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PolitikIndien

Indien: Neuer Mittler zwischen Ost und West?

Murali Krishnan
18. September 2023

Stimme des globalen Südens, potentieller Vermittler im Ukraine-Krieg? Nach dem erfolgreichen Abschluss des G20-Gipfels positioniert sich Indien als neue diplomatische Macht. Zugleich verfolgt das Land eigene Interessen.

Der indische Präsident Nahendra Modi im Gespräch mit US-Präsident Joe Biden, Juni 2023, Washington
Im Dialog: der indische Präsident Narendra Modi (l.) und US-Präsident Joe Biden im Juni 2023 in Washington Bild: Evan Vucci/AP/picture alliance

Die Sprache war zwar abgemildert, doch das Kommuniqué kam zustande: Auf ihrem Gipfel in Neu-Delhi einigten sich die G20-Staaten auf eine gemeinsame Erklärung zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Vorausgegangen waren Verhandlungen zum Wortlaut des Papiers, die der Gastgeber Indien schließlich zu einem erfolgreichen Ende führte. Zuvor hatte das Land die USA und Europa dazu gebracht, eine weniger scharfe gemeinsame Erklärung hinzunehmen.

Diese fiel Russland gegenüber deutlich milder aus als der Wortlaut der Bali-Erklärung des G20-Gipfels von 2022, in der der Angriffskrieg des Kremls gegen die Ukraine "auf das Schärfste missbilligt" wurde.

Mit der Erklärung von Neu-Delhi konnte sogar der russische Außenminister Sergej Lawrow leben. Er zeigte sich zufrieden, "dass wir die Versuche des Westens, die Tagesordnung des Gipfels zu 'ukrainisieren', verhindern konnten".

Mit seinem diplomatischen Geschick trug Indien dazu bei, dass auf dem Gipfel in Neu-Delhi auch ein Konsens über die Anliegen der ärmeren Länder erzielt wurde. Darin ging es unter anderem um die globale Verschuldung, die Ernährungssicherheit und die Finanzierung von Klimafragen. Ohne eine einzige Gegenstimme nahmen die zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt die gemeinsame Erklärung am Ende an.

Einsames Statement: der russische Außenminister Sergej Lawrow auf einer Pressekonferenz während des G20-Gipfels in Neu-DelhiBild: Francis Mascarenhas/REUTERS

Potentielle Vermittlerrolle im Ukraine-Krieg

"Indien versucht in der Geopolitik nicht nur, wichtige Beziehungen auszugleichen, sondern auch Gräben zu überbrücken. Das gilt sowohl für die Ost-West- wie auch für die Nord-Süd-Kluft", sagt der ehemalige indische Diplomat Ajay Bisaria im DW-Gespräch. "Im Verlauf des Ukraine-Krieges hat Indien sowohl mit Putin als auch mit Selenskyj und parallel dazu mit westlichen Politikern wie Biden und Macron gesprochen", so Bisaria. Vielfach verliefe die Kommunikation der verfeindeten Akteure über Indien.

Indien könne durchaus zur Bühne für Friedensgespräche im Kontext des Ukraine-Kriegs werden, so Bisaria weiter. "Derzeit gibt es zwar wenig Interesse an Friedensgesprächen. Aber für den Fall, dass die beiden Konfliktparteien sich an den Verhandlungstisch setzen, wird Indien gewiss seine Dienste anbieten, um zwischen ihnen zu vermitteln und auf eine Lösung hinzuarbeiten."

Mohan Kumar, ehemals indischer Botschafter in Frankreich, sagt der DW, die russische Regierung begehe einen großen Fehler, wenn sie annehme, die Länder des globalen Südens würden ihrer Haltung zum Krieg folgen. Tatsächlich wünschten viele dieser Länder ein baldiges Ende des Konflikts.

"Der G20-Gipfel in Neu-Delhi hat Russland einen Rettungsanker hingehalten", so Kumar. "Es wäre selbstmörderisch, ihn nicht zu nutzen und nichts für den Weltfrieden zu tun."

Nachdem Russland im Februar 2022 den Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hatte, sah sich Indien zunächst in einem diplomatischen Dilemma, da wichtigste strategische Partner in dem Konflikt auf unterschiedlichen Seiten standen.

Unabhängige Außenpolitik

Wiederholt hat Indien seitdem erklärt, es betrachte seine Beziehungen zu Russland und den Vereinigten Staaten als unabhängig voneinander. Das Land werde sich seine Außenpolitik von keiner der beiden Seiten diktieren lassen.

Womöglich würden sowohl der Westen wie auch Russland absehbar einen Nutzen darin sehen, ihre eigenen umfassenderen geostrategischen Interessen mit Hilfe eines glaubwürdigen Landes wie Indien auszugleichen, sagt Sujan Chinoy, Direktor des Manohar Parrikar Institute for Defence Studies and Analyses in Neu-Delhi, im DW-Interview. Das liege auch daran, dass Indien die Stimme des globalen Südens repräsentiere.

Engagement für den globalen Süden

Während seiner G20-Präsidentschaft lud Indien Länder des Globalen Südens zu den Gipfelgespräche ein und engagierte sich auch für die Aufnahme der Afrikanischen Union (AU) in die Gruppe.

"Wäre der Gipfel in Delhi an der mangelnden Einigkeit über die Ukraine gescheitert, hätte die G20 als Forum irreversiblen Schaden nehmen können. Profitiert hätten hingegen Organisationen wie die BRICS, die sich ja auch erweitert haben", so Kumar.

Geplanter Wirtschaftskorridor von Indien über den Nahen Osten nach Europa. Neue Konkurrenz für Chinas "Neue Seidenstraße"? Szene aus dem Duisburger Hafen mit chinesischen Containern.Bild: Rupert Oberhäuser/picture alliance

Rivalität zu China

Analysten zufolge versucht Indien sich gegen den wachsenden Einfluss Chinas zu positionieren. Deshalb pflege es Beziehungen sowohl zum globalen Süden als auch zu den Ländern des Westens.

"Indiens größter Rivale ist heute China", sagt C. Raja Mohan, Senior Fellow am Asia Society Policy Institute, der DW. "Russland ist ein altes Problem, das es zu lösen gilt. In seinem Balanceakt versucht Indien nun, eine neue asiatische Sicherheitsordnung zu schaffen. Dabei ist Russland für Indien wenig hilfreich." 

Abschlusszeremonie des G20-Gipfels in Neu-DelhiBild: Kay Nietfeld/dpa

Das G20-Forum schwächte auch Chinas Anspruch, den Globalen Süden zu vertreten. Dazu trägt ganz wesentlich auch der angekündigte neue Wirtschaftskorridor von Indien über den Nahen Osten nach Europa bei. Er steht in Konkurrenz zu Chinas Neue-Seidenstraße-Initiative.

"Brückenfunktion in einer zerklüfteten Welt"

"Für Indien ist der Westen der wichtigste Handelspartner, die wichtigste Quelle für Kapital und Technologie wie auch das wichtigste Ziel für die indische Diaspora", so Mohan. "Die Zusammenarbeit mit den G7 ist für Indien zudem entscheidend, um den zunehmenden Herausforderungen durch China wirksam begegnen zu können."

Indien nehme "eine Brückenfunktion in einer zerrissenen Welt" ein, sagt Gurjit Singh, ehemals indischer Botschafter in Deutschland, der DW.

"Die Führungsrolle, die Indien als Hauptgesprächspartner zwischen dem globalen Süden und der G7 übernommen hat, ist deutlich", sagte Singh. "Nun kommt es auf Indiens Fähigkeit an, den Westen mit Russland zu verbinden. Dabei sollte Indien im Stillen arbeiten, und nicht vor den Augen der Öffentlichkeit."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

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