Indien umwirbt globale Tech-Konzerne mit KI-Rechenzentren
6. März 2026
Indien will sich als globaler Standort für Künstliche Intelligenz und Cloud-Infrastruktur positionieren. Um ausländische Technologiekonzerne anzulocken, hat die Regierung einen ungewöhnlich weitreichenden Schritt angekündigt: Ausländische Unternehmen, die Datenzentren im Land nutzen, um Dienstleistungen für Kunden im Ausland anzubieten, sollen künftig für zwei Jahrzehnte von bestimmten Steuern befreit werden. Die Steuerbefreiung gilt allerdings nicht für Dienstleistungen, die für indische Kunden erbracht werden. Diese sollen weiterhin regulär besteuert werden.
Mit der Maßnahme versucht die Regierung von Premierminister Narendra Modi, mehr Investitionen in den schnell wachsenden Markt für digitale Infrastruktur zu lenken. Ziel ist es, Indien zu einem wichtigen globalen Standort für Rechenzentren und KI-Infrastruktur zu machen.
Bereits zuvor hatte die Regierung eine Reihe von Anreizen geschaffen. So wurden Datenzentren offiziell als Infrastrukturprojekte eingestuft, was Investitionen erleichtert. In mehreren Bundesstaaten wurden zudem Vorschriften zur Landnutzung gelockert, um den Bau neuer Anlagen zu beschleunigen.
Auch politisch versucht Neu-Delhi, sich stärker in die internationale KI-Debatte einzubringen. Bei einem globalen KI-Gipfel in Indien kamen im vergangenen Monat führende Vertreter der Branche zusammen, darunter OpenAI-Chef Sam Altman, Google-CEO Sundar Pichai und Dario Amodei vom KI-Unternehmen Anthropic.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass Indien in der globalen Diskussion über Künstliche Intelligenz stärker mitreden will - insbesondere mit Blick auf die Auswirkungen der Technologie auf Entwicklungsländer und die Frage, nach welchen Regeln KI künftig entwickelt und eingesetzt wird.
Milliardeninvestitionen in Rechenzentren
Nach Schätzungen der Beratungsgesellschaft Deloitte könnten bis 2030 rund 800 Milliarden Dollar in Rechenzentren im asiatisch-pazifischen Raum investiert werden. Neu-Delhi hofft, einen erheblichen Teil dieser Investitionen ins Land zu ziehen.
Auch große indische Konzerne haben bereits ehrgeizige Pläne angekündigt. Unternehmen wie Reliance Industries unter Führung des Milliardärs Mukesh Ambani, die Adani-Gruppe oder der Tata-Konzern wollen Milliarden in KI-Infrastruktur investieren - teilweise in Kooperation mit großen US-Technologiefirmen.
Die Projekte könnten Indien zu einem wichtigen globalen Standort für Cloud-Computing und KI machen und zugleich Tausende neue Arbeitsplätze schaffen. Doch einige Experten warnen davor, den Ausbau von Rechenzentren mit technologischem Fortschritt gleichzusetzen. "Datenzentren bedeuten nicht, die Führungsposition in KI zu haben", sagt Apar Gupta, Direktor der Internet Freedom Foundation. Sie stellten vor allem Speicher- und Rechenkapazität bereit, so Gupta, aber nicht automatisch die Fähigkeit, "fortgeschrittene KI-Systeme zu entwickeln oder zu kontrollieren".
Gupta befürchtet, dass Indien sich zu stark auf das Thema Infrastruktur konzentriert und andere entscheidende Bereiche vernachlässigt. Ohne Investitionen in Forschung, Fachkräfte und eigene Datensätze könnte das Land am Ende vor allem Infrastruktur für internationale Konzerne bereitstellen, ohne selbst die technologische Entwicklung zu prägen.
Ähnlich äußert sich Divij Joshi vom Thinktank ODI Global in London. "Server zu hosten bedeutet nicht, zu kontrollieren, was auf ihnen läuft", sagt er. Damit Indien tatsächlich Einfluss in der globalen KI-Wirtschaft gewinnen könne, müsste das Land Infrastruktur in einem Umfang aufbauen, von dem internationale Lieferketten für Künstliche Intelligenz tatsächlich abhängig seien. "Angesichts des Vorsprungs der USA und Chinas ist das allerdings ein sehr ehrgeiziges Ziel."
Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, brauche Indien zunächst andere Voraussetzungen, sagt Joshi. Dazu gehörten stabile Stromnetze, klare regulatorische Rahmenbedingungen, Technologietransfer sowie deutlich höhere Investitionen in Forschung und Entwicklung.
Umweltprobleme durch KI-Rechenzentren
Neben wirtschaftlichen Fragen gibt es auch ökologische Bedenken. Moderne KI-Rechenzentren gehören zu den energieintensivsten Einrichtungen der digitalen Wirtschaft. In den Anlagen arbeiten oft Zehntausende Server gleichzeitig. Die leistungsstärksten Chips - sogenannte Grafikprozessoren, die für KI-Anwendungen eingesetzt werden - können Temperaturen von mehr als 90 Grad Celsius erreichen.
Um stabil zu funktionieren, brauchen Rechenzentren daher große Mengen an Strom und Wasser. Das Wasser wird vor allem zur Kühlung der Anlagen benötigt.
Für Indien könnte das zum Problem werden. Viele Städte des Landes leiden bereits unter Wasserknappheit. "Diese Anlagen brauchen enorme Mengen Wasser, eine stabile Stromversorgung und verlässliche Rohstoffe", sagt Joshi. "Bei allen drei Punkten hat Indien bereits heute Schwierigkeiten." Er vermutet deshalb, dass manche Unternehmen weniger wegen der Steuererleichterungen kommen könnten, sondern wegen der vergleichsweise lockeren Umweltregeln und der schnellen Bereitstellung von Grundstücken.
Auch Jyoti Panday vom Internet Governance Project weist auf wachsenden Widerstand gegen neue Rechenzentren hin. "Weltweit stoßen solche Projekte zunehmend auf Kritik wegen ihres hohen Energieverbrauchs. Indiens Vorteile - etwa günstigere Strompreise, zentralisierte Entscheidungsstrukturen und vergleichsweise wenig lokalen Widerstand - machen das Land attraktiv", sagt Panday.
Gleichzeitig seien die infrastrukturellen Grenzen vieler Städte nicht zu übersehen. Besonders Metropolen wie Mumbai oder Chennai könnten durch zusätzliche Großanlagen weiter unter Druck geraten.
Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.