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KonflikteJemen

Huthi-Angriffe auf Israel: Eskalation mit Kalkül

30. März 2026

Huthi-Angriffe auf Israel markieren eine neue Phase im Iran-Konflikt. Experten sehen darin weniger eine militärische Wende als eine strategisch kalkulierte Eskalation – mit Risiken für die Region und die Weltwirtschaft.

Huthi-Anhänger mit Porträts von Ali Chamenei bei Solidaritätskundgebung im Jemen für den Iran, März 2026. Zu sehen ist eine Menschenmenge mit Schildern
Huthi-Anhänger im Jemen zeigen bei einer Solidaritätskundgebung im März Porträts und Plakate von Irans ehemaligem obersten Führer Ali Chamenei Bild: Mohammed Huwais/AFP

Lange hatten sie sich zurückgehalten, doch dann griff die jemenitische Huthi-Miliz in den Iran-Krieg ein. Vier Wochen nach Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran vermeldete Israel am 27. März Attacken der mit Teheran verbündeten Miliz aus dem Jemen .

Die Huthi feuerten nach eigenen Angaben ballistische Raketen auf militärische Ziele im Süden des Landes ab, weitere Angriffe wurden angekündigt. Die israelische Armee bestätigte den Abschuss einer Rakete aus dem Jemen; die Luftabwehr sei im Einsatz gewesen, das Geschoss sei abgefangen worden.

Damit ist ein Akteur in den Krieg eingetreten, der lange gezögert hatte. Noch vor kurzem schien Zurückhaltung das Kalkül der Huthi zu bestimmen. In Nachrichtenagenturen hieß es, es gehe nicht um fehlende Entschlossenheit, sondern um den richtigen Zeitpunkt. Genau dieser scheint nun gekommen zu sein.

Die Huthi-Miliz startet eine Hyperschallrakete aus der jemenitischen Wüste (Archivaufnahme vom Juni 2024). Mit so einem Geschoss soll in der vergangenen Woche ein Frachtschiff im Arabischen Meer angegriffen worden seinBild: Wang Shang/Xinhua/picture alliance

Warum jetzt?

"Ich denke, die Situation ist in gewisser Weise unerwartet", sagt Luca Nevola, Senior Analyst für Jemen und die Golfregion bei der internationalen Beobachtungsstelle ACLED (Armed Conflict Location & Event Data Project), im DW-Interview.

Einen klaren Auslöser für den jetzigen Schritt sieht er nicht. "Es lässt sich kein unmittelbarer Kipppunkt erkennen", sagt Nevola. Vielmehr handele es sich um eine strategische Entscheidung: "Es scheint, als habe man den Zeitpunkt für ein Eingreifen als günstig eingeschätzt."

Hinweise auf verstärkte Aktivitäten im Roten Meer deuteten darauf hin, dass der Schritt auch als Druckmittel in den laufenden Verhandlungen verstanden werden könne. "Das Vorgehen kann dazu dienen, den eigenen Einfluss auf diese Verhandlungen zu demonstrieren."

Tatsächlich sprechen viele Beobachter von einer Ausweitung des Konflikts. Mit den Huthi öffnet sich eine weitere Front - neben Iran, Israel und den bereits involvierten Milizen im Libanon und Gazastreifen.

Zugleich unterstreicht ihr Eingreifen die Logik der sogenannten "Achse des Widerstands", in der Teheran verbündete Gruppen strategisch einsetzt, ohne selbst unmittelbar eskalieren zu müssen.

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Symbolische Warnung

Militärisch allerdings bleibt die Wirkung bislang begrenzt. "Ich betrachte die aktuellen Angriffe eher als symbolische Warnung - gewissermaßen als Warnschuss", sagt Nevola.

Ein Muster, das bereits 2023 zu beobachten gewesen sei: begrenzte, signalhafte Aktionen statt unmittelbarer Eskalation. "Der Eintritt in den Krieg bedeutet nicht zwangsläufig eine unmittelbare Eskalation", so Nevola weiter. Die Huthi agierten entlang klar definierter roter Linien – etwa wenn weitere Staaten aktiv eingreifen oder sich der Konflikt auf neue Räume ausdehnt.

Zugleich sende die Miliz bewusst politische Signale: "Es wurde betont, dass keine muslimischen Länder angegriffen werden sollen."

Auch diplomatisch ist der Schritt vielschichtig. Die Intervention wird von den Huthi als Teil einer größeren politischen Strategie dargestellt – nämlich als Unterstützung regionaler Partner und als Gegenmaßnahme gegenüber Israel und den USA.

"Dieses Narrativ dient auch dazu, innenpolitische Zustimmung zu sichern", sagt Nevola. Denn wie belastbar die Unterstützung für einen umfassenden Krieg im eigenen Machtbereich ist, bleibt unklar. Beobachter verweisen zudem darauf, dass die Führung in Sanaa ihre Rolle innerhalb des Bündnisses mit dem Iran festigen will.

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Erhebliche ökonomische Folgen

Ökonomisch  sind die Folgen erheblich. Die Ölpreise sind nach der Ausweitung des Konflikts stark gestiegen. Denn mit der Straße von Hormus ist bereits eine zentrale Energieroute beeinträchtigt.

Sollte sich die Lage nun auch auf das Rote Meer und die Meerenge Bab al-Mandab ausweiten, droht eine massive Störung globaler Handelsströme– mit spürbaren Folgen für Energiepreise, Lieferketten und Inflation.

Die Huthi haben hier Erfahrung. Bereits im Gaza-Krieg griffen sie wiederholt Handelsschiffe an und zwangen Reedereien, den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung zu nehmen – mit erheblichen Kosten. Eine Rückkehr zu solchen Angriffen gilt als wahrscheinlichstes Eskalationsszenario. 

Wie stark die Miliz tatsächlich ist, bleibt schwer zu beziffern. Sie kontrolliert große Teile des Nordjemen, verfügt über Raketen- und Drohnentechnologie und gilt trotz jahrelanger Luftangriffe als widerstandsfähig.

Zugleich ist sie geschwächt – durch militärischen Druck, wirtschaftliche Probleme und interne Spannungen. Schon vor wenigen Tagen hatte Nevola darauf hingewiesen, dass die Huthi "mehr zu verlieren haben als zu gewinnen".

Umso mehr spricht dafür, dass ihr jetziger Schritt kalkuliert ist. Kein blindes Eskalieren, sondern ein dosiertes Signal – militärisch begrenzt und politisch aufgeladen. Oder, in der Logik der vergangenen Wochen: nicht der Beginn einer neuen Dynamik, sondern deren nächste Stufe.

Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika
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