Graceland des Glaubens
7. Juli 2010
"Zum Teetrinken halten wir in Haridwar", sagt unser Guide und legt viel Bedeutung in die Stimme. Vorerst denke ich schlicht: famose Idee. Es ist kurz vor fünf am Nachmittag, wir sind seit 12 Stunden auf den Beinen und haben bei 45 Grad Mittagshitze in einer ohnehin hitzigen Ziegelei gedreht. Eine Tasse Chai haben wir uns verdient. Schon bald wird klar: es geht meinen indischen Begleitern nicht darum, dass wir etwas trinken, sondern wo.
Haridwar ist eine besondere Stadt: Unser ortskundiger Begleiter übersetzt den Namen mit "Tor zu Gott". Ein bisschen viel Pathos, denke ich. Doch zu spät, wir haben es erreicht: Haridwar - religiöses Zentrum, Pilgerstätte für Millionen, Graceland des Glaubens.
Haridwar gehört zu den heiligsten Orten im hinduistischen Glauben. Gemäß der Mythologie ist dies einer der vier Orte, an dem das Lebenselixier Amrita aus dem Honigtopf der Götter auf die Erde getropft ist. Während ich dies erfahre, lächelt mich fortan ein Mann mit langem schwarzen Bart an. Wir passieren dutzende Plakate mit seinem Gesicht. Auf einem mahnt er mich, meinen Tag mit Liebe zu beginnen und zu beschließen. "Wahlkampf?", frage ich. "Nein, das ist Baba Ramdev", klärt man mich vom Beifahrersitz her auf, "ein großer Yogalehrer."
Yoga-Guru mit Mission
Wenige Augenblicke später passieren wir ein großes weißes Tor. Dahinter ein Anwesen, das nicht zu enden scheint. Hier hat der umtriebige Baba sein Hauptquartier, samt Yoga-Zentrum, Ayurveda-Klinik und Forschungslabor. "Er hat auch eine eigene Fernseh-Sendung", wirft der ansonsten wortkarge Fahrer ein. Spätere Recherchen ergeben, dass der gelenkige Guru für sich beansprucht Krebs sowie Aids heilen zu können, Homosexualität für eine Krankheit hält und jetzt eine eigene Partei gründen will.
Dann erreichen wir einen Parkplatz mitten in der Stadt. Wir sind da. Vor uns liegt der Ganges, der heilige Fluss. Ein Bad in ihm, so glauben die Hindus, und sämtliche Sünden sind vergeben, Mutter Ganga wäscht sie alle weg. Im Himalaya-Gebirge entsprungen, erreicht der Ganges in Haridwar die Ebene. Die Augen unserer vornehmlich einheimisch geprägten Reisegruppe glänzen.
Heiliges Bad für Millionen
Alle zwölf Jahre vollzieht sich hier ein gigantisches Schauspiel. Wenn die Sterne die richtige Konstellation haben, pilgern schier unzählig viele Menschen nach Haridwar. Alle wollen sie in der heiligen Stadt im heiligen Fluss baden. Kumbh Mela heißt das mehrmonatige Event, und es kommen sprichwörtlich Millionen. "Früher haben manche Familien unliebsame Verwandte mit auf die Kumbh genommen", sagt unser Führer und schaut ernst, "und dann ohne Geld absichtlich hier zurückgelassen." Bitter-amüsantes Indien, denke ich. Die letzte Kumbh Mela ist zwei Wochen vor meinem Besuch zu Ende gegangen. Nichts mehr zu sehen, von den Massen, wegen derer extra zusätzliche Zugänge zum Fluss gebaut werden mussten.
Am anderen Ufer liegen Ashrams, jene spirituellen Zentren, deren Besucher hoffen, dort innere Einkehr zu finden. Ein Freund aus dem Hotelgewerbe klärt mich später auf, dass viele dieser Ashrams zu Pilger-Zeiten ihre Zimmer für 400 Dollar die Nacht anbieten, Frühstück kostet extra. "Sie sind immer ausgebucht", sagt er. Die Stadt der Vergebung ist auch die Stadt der Einnahmen.
An uns verdient heute nur der Teeverkäufer oberhalb der Badestelle. Und dann: wenigstens mit den Füßen rein! Anschließend wate ich, der bleiche, schwitzende Europäer die Stufen hoch zu meinen staubigen Schuhen. Ich fühle mich etwas deplatziert. Aber oben grinsen meine indischen Begleiter anerkennend: "You are holy man now!" Naja, zum Heiligen reicht es bestimmt nicht, aber ich bin wenigstens erfrischt.