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Politik

Was die Belarussen über die Migranten denken

Emma Levashkevich
18. November 2021

Die Belarussen streiten, wie sie mit den Migranten umgehen sollen, die über ihr Land weiter in die EU gelangen wollen. Es gibt Ablehnung, aber auch Hilfsbereitschaft. Eine DW-Reporterin hat sich in Minsk umgehört.

Belarus Grenze zu Polen | Migranten | Zuspitzung der Lage
Bild: Oksana Manchuk/BelTA/REUTERS

"Ich habe einen Wollmantel, eine Weste, warme Schals, Fäustlinge, eine Decke und eine Jacke eingepackt. Mit Dankbarkeit wurde die Kleidung schnell angenommen. Einer schlanken Frau passte der schwarze Mantel, einer anderen habe ich die Fäustlinge selbst angezogen. Sie streckte mir ihre kalte Hand entgegen, dabei kamen mir die Tränen." Das schrieb eine Bloggerin aus Minsk, die in Medien ungenannt bleiben möchte. Es sei eine spontane Aktion von ihr gewesen, den Migranten in Minsk zu helfen, nachdem sie gesehen hatte, wie sie im Stadtzentrum vor einem Einkaufszentrum "Galleria" ausharren.

Ihr Post bei Facebook hat inzwischen über 500 Likes und wurde mehr als 50 Mal geteilt. Doch in den Kommentaren wird die Bloggerin nicht nur gelobt: Sie füttere Leute, die die belarussische Regierung bezahlt hätten, nur um nach Deutschland zu gelangen. "Sie flüchten nicht vor Krieg und Repression", so der Vorwurf. In den Kommentaren heißt es zudem, den meisten Migranten gehe es finanziell wahrscheinlich besser als den Belarussen, die selbst leiden würden. In Belarus beträgt der monatliche Durchschnittslohn umgerechnet rund 500 Euro.

Migranten in der Nähe des Einkaufszentrums "Galleria" in MinskBild: Stringer/TASS/dpa/picture alliance

Bei der Frage, wie man mit den Migranten umgehen soll, geht die Meinung der Belarussen auseinander. Die Menschen im Land mussten sich noch nie mit so einem großen Zustrom von Ankömmlingen aus dem Nahen Osten auseinandersetzen. Während die einen sie als Opfer von den Regimen ihrer Herkunftsländer betrachten, sprechen andere über die teure Kleidung und modernen Handys der Migranten sowie über ihren Wunsch, ins "reiche Deutschland" zu gelangen. Wer mit ihnen sympathisiert, dem wird vorgeworfen, das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko zu unterstützen, der diese Krise selbst organisiert habe.

"Es sind Menschen wie wir, egal welcher Hautfarbe"

Die Fotografin Daria Sapranetskaya sagt, die Migranten seien ihr seit Ende des Sommers in Minsk verstärkt aufgefallen. "Im Herbst wurden es immer mehr. Früher dachte man an Touristen, man hätte meinen können, Belarus sei aus irgendeinem Grund für Menschen aus dem Nahen Osten attraktiv geworden. Jetzt sehen wir sie mit Schlaf- und Rucksäcken", so Sapranetskaya. Doch negative Reaktionen der Bürger seien ihr auf der Straße nicht aufgefallen: "Wenn Belarussen mit etwas unzufrieden sind, diskutieren sie darüber zu Hause oder im Web."

Auch Daria brachte den Migranten warme Kleidung. "Es geht mich nichts an, wieso und weshalb sie gekommen sind. Ich betrachte sie als Menschen, genau wie uns, egal welcher Hautfarbe sie sind", sagt sie und fügt hinzu: "Ein kleines Mädchen, das noch nicht laufen kann, saß in einem Känguru-Rucksack auf dem Bauch ihrer Mutter, ohne Schuhe, nur in Socken. Ein älteres Mädchen, ungefähr zwei Jahre alt, trug nur einen flauschigen Schlafanzug aus Synthetik. Sie hatten keine Mützen. Es wäre für die Kinder lebensgefährlich, so zur belarussisch-polnischen Grenze zu fahren."

Daria bedauert, dass nicht alle ihrer Landsleute schätzen, was sie tut. Manche würden sie fragen, ob sie auch Belarussen helfe. Dazu sagt sie: "Wenn man Menschen in Not sieht und helfen kann, dann hilft man. Mir tun die Leute leid, die auf der Straße frieren."

"Wer auf der Seite meines Feindes spielt, mit dem habe ich kein Mitleid"

Aleksej Leontschik, Gründer der Stiftung ByHelp, hilft Belarussen, die von Repressionen betroffen sind, und auch solchen, die das Land deswegen verlassen mussten. Seiner Ansicht nach besteht ein Unterschied zwischen belarussischen Flüchtlingen und den Migranten, die heute über Belarus in den Westen gelangen wollen.

Alexej Leontschik, Gründer der Stiftung ByHelpBild: privat

"Diese Leute kaufen beim Betrüger Lukaschenko bewusst Reisetickets", sagt Leontschik. Auf diese Weise würden sie das Regime mitfinanzieren und den Druck auf Länder wie Polen und Litauen erhöhen, die demokratische Veränderungen in Belarus fördern würden. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass sie polnische Grenzsoldaten angreifen", kritisiert er.

Alexej Leontschik sagt, unter denen, die versuchen würden, über Belarus in die EU zu kommen, seien vor allem Syrer, Jemeniten und Kurden aus dem Irak. "Ich halte Syrien für kein sicheres Land, aber die Syrer fliehen in die Türkei, nicht nach Deutschland", betont er und fügt hinzu, dass die Jemeniten wirklich nicht wissen würden, wohin sie fliehen sollten. "Aber das irakische Kurdistan war immer die sicherste Region im Irak, schon vor dem IS und auch jetzt", so der Aktivist.

Die Migranten betrachtet er schon als Opfer von Regimen, stellt aber gleichzeitig fest, dass sie die Wahl hätten, ein Ticket nach Belarus zu lösen oder nicht. "Ich würde kein Ticket von einem Diktator kaufen. Wer auf der Seite meines Feindes spielt, mit dem habe ich kein Mitleid", unterstreicht er. Mit Menschen, die durchaus getäuscht worden seien, aber Lukaschenkos Folter-Regime Geld geben würden, könne er nicht sympathisieren.

"Hasskriminalität ist die Grenze, die nicht überschritten werden darf"

Aber gibt es überhaupt eine "richtige" Haltung gegenüber den Migranten? Die Menschenrechtlerin Nasta Lojka, die seit vielen Jahren mit Flüchtlingen arbeitet, meint, dass gerade in demokratischen Gesellschaften verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Meinungen versuchen sollten, miteinander auszukommen. "Man kann nicht zu diskriminierenden oder gewalttätigen Aktionen gegen diese Menschen aufrufen. Hasskriminalität ist die Grenze, die nicht überschritten werden darf", erläutert sie.

Menschenrechtsaktivistin Nasta LojkaBild: privat

Lojka sieht heute zwei Reaktionen der Belarussen: "Beschimpfungen im Internet und Hassrede gegen Migranten auf der einen Seite und Hilfe und Sympathie auf der anderen." Ablehnung gegenüber Migranten sei bei Menschen nicht ungewöhnlich, da sie gegenüber Fremden, die sich in Sprache, Aussehen, Kultur und Religion unterscheiden würden, meist misstrauisch seien. "Aber da Menschen intelligente Wesen sind, sprechen wir von Diskriminierung und fordern auf, darauf zu achten, wenn etwas Tierisches und Stereotypes aus einem spricht. Anhand von Fakten kann man die eigene Einstellung ändern", so die Menschenrechtlerin.

Sie glaubt, die Haltung der Belarussen wird auch von der Tatsache beeinflusst, dass ihnen klar ist, dass die Migrationsroute von den belarussischen Behörden organisiert wurde. Die Abneigung gegenüber der Staatsmacht werde auf die Migranten übertragen, als wären sie Lukaschenkos Komplizen. Doch höchstwahrscheinlich würden diese nicht einmal seinen Namen kennen. Sie hätten einfach nur für ein Visum bezahlt, mit dem Versprechen, nach Deutschland zu gelangen. "Auch wenn sie erkennen werden, dass sie nur benutzt werden, dass es kaum Chancen gibt, nach Deutschland zu kommen, dass es viel Gewalt auf beiden Seiten gibt, dann haben sie dennoch Hoffnung und vielleicht kein Geld mehr für die Rückkehr."

Andererseits gibt es Nasta Lojka zufolge aber auch Hilfsbereitschaft in Belarus. Die belarussische Menschenrechtsorganisation Human Constanta veröffentlichte jüngst einen Beitrag darüber, wie man Migranten helfen und wohin man ihnen Dinge bringen könne. "Dieser Post unserer Organisation ist der bisher am meisten geteilte, kommentierte und gelesene. Die Leute reagieren, es beschäftigt sie", so die Aktivistin. Flüchtlinge seien nicht nur weinende Kinder. "Das sind Menschen, die vielleicht einen gewissen Wohlstand hatten und Eigentum verkaufen mussten. Aber ihr Leben, ihre Gesundheit und Sicherheit waren in ihrem Herkunftsland bedroht, so wie jetzt im Wald an der Grenze", sagt Lojka.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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