu ihren Familien kamen.

Unzählige verloren ihre Eltern und ihr Zuhause. Mehr als 370.000 wurden zu Flüchtlingen und über ein Drittel der Schulkinder blieb jahrelang entwurzelt.

"Wenn es um den Umgang mit Katastrophen geht, haben Kinder und Jugendliche andere Bewältigungsmechanismen als Erwachsene", sagt Eric Griggs, Vizepräsident von Access Health Louisiana, einem der größten Netzwerke von Gesundheitszentren des Bundesstaates.

"Stellen Sie sich vor, jemand nimmt einfach Ihr Gehirn und alles, was Sie wissen, schüttelt Ihren Kopf, schüttelt Ihr Gedächtnis, schüttelt alles und reißt es dann weg. Und legt es zurück, nachdem es zerstört wurde", sagt Griggs.

Eine Studie von Harvard-Forschern über die emotionalen Auswirkungen des Sturms auf Jugendliche von New Orleans ergab, dass jeder Sechste nach dem Ereignis anhaltende psychische Probleme hatte. Eltern hatten oft nur begrenzten Zugang zu professioneller Unterstützung für ihre Kinder.

Flucht vor steigendem Wasser: Viele Menschen verloren während des Sturms ihr ZuhauseBild: AP

Das Schweigen über die Erfahrungen von Kindern brechen

Viele dieser Kinder haben jahrelang nicht über ihre Erfahrungen gesprochen, sagt E'jaaz Mason, der zum Zeitpunkt des Hurrikans Katrina 13 Jahre alt war.

Er wachte am frühen Morgen des 29. August auf und sah, dass seine Mutter gebannt die Fernsehnachrichten verfolgte. Am Tag zuvor war sie mit ihm fünf Stunden in den Norden gefahren, um dem Sturm zu entkommen. Ihr Haus war eines von 150.000 überschwemmten Häusern.

Um die Auswirkungen von Katrina auf eine Generation von Kindern wie ihn selbst zu ergründen, war Mason, heute Filmemacher und Dozent an der Stanford University, Teil des Filmteams, das Dutzende von Menschen interviewte für den Dokumentarfilm "Katrina Babies" aus dem Jahr 2022, darunter auch Burks.

Nach Katrina kehrte E'jaaz Mason in sein Haus zurück und stellte fest, dass es nicht mehr wie ein Zuhause aussahBild: private

Die Befragten berichten, dass sie der Verlust von Menschenleben durch den Sturm nicht losließe, aber auch, dass ganze Stadtviertel vertrieben wurden. Die über Generationen gewachsene Gemeinschaft, die sozialen Bindungen wurden so zerstört. Die Hälfte der schwarzen Bevölkerung kehrte nie zurück.

Die Katastrophe hatte tiefgreifende Auswirkungen auf Mason. Doch das wurde ihm erst bewusst, als er während seines Studiums in Schwierigkeiten geriet und schließlich eine Nacht im berüchtigtsten Gefängnis von New Orleans verbrachte.

"Ohne Katrina wäre ich wohl nie an diesen Punkt gekommen", sagt er.

Mason war eines der vielen Kinder, die vor dem Sturm evakuiert wurden. Drei Monate später kehrte er kurz in sein Haus zurück und stellte fest, dass es nicht mehr wie sein Zuhause aussah. Seine Habseligkeiten lagen draußen verstreut. Im Inneren roch es nach Schimmel und alles war noch feucht. Der Sturm hatte alle Fotos seines verstorbenen Vaters zerstört.

"In diesem Moment verlor ich einfach alle Gefühle ... es fühlte sich einfach nicht real an", sagt Mason.

Viele Fotos von E'jaaz Mason und seiner Familie wurden im Hurrikan zerstörtBild: private

Heilung nach Katrina durch Geschichtenerzählen

Mason beschreibt die Arbeit an dem Dokumentarfilm als eine heilende Erfahrung. Gleichzeitig leiste der Film einen wichtigen Beitrag für New Orleans, indem er über posttraumatische Belastungsstörungen aufklärt, den Zusammenhalt der Gemeinschaften stärkt und über den Schutz vor Hurrikans informiert.

Er erinnert sich an die angespannte Stimmung bei einer frühen Vorführung in der Stadt: „Während des Films konnte man hören, wie die Zuschauer weinten“, sagt er.

An einer Stelle fragte der Regisseur Masons Eltern, wie sie sich vorstellten, dass Kinder mit der Katastrophe zurechtkämen. Sie antworteten, sie hätten geglaubt, den Kindern gehe es gut und sie seien glücklich.

"Ein lautes ‚mmhh‘ hallte durch den ganzen Saal", erinnert sich Mason. "Meine Mutter, die hinter mir saß, beugte sich vor und legte ihre Arme um mich. Und sie sagte nur: 'Es tut mir so leid. Ich hatte keine Ahnung, dass ihr mit solchen Dingen zu kämpfen hattet.‘"

Große Teile von New Orleans standen nach Katrina wochenlang unter WasserBild: Vincent Laforet/AP/dpa/picture alliance

Mehr Schutz vor Klimawandel in New Orleans?

Zwei Jahrzehnte nach Katrina sagt Mason, dass ihn das Trauma zwar gestärkt habe, der Preis für den Deichbruch an jenem Tag aber bitter gewesen sei. „Wir hätten besser vorbereitet sein müssen“, sagt er.

Ein Bericht der American Society of Civil Engineers von 2007 stellte fest, dass das Deichsystem in jeder Hinsicht versagt hatte – es war zu niedrig, nicht stabil genug und konnte das Absinken von New Orleans nicht ausgleichen.

In den Jahren danach wurden Deiche und Hochwasserschutzmauern verbessert, und die Stadt hat seither weitere Hurrikane überstanden. Dennoch bleibt New Orleans gefährdet.

Louisianas Küste erodiert schnell und macht die Region anfälliger für Stürme. Laut der Umweltorganisation The Nature Conservancy geht im Bundesstaat jede Stunde Feuchtgebiet in der Größe eines Fußballfeldes verloren.

Dies ist zum großen Teil auf den Klimawandel zurückzuführen – insbesondere auf die Erwärmung der Gewässer und den Anstieg des Meeresspiegels, also auf dieselben Faktoren, die bereits jetzt intensive Regenfälle und Überschwemmungen durch Hurrikane wahrscheinlicher machen.

Experten warnten diesen Sommer, dass die USA aufgrund von Kürzungen bei den Bundesbehörden zunehmend anfällig für Hurrikane sind.

Rettungskräfte hinterließen Sprühfarbenmarkierungen auf Häusern, die sie nach dem Hurrikan geräumt hattenBild: Justin Sullivan/Getty Images

Die Trump-Regierung hat die Mittel und das Personal für die wichtige Behörde zur Wettervorhersage gekürzt, der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und plant die Auflösung der Federal Emergency Management Agency, die für die Katastrophenhilfe zuständig ist.

Nach Katrina wurden die Menschen in New Orleans oft als "widerstandsfähig" dargestellt. Doch Mason ist der Ansicht, dass diese Darstellung künftige Generationen verletzlicher machen könnte, da sie den Druck von den Verantwortlichen nimmt, zu handeln.

"Es nimmt ihnen die Verantwortung und sagt ihnen: ‚Wisst ihr was, es spielt keine Rolle, ob wir positive Lösungen für den Klimawandel finden, denn die Menschen, die damit zu tun haben, werden zurechtkommen, sie werden sich wieder erholen‘", sagt Mason.

Adaptiert aus dem Englischen von Gero Rueter. Redaktion: Jennifer Collins

Holly Young hat diese Geschichte aus einer Folge des DW-Podcasts „Living Planet" adaptiert. Die Audioversion finden Sie hier.

 

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