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"Ich möchte ein schönes Leben"

24. Mai 2004

- Wunsch und Wirklichkeit im Geburtshaus von Grosny - Gesunde Mütter und Kinder sind die Ausnahme

Bonn, 24.5.2004, DW-RADIO / Russisch, Natalja Nesterenko, Christiane Hoffmann

Sie hausen in zerstörten Häusern und sorgen sich täglich um ihr Überleben. In Tschetschenien ist die Angst vor Entführung und Anschlägen ständiger Begleiter der Menschen. Um ihre Gesundheit machen sie sich als letztes Sorgen, es würde ihnen bei der schlechten Versorgungslage auch nicht viel nützen. Der Dauerstress durch den Krieg macht auch den werdenden Müttern zu schaffen, die immer häufiger krank zur Entbindung ins Krankenhaus kommen - oder ins Geburtshaus in Grosny. Auch die Neugeborenen weisen häufig Fehlbildungen auf, die nicht behandelt werden können. Natalja Nesterenko war im Geburtshaus in der tschetschenischen Hauptstadt:

"Ich möchte ein schönes Leben!" - dieses Schild liest jede Frau, die die Geburtsstation des zentralen Geburtshauses in Grosny betritt. Enge Krankenzimmer mit einem kleinen Kohleofen erwarten die Hochschwangeren - wenn sie Glück haben. Denn viele von ihnen liegen mit bleichen Gesichtern in alten Betten auf dem langen Korridor der Station. Bjella Nuchajewa ist die Leiterin der Kinderabteilung:

"Die Frauen liegen hier auf dem Flur, denn wir haben keine Plätze mehr in den Krankenzimmern. Neugeborene liegen auch hier, sogar zu zweit in einem Bettchen, weil wir nicht wissen, wohin mit ihnen. Wir können demnächst fünf oder sechs Frauen entlassen, aber es kommen ja neue und dann haben wir wieder Platzmangel. Die Situation ist ausweglos."

Das Geburtshaus hatte mal zwei Gebäude - doch eines wurde im Krieg völlig zerstört. Und auch das einstöckige Haus im Zentrum der tschetschenischen Hauptstadt braucht dringend Reparaturen. Einige kosmetische Arbeiten werden zur Zeit ausgeführt, direkt neben den Betten der Schwangeren. Die Ärzte des Geburtshauses haben Geld gesammelt, damit wenigstens die Wände gestrichen werden können.

In ganz Tschetschenien gibt es zwei solche spezialisierten Häuser. In normalen Krankenhäusern sind die Bedingungen noch schlechter, erklären die Ärzte. Deshalb kommen die Frauen aus ganz Tschetschenien, um in Grosny ihre Kinder zur Welt zu bringen. 800 Frauen waren es schon in diesem Jahr. Doch keine von ihnen war gesund, sagt die Oberärztin Zargan Mutzajewa:

"Es kommen selten Frauen mit normalen Blutwerten, sie leiden unter Blutarmut. Dadurch bekommen sie während der Schwangerschaft Ödeme, also Wassereinlagerungen im Gewebe, und einen zu hohen Blutdruck. Deswegen bringen sie keine gesunden Kinder zur Welt."

Problematische Schwangerschaften gehören seit einigen Jahren zur Normalität in Tschetschenien. Früher gab es selten Schwierigkeiten, erzählen die Ärzte. Doch heute sei es eine Seltenheit, wenn eine Mutter gesund ist und ihr Kind ohne Probleme zur Welt kommt, so Stationsleiterin Bjella Nuchajewa:

"Wir haben ständig mit Anomalien zu tun. Die Kinder kommen mit angeborenen Herzfehlern zur Welt oder mit Fehlbildungen des Gehirns - zum Beispiel Hydrozephalie, also einem Wasserkopf, mit Schädigungen des Rückenmarks und mit Knochenbrüchen. All das kann man nur mit Hilfe von Chirurgen behandeln. Aber diese Operationen sind für die meisten unserer Patientinnen unbezahlbar."

Und das Krankenhaus ist dafür auch nicht ausgestattet. Für Geburten reichen die Mittel gerade noch. Tauchen Probleme auf, dann ist keine Behandlung möglich. Denn es fehlt an Medikamenten und an medizinischer Ausrüstung. Bluttransfusionen sind zum Beispiel gar nicht möglich, zum einen fehlen Geräte, zum anderen finden sich in Tschetschenien kaum gesunde Blutspender.

Den Grund für den Anstieg von Erkrankungen und Fehlbildungen sehen die Ärzte vor allem im über Jahre andauernden psychischen Stress durch die Kriegssituation im Land. Darunter leide jeder, der in Tschetschenien lebt, sagt die Oberärztin Zargan Mutzajewa:

"Der Gesundheitszustand der tschetschenischen Frauen ist durch den ständigen Stress sehr geschwächt. Außerdem sieht man hier die Auswirkungen der schlechten ökologischen Situation in der Republik und der schlechten Ernährung. Was sollte man auch von einer Schwangerschaft unter solchen katastrophalen Bedingungen erwarten?"

Selbst für die normale medizinische Behandlung haben die Familien meist kein Geld. Und die meisten Menschen verschwenden nur wenige Gedanken an die eigene Gesundheit. Sie haben mit den alltäglichen Problemen zu kämpfen. Das schöne Leben, das auf dem Schild am Eingang des Geburtshauses gewünscht wird, bleibt lediglich ein Traum. (lr)

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