Indien will mehr Handel mit Afghanistan
18. Dezember 2025
Die politische Eiszeit zwischen Pakistan und Afghanistan hat in den vergangenen Monaten einen historischen Tiefpunkt erreicht, nachdem Dutzende von Menschen bei Grenzgefechten ums Leben gekommen waren. Auch der Handel zwischen den beiden Nachbarn brach inzwischen um fast die Hälfte ein. Wichtige Handelsrouten über die afghanisch-pakistanischen Grenzübergänge Torkham und Chaman wurden geschlossen.
Während sich das bilaterale Handelsvolumen im letzten Jahr auf fast zwei Milliarden US-Dollar belief, sei der Handel nach den Grenzschließungen und militärischen Spannungen auf etwa eine Milliarde US-Dollar gesunken, sagte Khan Jan Alokozay, Vorstandsmitglied der afghanischen Handelskammer, gegenüber Amu TV. Die Taliban-Machthaber hätten ihre Unternehmen zur Diversifizierung aufgefordert, um Alternativen zu ihren bisherigen Partnern in Pakistan zu suchen.
Afghanistan orientiert sich in Richtung Indien
Indien sieht dabei eine Chance, seine wirtschaftlichen Beziehungen und sein strategisches Engagement in Kabul auszubauen. Auch Indien verstrickt immer wieder mit Pakistan in bewaffnete Konflikte, zuletzt im Frühjahr 2025. Neu-Delhi will nun mehr Handel mit Afghanistan.
Beim jüngsten Besuch des afghanischen Handelsministers Nooruddin Azizi in Indien wurde über erweiterte Wirtschaftsbeziehungen verhandelt: mehr Direktfrachtflüge aus Indien nach Kabul, Ernennung von Handelsattachés sowie Zoll- und Steuersenkungen. Beide Länder streben ein bilaterales Handelsziel von einer Milliarde US-Dollar an.
Tschahbahar als Drehscheibe
Dabei fasst Indien den iranischen Hafen Tschahbahar am Indischen Ozean ins Auge. Seit 2018 wird der Hafen von indischen Firmen betrieben. Indien investierte massiv in den Hafen, der als wichtiger Seehafen für afghanische Im- und Exporte gilt, um die Routen durch Pakistan zu vermeiden.
Tschahbahar gilt als Konkurrenzhafen vom pakistanischen Gwadar, das nur 170 Kilometer entfernt liegt. Chinesische Firmen waren maßgeblich am Bau des pakistanischen Hafens beteiligt. Seit sich die Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan verschlechtert haben, nutzen afghanische Händler verstärkt Tschahbahar für den Import von Lebensmitteln, Rohstoffen, Baumaterialien und Konsumgütern. Waren, die zuvor über Pakistan kamen.
"Indien muss schnell handeln"
Ajay Bisaria, indischer Botschafter in Pakistan 2017-2020, sagt gegenüber der DW, Indien müsse aber "während der andauernden Blockade den Hafen Tschahbahar modernisieren, einschließlich Containerabfertigung, Lagerung und Hinterlandanbindung" und auf eine schnellere Zollabfertigung drängen. Indien müsse diese Chance nutzen, "um Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit zu bieten und so günstigere Warenhandelsrouten durch Pakistan auszugleichen".
Wenn alternative Routen über Tschahbahar normalisiert und wirtschaftlich tragfähig gemacht werden könnten, würde dies "eine dauerhafte Umgehung von Pakistans unberechenbarer Transitpolitik schaffen", sagt Gautam Mukhopadhaya, Indiens Ex-Botschafter in Afghanistan, im DW-Interview. Der Konflikt zwischen Islamabad und Kabul habe Indien "ein Zeitfenster dafür eröffnet, seine Position als wichtigstes Handelsdrehkreuz Afghanistans zu festigen".
Herausforderungen und Unsicherheiten
Die Afghanistan-Expertin Shanthie Mariet D'Souza weist ebenfalls darauf hin, dass Tschahbahar schwere Aufrüstungen wie Kräne und Lagerkapazitäten benötige, um das angepeilte milliardenschweres Handelsvolumen bewältigen zu können.
Und die US-Sanktionen gegen den Iran könnten den Fortschritt behindern, sagt sie. Indien, der Iran und Afghanistan müssten Wege finden, die Auswirkungen der westlichen Sanktionen gegen Teheran zu mildern. Ein Durchbruch in dieser Sache würde die alternativen Routen "dauerhaft und verlässlich" machen.
Indien genieße unter der afghanischen Bevölkerung ein gutes Ansehen. Die derzeit freundlichen Beziehungen zu den Taliban könnten den Prozess erleichtern, obwohl Neu-Delhi die Taliban-Regierung nicht offiziell anerkennt. Indien habe den Handel bereits formal gestärkt und solle nun langfristig Einfluss sichern, indem es eine Handelsbeziehung fördert, die Afghanistans Eigenständigkeit unterstützt, sagt D'Souza.
Kein "Selbstläufer" für Indien
Diplomat T.C.A. Raghavan mahnt jedoch zur Vorsicht. Man dürfe eine temporäre Störung nicht mit einem strukturellen Wandel verwechseln, warnt der indische Ex-Botschafter in Pakistan.
Die schweren Infrastrukturprobleme sowie die US-Sanktionen hätten den indischen Export in den Iran bereits eingeschränkt und würden auch den Handel mit Afghanistan über iranische Routen begrenzen, sagt Raghavan. Die Unterbrechung des Handels zwischen Afghanistan und Pakistan werde nicht "automatisch zu mehr indischem Export nach Afghanistan über den Iran" führen. Es werde zwar keine schnelle Verbesserung der afghanisch-pakistanischen Beziehungen innerhalb von Tagen oder Wochen geben, aber er erwarte nicht, dass die aktuelle Krise jahrelang anhalte.