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PolitikAsien

Die Wut gegen Frankreich wächst

27. Oktober 2020

Massendemonstrationen in Bangladesch, heftige Kritik aus Saudi-Arabien und dem Iran: Die Kontroverse um Mohammed-Karikaturen nimmt an Schärfe zu. Paris hält dagegen - und die Fahne der Meinungsfreiheit hoch.

Fußabdruck auf einem Bild des französischen Präsidenten Emmanuel Macron bei einer Demonstration in Dhaka (Foto: Suvra Kanti Das/Zumapress/picture alliance)
Bild: Suvra Kanti Das/Zumapress/picture alliance

Im Streit um Karikaturen des Propheten Mohammed gingen in Bangladesch aus Protest gegen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Zehntausende auf die Straße. Allein in der Hauptstadt Dhaka nahmen nach Polizeiangaben mehr als 40.000 Menschen an der von einer islamistischen Partei organisierten Demonstration teil. Die Protestierenden riefen zum Boykott französischer Waren auf und verbrannten ein Bild Macrons. Um die Demonstranten von der französischen Botschaft fernzuhalten, baute die Polizei Sperren aus Stacheldraht auf.

"Macron betet den Satan an"

Der Protest war von "Islami Andolan", einer der größten islamistischen Parteien in Bangladesch, organisiert worden. "Macron ist einer der wenigen Anführer, die Satan anbeten", sagte Parteivertreter Ataur Rahman auf der Kundgebung. Rahman forderte die Regierung von Bangladesch auf, den französischen Botschafter auszuweisen. Ein weiterer Parteivertreter drohte, die Demonstranten würden "jeden Ziegelstein" der Botschaft "niederreißen", falls der französische Gesandte im Land bleibe.

Rund 40.000 Menschen nahmen in Dkaka an den Demonstrationen teilBild: Suvra Kanti Das/Zumapress/picture alliance

Auslöser des Protests waren Macrons Aussagen zur Verteidigung der Meinungsfreiheit nach dem islamistischen Anschlag auf einen Lehrer bei Paris, der Mohammed-Karikaturen in seinem Unterricht gezeigt hatte. Der französische Präsident betonte, dass Frankreich "Karikaturen und Zeichnungen nicht aufgeben" werde. Vor allem streng gläubige Muslime lehnen eine bildliche Darstellung des Propheten ab und empfinden sie als beleidigend, explizit verboten ist sie im Koran aber nicht.

Auch das islamisch-konservative Königreich Saudi-Arabien verurteilte die Zeichnungen als beleidigend. "Saudi-Arabien lehnt jeden Versuch ab, Islam und Terrorismus in Verbindung zu bringen", hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums in Riad, wie die staatliche saudische Nachrichtenagentur SPA meldete. Gleichzeitig wandte sich das Königreich gegen jede Form des Terrors, wer immer ihn verübe.

Iran bestellt Geschäftsträger der französischen Botschaft ein

Das iranische Außenministerium bestellte den Geschäftsträger der französischen Botschaft in Teheran ein. "Wir haben in dem Treffen jegliche Beleidigung des Propheten und dementsprechend auch die Aussagen der französischen Offiziellen aufs Schärfste verurteilt", erklärte das Außenministerium nach Angaben der Nachrichtenagentur Isna. Außenminister Mohammed Dschawad Sarif hatte bereits den Westen im Zusammenhang mit den Karikaturen kritisiert. "Muslime sind die Hauptopfer der Hasskultur, die von Kolonialmächten gestärkt und von ihrer eigenen Klientel exportiert wird", twitterte der Minister.

Anti-französischer Protest auch in Istanbul Bild: Yasin Akgul/AFP

In mehreren türkischen Städten, darunter Ankara und Istanbul, gab es nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Proteste. Eine Teilnehmerzahl wurde zunächst nicht bekanntgegeben. Auch der Rat der Muslimischen Weisen, in dem muslimische Würdenträger aus mehreren Ländern vertreten sind, schaltete sich in die Auseinandersetzung ein. Das Gremium kündigte juristische Schritte gegen die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" an und gegen "alle, die den Islam beleidigen". Die Meinungsfreiheit müsse dort ihre Grenzen finden, wo Religionen zum Spielball politischer Kräfte und von "Wahlkampfpropaganda" würden, erklärte der Rat.

Frankreich und EU wehren sich 

Frankreich wehrt sich derweil gegen die wachsende Kritik aus Teilen der muslimischen Welt. "Mit welchem Recht mischen sich ausländische Mächte in unsere inneren Angelegenheiten ein?", fragte Innenminister Gérald Darmanin im Radiosender France Inter. Er nannte in diesem Zusammenhang explizit die Türkei und Pakistan. "Frankreich ist zu einem Ziel geworden, wie viele westliche Demokratien, die die Meinungsfreiheit verfechten", sagte der Ressortchef.

Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin: "Mit welchem Recht mischen sich ausländische Mächte ein?" Bild: picture-alliance/dpa/MAXPPP/S. Muylaert

Die Europäischen Union verurteilte scharf den Aufruf des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogans, französische Waren zu boykottieren. Ein solcher Appell stehe im Widerspruch zum Geist von Verpflichtungen, die die Türkei eingegangen sei, und werde die Türkei noch weiter von der EU entfernen, warnte ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel.

Pariser Sicherheitshinweise für muslimische Staaten

Das französische Außenministerium veröffentlichte unterdessen Sicherheitshinweise für mehrere mehrheitlich muslimische Länder, darunter die Türkei, Indonesien, der Iran und Bangladesch. Franzosen seien aufgerufen, sich von Protesten fernzuhalten, warnte das Ministerium. Auch öffentliche Versammlungen sollten gemieden werden. "Darüber hinaus wird in diesem Zusammenhang empfohlen, die größte Wachsamkeit zu wahren, insbesondere auf Reisen und an Orten, die von Touristen und Auswanderergemeinschaften besucht werden."

Zahlreiche französische Internetseiten - beispielsweise von kleineren Rathäusern oder Geschäften - wurden nach Meldungen der Nachrichtenagentur AFP inzwischen Opfer von Hackerangriffen. Es sei dort islamistische Propaganda zu lesen gewesen.

sti/rb (afp, dpa)