1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikIndien

Indien: Junge Protestierende verändern Bildungspolitik

Veröffentlicht 27. Juli 2026Zuletzt aktualisiert 28. Juli 2026

Mit dem Rücktritt des indischen Bildungsministers endet die sogenannte Kakerlaken-Bewegung. Die Politiker spüren die enorme Dynamik der jungen Menschen, ihre Regierung zu Zugeständnissen zu zwingen.

Indien Neu-Delhi 2026 | Cockroach Janata Party protestiert am Jantar Mantar
Indiens Premier Narendra Modi auf einem "Fahndungsplakat"Bild: Anushree Fadnavis/REUTERS

Die Studenten umarmten sich, tanzten und kletterten auf Barrikaden, während Siegesrufe über den Protestplatz Jantar Mantar in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi hallten. 36 Tage lang protestierten sie gegen die Missstände im Bildungssystem. Am Samstag trat schließlich Bildungsminister Dharmendra Pradhan zurück.

In den Augen der Demonstranten war Pradhan dafür verantwortlich, dass mehr als zwei Millionen Abiturienten ihre Hochschulaufnahmeprüfung wiederholen mussten, nur weil die Prüfungsunterlagen durchgesickert waren. Einige Prüflinge standen unter so einem enormen Druck und nahmen sich das Leben. Der flächendeckenden Bewegung gelang es, die Regierung um Premier Narendra Modi zu zwingen, einen Kabinettsminister zu entlassen.

Partystimmung nach dem Rücktritt des Bildungsministers Bild: Priyanshu Singh/REUTERS

"Macht der Studierenden"

"Das ist ein Sieg der Demokratie", sagt der Anführer Abhijeet Dipke der "Cockroach Janta Party", zu Deutsch etwa "Kakerlaken-Bewegung" (CJP), deren Namen in einer Online-Satire auftauchte. "Niemand sollte die Macht der Studierenden unterschätzen. Unsere Stimme wird endlich gehört. Wenn wir zusammenstehen, können wir vieles erreichen", sagt Uma Singh, eine CJP-Anhängerin aus Bihar, die tagelang an den Protestaktionen teilgenommen hatte, im DW-Interview.

Die indische Regierung erklärte sich nun bereit, den Familien der Schüler, die Selbstmord begingen, die höchstmögliche Entschädigung zu gewähren. Die regierende Bharatiya Janata Party (BJP) räumte aber ein, die Entscheidung sei Ausdruck verantwortungsvoller Regierungsführung und keine Kapitulation. "Pradhans Rücktritt ist ein Beispiel dafür, dass Studenten und die Nation über die Politik gestellt werden", sagt Innenminister Amit Shah.

Glückliche GenZ: Sie haben die Regierung gezwungen, den umstrittenen Bildungsminister zu feuernBild: Raj K Raj/Hindustan Times/Sipa USA/picture alliance

Neue Rahmenbedingungen für Diskurs

Die Entlassung des Bildungsministers kam überraschend. Noch knapp 48 Stunden vor Pradhans Rücktritt hatten hochrangige BJP- und Regierungskreise erklärt, Pradhan werde im Amt bleiben. Um den Demonstranten entgegenzukommen, wurden zunächst 47 Beamte von der staatlichen Prüfungskommission suspendiert. Doch die wütende Jugend kam nicht zur Ruhe. Die Bewegung weitete sich im Land mit 1,4 Milliarden Menschen rapide aus. Tränengas wurde eingesetzt und es erfolgten Festnahmen. Modi gab schließlich nach.

Die Bewegung habe die Rahmenbedingungen des politischen Diskurses grundlegend verändert, sagt Sozialaktivistin Amrita Johri. "Die Bewegung hat gezeigt, dass eine lose organisierte Generation junger Inder ihrer Regierung politische Zugeständnisse abringen konnte", sagt Johri gegenüber der DW. Über die unmittelbare politische Einigung hinaus bestehe nun die größere Herausforderung für die Regierung darin, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Institutionen wiederherzustellen, von denen Millionen junger Inder ihre Chancen abhängig machen.

"Modis übliches Vorgehen, sich aus dem Getümmel herauszuhalten, pauschale Versprechungen zu machen und die Verantwortung nach unten weiterzugeben, ist diesmal gescheitert", sagt Politikwissenschaftler Gilles Verniers. "Der Rücktritt ist für den Premier ein persönlicher Rückschlag, der bis zum Schluss zu seinem Bildungsminister gehalten hat."

Indiens Bildungsminister Dharmendra Pradhan (Archivfoto) musste gehenBild: Arun Sankar/AFP

Verhandlung über ein besseres Bildungssystem

Die Regierung Modi hat sich bisher selten bereit gezeigt, dem öffentlichen Druck nachzugeben und personelle Konsequenzen zu ziehen. Schon 2021 beim landesweiten Protest gegen drei umstrittenen Agrargesetze. Bis zu 750 Demonstranten starben damals. Modi zog die Gesetze zurück. Eine Kabinettsumbildung hatte er aber nicht für notwendig gehalten.

Die Oppositionsparteien im Parlament nahmen diesmal die Kakerlaken-Bewegung zum Anlass, um weitere Themen in Verbindung mit der Bildung wie die Jugendarbeitslosigkeit politisch in Szene zu setzen, um mehr Druck auf die Regierung um Modi auszuüben. Jairam Ramesh, Politiker des oppositionellen Indischen Nationalkongresses (INC), bezeichnete Pradhans Rücktritt als "einen Sieg für eine Generation, die es leid ist, in einem ungerechten und korrupten System zu kämpfen".

Jetzt verhandeln die Regierung und Studentenanführer über eine Reform der Hochschulaufnahmeprüfung. Die jungen Demonstranten machen vor den Gesprächen klar, dass sie wieder auf die Straßen gehen würden, wenn die versprochenen Änderungen nicht in die Tat umgesetzt würden. Für die Regierung in Neu-Delhi ist klar geworden, dass eine dezentrale, von jungen Menschen getragene Bewegung die nationale politische Debatte doch rasch dominieren kann.

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan

 

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen