Indien und Pakistan: Streit um das Wasser im Indus-System
Veröffentlicht 29. August 2025Zuletzt aktualisiert 31. August 2025
Das Indus-System mit fünf Flüssen ist eine Lebensader in Südasien und Quelle für Konflikte zugleich. Indus, Jhelum und Chenab fließen am Oberlauf durch von Indien verwaltete Gebiete Kaschmirs, durch von Pakistan beanspruchte Kaschmir-Regionen und dann weiter abwärts durch Pakistan selbst. Ravi und Sutlej führen durch Indien und Pakistan. Seit Monaten stehen sie im Mittelpunkt einer schleichenden, aber erbitterten Auseinandersetzung zwischen den beiden rivalisierenden Atommächten.
Hintergrund ist ein tödlicher Angriff auf Touristen im indisch verwalteten Teil Kaschmirs im April. Dieser führte Anfang Mai zu einen mehrtätigen Militärkonflikt zwischen Indien und Pakistan.
Dreht Indien Pakistan das Wasser ab?
Indien kündigte zudem an, ein Abkommen mit Pakistan über die Wasserverteilung "mit sofortiger Wirkung" auszusetzen - bis: "Pakistan glaubhaft und unwiderruflich seiner Unterstützung des grenzüberschreitenden Terrorismus abschwört". Dabei geht es um den genannten Indus-Wasservertrag , englisch: Indus Water Treaty (IWT), aus dem Jahr 1960.
Auch nach dem Ende der Auseinandersetzungen mit Pakistan im Mai scheint die Regierung in Neu-Delhi auf dieser Position zu beharren. In einer Rede Anfang des Monats sagte der indische Premierminister Narendra Modi, dass "Blut und Wasser nicht zusammen fließen".
Bisher hat Indien trotz seiner Ankündigung Indiens allerdings noch keine konkreten Maßnahmen zur Einschränkung des Wasserflusses nach Pakistan ergriffen. Diese hätten schwerwiegende Folgen für die pakistanische Landwirtschaft und auch für Kraftwerke an dem Fluss-System. Islamabad warnte in diesem Zusammenhang davor, dass solche Maßnahmen Indiens als "Kriegshandlung" angesehen würden.
Indien stellt Gerichtsbarkeit zu Gewässern in Frage
Der Ständige Schiedshof in Den Haag hat kürzlich über die Auslegung zentraler Teile des IWT entschieden. Indien müsse Pakistan grundsätzlich ermöglichen, die Flüsse uneingeschränkt zu nutzen - außer bei spezifisch festgelegten Ausnahmen.
Der Ständige Schiedshof - englisch Permament Court of Arbitration (PCA) - wurde auf den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 zur friedlichen Beilegung internationaler Konflikte eingerichtet. Die Schiedsinstanz, seit 1900 mit Sitz in Den Haag, ist eine administrative Einrichtung, hat aber keine unmittelbare Entscheidungsbefugnis.
Indien wies die Haltung des Schiedshofs als irrelevant zurück. "Indien hat die Rechtmäßigkeit, Legitimität oder Kompetenz des sogenannten Schiedshofs nie anerkannt. Seine Urteile sind daher rechtlich nicht bindend und haben keinen Einfluss auf Indiens Nutzungsrechte an den Gewässern", sagte Außenministeriumssprecher Randhir Jaiswal.
Wasserstreit um Indus-Flüsse: Fortschritte "unwahrscheinlich"
Uttam Kumar Sinha, vom Manohar Parrikar Institute für Verteidigungsstudien in Delhi, meint, dass sich der Streit zu einer "breiteren asiatischen Agenda zur Wasserpolitik" entwickeln könne, in der Pakistan und Indien versuchen werden, jeweils Verbündete um sich zu scharen.
"Pakistan wird den Schiedsspruch internationalisieren und ihn in verschiedenen Foren - von den UN bis zur Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) - nutzen, um auf seine Wasserknappheit aufmerksam zu machen. Indien hingegen wird darauf bestehen, dass der Schiedsspruch keine Auswirkungen auf seine Souveränität hat, und den Ausbau seiner Wasserkraft- und Bewässerungsinfrastruktur an den westlichen Flüssen vorantreiben", so Sinha.
Sinha ist Autor von Trial by Water - einem Buch, das die geopolitischen Aspekte der Wasserverteilung im Indusbecken untersucht. Seiner Ansicht nach können reale Allianzen eher über die Zukunft von Staudämmen und die Wassernetze entscheiden als Urteile in Den Haag.
Erhöht Indien den Druck auf Pakistan?
Ajay Bisaria, ehemaliger Hochkommissar Indiens für Pakistan, glaubt, dass Indien weiteren Druck auf Pakistan ausüben wird. "In den nächsten fünf Jahren könnte Indien ein Entwicklungsprogramm starten, um beschleunigt Kanäle und Speicher an den fraglichen Flüssen zu errichten. Indien könnte so seine Hebelwirkung auf Pakistan verstärken", sagt der Diplomat der DW.
Das Vertragsrecht lasse auch eine Vertragsänderung oder gar eine Kündigung aufgrund erheblicher Veränderungen der Umstände zu, erklärt Bisaria - etwa durch technologische Fortschritte im Staudammbau oder neue Situationen aufgrund des Klimawandels.
Die Zukunft der Flüsse bleibe eng mit dem Thema grenzüberschreitender Terrorismus aus Pakistan verbunden. Dennoch sei eine mögliche Neuauflage des Vertrags möglich. "Ein großer Deal gegen den Terrorismus könnte ebenso zu einem großen Deal über die gemeinsame Nutzung von Gewässern führen - mit einem neu ausgehandelten Nachfolgevertrag, der den Wasservertrag von 1960 ersetzen könnte."
Pakistan braucht Wasser für die Landwirtschaft
Mahendra Lama, Spezialist für Entwicklungsökonomie und die Volkswirtschaften Südasiens, warnt vor einer Rhetorik mit militärischen Drohungen im Zusammenhang mit den Flüssen. "Wasserressourcen sind gemeinsame natürliche Ressourcen, die kooperatives Management und Diplomatie statt militärischer Konfrontation erfordern", so Lama.
Millionen Menschen in Pakistan sind beim Trinkwasser, in der Landwirtschaft und im täglichen Leben allgemein auf das Wasser von Indus, Jhelum und Chenab angewiesen. Die Flüsse sind besonders wichtig in Punjab und Sindh - beides Regionen, deren landwirtschaftliche Produktion den Großteil der Bevölkerung des Landes ernährt und das Rückgrat der ländlichen Wirtschaft bildet.
"Das Management dieser grenzüberschreitenden Flüsse muss sich auf Dialog, Vertrauensbildung, Rechtsverträge wie den IWT und kollaborative Rahmenbedingungen konzentrieren", fordert Lama.
Streit ums Wasser: pragmatische Lösung gesucht
Auch Verteidigungsexperte Sinha mahnt pragmatische Schritte beider Staaten an, um das Problem zu entschärfen. So könnten Indien und Pakistan etwa saisonale Grenzen für die Spitzenlast (zur zusätzlichen Energiegewinnung) vereinbaren, ebenso etwa Absenkungen des Wasserspiegel zur Spülung der Flussläufe zur Entfernung von Sedimenten.
"Ohne solche pragmatischen Schritte besteht nicht nur die Gefahr einer militärischen Eskalation, die das Leben im Fluss-Becken für seine 250 Millionen Einwohner noch unvorhersehbarer und gefährlicher machen würde, sondern auch die einer stetigen Erosion der Wasserströme, die die Stabilität tagtäglich beeinträchtigen könnten", fügt Sinha hinzu.
Adaption aus dem Englischen: Shabnam von Hein