Indien diskutiert Mindestalter für Nutzung sozialer Medien
11. Februar 2026
Der 15-jährige Aarav Gupta scrollte gerade durch Instagram, als eine Nachricht über die Pläne der Regierung erschien. "Wie kann das überhaupt möglich sein?", fragte sich Aarav. Die Regierung will eine Altersbegrenzung für die Nutzung von sozialen Medien einführen. "Alle meine Freunde planen alles über soziale Medien: von Geburtstagsfeiern über Fußballrunden bis hin zu gemeinsamen Lerngruppen. Das ist nicht machbar."
Und der Regierungsplan sei ohne obligatorische Ausweispflicht eher schwer umsetzbar, sagt Aarav weiter. "Und wenn diese doch eingeführt wird, können wir Verbote leicht mit virtuellen privaten Netzwerken (VPNs) oder gefälschten Ausweisen umgehen."
Auch die 14-jährige Priya Khullar kann sich ein Leben ohne soziale Medien nicht vorstellen. Sie wohnt in der nordindischen Stadt Bhopal. "Ich bekomme die meisten Informationen über soziale Medien und bleibe so auf dem Laufenden, was in Mode und Musik gerade angesagt ist. Es wird schwierig sein, sich ein Gesetz vorzustellen, das Plattformen wie Instagram und YouTube für Jugendliche unter 16 Jahren verbietet", sagt Priya im DW-Interview.
Auch Priyas Vater ist in dieser Frage unentschieden. "Wie soll man ein vollständiges Verbot durchsetzen? Ich weiß nicht, was schlimmer ist, Kinder online bleiben zu lassen oder sie in die digitale Isolation zu zwingen:"
Australien als Vorbild
Anfang 2026 hatte Australien als erstes Land eine Altersbeschränkung eingeführt. Die Betreiber der sozialen Medien haben dabei bereits 4,7 Millionen Accounts von Jugendlichen unter 16 Jahren deaktiviert. Das Verbot zielt darauf ab, Jugendliche vor schädlichen Inhalten und anderen Risiken zu schützen, so die australische Regierung.
Auch Frankreich hat ein Gesetz verabschiedet, das Kindern unter 15 Jahren die Nutzung von Social Media verbietet, während Großbritannien, Österreich, Polen, Dänemark und Griechenland diese Frage derzeit prüfen.
Nun will offenbar auch Indien in diese Richtung gehen. Mehrere Bundesstaaten wie Andhra Pradesh und Goa sind dabei sehr aktiv. Auslöser für die Debatte war ein Suizidfall von drei Minderjährigen vergangene Woche in Ghaziabad, einem Vorort von Delhi. Berichten zufolge hätten sie unter enormem Einfluss von koreanischen TV-Dramen gestanden, die sie online gesehen haben sollen.
Expertenausschuss für Verbot
Inzwischen hat sich ein Expertenausschuss für ein Verbot ausgesprochen. Die Risiken einer Social-Media-Sucht unter Jugendlichen seien sehr groß, so die Experten. Diese Abhängigkeit würde die psychische Gesundheit der Jugendlichen beeinträchtigen. Typische Symptome seien Angstzustände, Depressionen, geringes Selbstwertgefühl und Stress durch Cybermobbing. Allerdings ist die Empfehlung der Experten nicht bindend.
Indien: Riesiger Markt für Anbieter sozialer Netzwerke
Nach China ist Indien weltweit der zweitgrößte Markt für Smartphones - mit rund 660 Millionen Handybesitzern. 950 Millionen Menschen nutzen das Internet. Für die Anbieter der sozialen Medien ist Indien ein boomender Markt. Etwa ein Viertel der Bevölkerung ist jünger als 14 Jahre.
Experten glauben, dass ein Verbot aufgrund der Größe des Landes trotz Gesetzgebung nach australischem Vorbild schwer umzusetzen sei. "Ein Verbot kann nur in einem engen, theoretischen Sinne durchgesetzt werden, indem Plattformen dazu verpflichtet werden, Konten von unter 16-Jährigen zu sperren. In Indien wäre dies jedoch in der Praxis wenig wirksam", erklärt Apar Gupta, Rechtsanwalt und Gründer der Internet Freedom Foundation, im DW-Interview.
Nach Ansicht von Gupta setzt ein Verbot eine Altersüberprüfung voraus. "Wenn es auf Selbstauskunft basiert, werden Kinder es einfach umgehen können. Wenn das Alter mit Ausweis und echtem Namen nachzuweisen ist, wäre die Nutzung nicht mehr anonym, was ein Risiko für die Privatsphäre darstellen und die Überwachung leicht machen würde", sagt Anwalt Gupta.
"So würde sich auch das Risiko für gefährdete und risikobehaftete Gemeinschaften und Einzelpersonen erhöhen", sagt Prateek Waghre der DW, er ist Programmleiter vom Tech Global Institute, einer gemeinnützigen Organisation für digitale Politik und Menschenrechte.
Gesetzesentwurf eingereicht
Im indischen Unterhaus, der Lok Sabha ("Volksversammlung"), wurde bereits ein Gesetzentwurf eingebracht, um das Nutzungsalter für soziale Medien zu beschränken.
"Die Betreiber von Social Media müssen verhindern, dass Konten durch Minderjährige erstellt werden", fordert der Abgeordnete Lavu Sri Krishna Devarayalu, der den Entwurf verfasste, im DW-Interview. Der Abgeordnete der Telegu Desam Party begründet das mit einem negativen Einfluss der sozialen Medien auf junge Menschen. Der Gesetzentwurf sieht vor, die Nutzung durch Kinder unter 16 Jahren zu verbieten.
"Bei Nichteinhaltung müssen sie mit hohen Geldstrafen rechnen. Die Durchsetzung umfasst staatliche Kontrollen. Die indische Datenschutzbehörde wird die Verstöße ahnden." Was in Australien möglich sei, werde auch in Indien machbar sein. In Australien können die Eltern auf mehrere Softwarelösungen zurückgreifen, die den Internetzugang für minderjährige Kinder deaktivieren oder einschränken.
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan