Indien will Halbleiterindustrie stärken
24. Juli 2026
Mehr als 90 Prozent der weltweit fortschrittlichsten Halbleiterprodukte werden heute in Taiwan hergestellt. Doch die Inselrepublik steht im Zentrum der geopolitischen Spannung zwischen der größten und der zweitgrößten Volkswirtschaft, den USA und China. Peking betrachtet die Insel Taiwan als eine abtrünnige Provinz. Für eine Wiedereingliederung will Peking Gewalt nicht ausschließen. Die USA sind aber per Gesetz verpflichtet, im Konfliktfall Taiwan militärisch zu schützen.
Eskaliert der Konflikt an der Taiwan-Straße, hätte die Weltwirtschaft ein Riesenproblem. Könnte die Versorgung mit Chips sichergestellt werden? Diese Frage stellen sich Hightech-Unternehmen und Regierungen weltweit. Während der Covid-Pandemie zwangen schon einmal Lieferengpässe von Chips beispielsweise westliche Autohersteller dazu, zeitweise ihre Produktion einzustellen. Das macht deutlich, wie abhängig die Weltwirtschaft von einer Handvoll Herstellern in Ostasien geworden ist.
Indien wirft den Hut in den Ring
Anfang Juli verabschiedete die indische Regierung den Aktionsplan "Semicon India 2.0", ein 13,2 Milliarden US-Dollar schweres Programm zum Ausbau der Halbleiterindustrie. Das war der zweite Anlauf in den letzten fünf Jahren. Schon 2021 hatte Indien neun Milliarden US-Dollar investiert, um das gesamte komplexe System weiter zu entwickeln: vom Chip-Design und -Fertigung bis hin zur Ausbildung von Fachkräften. Attraktive Programme sollen außerdem hochqualifizierte Kräfte in Indien ansiedeln, die im Ausland studiert und bereits in der Branche gearbeitet haben.
Im Silicon Valley genießen Ingenieure aus Indien ein hohes Ansehen. Sie sind bei den US-Hightech-Konzernen hoch begehrt. Unternehmen wie Nvidia, AMD, Qualcomm und Texas Instruments lassen aber auch schon jetzt einige der weltweit fortschrittlichsten Chips in Forschungszentren in den indischen IT-Hochburgen wie Bengaluru, Hyderabad und Noida entwickeln.
Was Indien bisher fehle, sei die Kapazität für die Serienfertigung, sagt V. Kamakoti, Direktor des Indien Institute of Technology Madras im Bundesstaat Tamil Nadu. Diese technische Universität wurde 1959 mit deutscher Unterstützung gegründet. "Indien verfügt über das Know-how, um hoch entwickelte Halbleiterchips zu entwerfen", sagt Kamakoti im DW-Interview. "Indische Ingenieure, die sowohl für einheimische als auch für multinationale Unternehmen arbeiten, haben komplexe Chips erfolgreich entwickelt und ausgeliefert. Die größere Herausforderung besteht darin, sie herzustellen."
Fehlende Produktionskapazitäten
Im Rahmen des ersten Aktionsplans 2021 hatten einige indische Firmen wie Micron, Kaynes und CG Semi mit der kommerziellen Produktion begonnen. Der indische Minister für Informationstechnologien, Ashwini Vaishnaw, will weitere Teile der Wertschöpfungskette nach Indien verlagern.
"Globale Unternehmen zu überzeugen, ist nicht mehr so schwierig", sagt Amitesh Kumar Sinha, Geschäftsführer der Brancheninitiative India Semiconductor Mission. Bereits zwölf Fertigungs- und Verpackungsprojekte für Halbleiterprojekte von ausländischen Unternehmen seien schon genehmigt. Außerdem biete die Regierung Minderheitsbeteiligungen an förderfähigen Start-ups im Bereich Halbleiterdesign an, um bei der Startfinanzierung zu helfen.
Neu-Delhi hofft, bis 2030 einen heimischen Halbleitermarkt im Wert von 100 bis 110 Milliarden US-Dollar aufzubauen und bis zu drei Viertel des Eigenbedarfs lokal zu produzieren. Eine hochmoderne Fertigungsanlage kann mehr als 20 Milliarden US-Dollar kosten. Die Produktion erfordert eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, riesige Mengen an ultrareinem Wasser und ein umfangreiches Netzwerk von Zulieferern für Spezialchemikalien, Siliziumwafer und Präzisionsausrüstung. Taiwan hatte Jahrzehnte gebraucht, diese Voraussetzungen zu schaffen.
Indien müsse nun der Versuchung widerstehen, den modernsten Chips der Welt hinterherzujagen, sagt Kamakoti. "Chips mit 28 Nanometern werden den Großteil des indischen Bedarfs decken. Sobald das gelingt, können wir schrittweise zu noch präziseren Produkten übergehen." Mit anderen Worten: Indien soll zuerst die einfachen Chips in Mengen produzieren können, bevor es sich auf die hochleistungsfähigen konzentriert. Die Spitzenhersteller TSMC aus Taiwan ist heute in der Lage, Chips von zwei Nanometern herzustellen. Je kleiner die Zahl, desto leistungsfähiger werden die Chips. Bis dahin steht noch ein langer Weg vor Indien.
KI ist die Chance
Durch die rasante Entwicklung der KI-Anwendungen gilt es als sicher, dass die Nachfrage nach Halbleiterprodukten im kommenden Jahrzehnt stark ansteigen wird. Unternehmen müsse angesichts geopolitischer Spannungen an der Taiwan-Straße ihre Lieferketten diversifizieren, sagt der Branchenkenner Sambit Sahu. Mehr als drei Jahrzehnte hat er für die US-Hersteller Qualcomm und Intel gearbeitet. "Das rasante Wachstum der künstlichen Intelligenz wird Indien eine neue Chance schaffen", sagt Sahu im Gespräch mit der DW. "Der Aufbau eines Systems für die Halbleiterfertigung wird aber kostspielig und technisch anspruchsvoll sein. Mit nachhaltigen Investitionen und politischen Unterstützungen könnte sich Indien im Laufe des nächsten Jahrzehnts zu einem wichtigen Produktionsstandort entwickeln."
Doch nicht jeder ist so optimistisch, dass Indien den Rückstand in der Fertigung schnell aufholen kann. Ein indischer Topmanager in der Halbleiterindustrie, der anonym bleiben möchte, sagt: "Indien besitzt im Chipdesign die Fähigkeiten der Weltklasse. Aber die Fertigung ist eine andere Herausforderung. Die größten Chancen liegen kurzfristig eher in den Bereichen Verpackung, Testen und der Fertigung mit ausgereiften Strukturgrößen."
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan