Indiens Dilemma bei Trumps "Friedensrat"
23. Januar 2026
US‑Präsident Donald Trump hat am Donnerstag (22.01.2026) seine sogenannte "Board of Peace"‑Initiative (BoP) ins Leben gerufen. Ziel dieses "Friedensrates" ist es in erster Linie, den Waffenstillstand zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas im Gazastreifen zu festigen und eine Übergangsregierung in dem palästinensischen Gebiet zu überwachen.
Indien gehört zu den Dutzenden von Ländern, die ein Einladungsschreiben zur Teilnahme an diesem Gremium erhalten haben. Ob Neu‑Delhi das Angebot annehmen wird, ist jedoch bislang unklar. Denn Trumps BoP könnte Indien in eine diplomatische Bredouille bringen.
Unter Premierminister Narendra Modi hat das Land seine Beziehungen zu Israel deutlich ausgebaut. Der bilaterale Handel beläuft sich inzwischen auf nahezu fünf Milliarden US‑Dollar (4,27 Milliarden Euro) pro Jahr. In den Jahren 2020 bis 2024 wurde Indien dabei auch zum größten Waffenimporteur Israels.
Gleichzeitig hält Neu-Delhi an seiner Unterstützung für die "palästinensische Sache" fest. Bereits 1975 hatte Indien als erstes nicht‑arabisches Land die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) als "alleinige und legitime Vertreterin des palästinensischen Volkes" anerkannt.
Neu‑Delhi unterhält eine Vertretung in der Stadt Ramallah in den palästinensischen Gebieten, stellt jährlich fünf Millionen US‑Dollar für das UN‑Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) bereit und unterstützt konsequent Friedensgespräche sowie eine Zwei‑Staaten‑Lösung zur Beilegung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern.
Erhebliche Herausforderungen
Vor diesem Hintergrund sind sich außenpolitische Experten und Diplomaten uneinig darüber, ob Indien dem "Friedensrat" beitreten sollte. Die Bedenken reichen von Fragen zur institutionellen Legitimität bis hin zu den strategischen Kosten, die mit einer Teilnahme verbunden wären.
"Es gibt ernsthafte Fragen, die Indien abwägen muss", sagt Muddassir Quamar, außerordentlicher Professor am Zentrum für Westasienstudien der Jawaharlal‑Nehru‑Universität in Delhi, der DW. Die Regierung müsse dabei "einen diplomatischen Drahtseilakt vollführen".
Indiens Bekenntnis zu einem palästinensischen Staat im Rahmen der Vereinten Nationen spiele dabei eine wichtige Rolle, so Quamar weiter. Und während die diplomatischen Herausforderungen im Umgang mit einem unberechenbaren US‑Präsidenten im Vordergrund stünden, "muss auch die fehlende Klarheit über Aufgabenbereich und Struktur des BoP bedacht werden." Zudem würden auf Indien erhebliche Kosten zukommen. Quamar verwies auf den Beitrag für den Friedensrat von einer Milliarde US‑Dollar, die dann eine permanente Mitgliedschaft sichert, und sieht darin ein erhebliches Hindernis.
Dass das Nachbarland Pakistan - erst im Frühjahr vergangenen Jahres wieder in einen bewaffneten Konflikt mit Indien verwickelt - die Einladung zur Beteiligung an dem Friedenrat bereits angenommen hat, hält er bei einer Entscheidung Neu-Delhis hingegen nicht für ausschlaggebend. Vielmehr würde Indien wahrscheinlich zunächst regionale Partner wie Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate konsultieren.
"Indiens Teilnahme könnte globalen Süden stärken"
TS Tirumurti, ehemaliger Diplomat und Indiens erster Vertreter bei der Palästinensischen Autonomiebehörde, sieht eine mögliche Beteiligung dagegen positiv. Indien sollte gerade deshalb teilnehmen, weil der Rat vom UN‑Sicherheitsrat gebilligt wurde und die Region von strategischer Bedeutung sei.
Tirumurti zeigt sich dabei überzeugt, dass Indiens Teilnahme die Anliegen des Globalen Südens stärken würde. "Neben unseren eigenen Interessen hat Indien in der Regel auch die Anliegen des Globalen Südens zu vertreten. Sollte Indien dem Rat beitreten, bin ich sicher, dass unsere Rolle keine andere sein wird." Indien sei in jedem Gremium "stets eine Stimme der Vernunft und des Pragmatismus gewesen". China, der sich ebenfalls als Vertreter des Globalen Südens versteht, hat die Teilnahme schon abgelehnt.
Eine Schwächung der UN sieht er dabei nicht: "Der BoP stellt die Vereinten Nationen eigentlich nicht infrage", sagte Tirumurti im Gespräch mit der DW. Er wies die Befürchtung zurück, ein nicht repräsentatives Gremium könne den UN‑Sicherheitsrat ersetzen. Es könne ihn allenfalls vorübergehend in den Schatten stellen, aber nicht ablösen. "Angesichts der begrenzten Mitgliedschaft könnte er allenfalls die Vorrangstellung der G20 infrage stellen, die ebenfalls nur ausgewählte Mitglieder umfasst. Da die USA möchten, dass sich die G20 auf wirtschaftliche Themen konzentriert, könnte der BoP das geopolitische Pendant zur G20 werden."
Noch fehlt Zustimmung aller relevanten Akteure
Sameena Hameed, Leiterin des Zentrums für Westasienstudien an der Jawaharlal‑Nehru‑Universität in Delhi, geht dagegen davon aus, dass Indien aufgrund rechtlicher Unklarheiten, unsicherer Erfolgsaussichten und hoher politischer Kosten eher nicht beitreten wird.
Die vorgesehene Regierungsrolle verfüge nicht über die notwendige Zustimmung aller relevanten Akteure, betonte sie. So habe zwar der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu bereits am Mittwoch angekündigt, Trumps Einladung zur Mitgliedschaft im BoP angenommen zu haben. Die Hamas jedoch, die weiterhin im Gazastreifen aktiv ist und in gewaltsame Machtkämpfe mit rivalisierenden Clans und Gruppen verwickelt ist, bleibe aus Trumps Initiative "vollständig ausgeschlossen", so Hameed.
"Über Gaza hinaus untergräbt die angebliche Ausweitung des Mandats auf 'andere umstrittene Gebiete‘ die Vorrangstellung der Vereinten Nationen im Konfliktmanagement und setzt einen Präzedenzfall, den Indien normalerweise vermeidet", erklärt Hameed gegenüber der DW. "Das institutionelle Design des Rates verleiht dem Vorsitz, zunächst den USA, überproportionale Macht, bei unausgewogener Zusammensetzung der Mitglieder und asymmetrischen Entscheidungsrechten." Laut Hameed untergräbt das Design des Friedensrats dessen Glaubwürdigkeit als echtes multilaterales Gremium".
Sie warnt zudem davor, dass eine Teilnahme hohe Kosten mit sich bringe und sowohl die strategischen Beziehungen zu Israel belasten als auch Indiens prinzipielle Unterstützung für die Palästinenser schwächen könnte. Ihre Empfehlung lautet, eine strategische Ambiguität zu bewahren - eine Linie, mit der Indien in der Vergangenheit erfolgreich seine außenpolitische Autonomie gesichert habe.
Neu-Delhi wird "nicht überstürzt" handeln
Ajay Bisaria, ehemaliger indischer Botschafter in Pakistan, unterstützt dagegen die Initiative, allerdings mit Vorbehalten. "Indien sollte vorsichtig vorgehen, das Kleingedruckte genau prüfen und über die Bedingungen verhandeln, bevor eine Teilnahme in Betracht gezogen wird", rät der Diplomat im Gespräch mit der DW. Er hält einen Beitritt für denkbar, falls der Rat auf Westasien beschränkt bleibt. Indien könnte dann etwa im Einklang mit seiner Tradition im Bereich der Friedenssicherung ein medizinisches Kontingent für Gaza entsenden.
Er warnt aber davor, dass jeder Versuch, den Rat zur Wiederbelebung einer unipolaren Weltordnung zu nutzen, auf Widerstand stoßen werde. Zudem rechnet er damit, dass eine Ausweitung über Westasien hinaus aufgrund europäischen Gegenwinds scheitern werde.
Derzeit beobachtet Neu‑Delhi aufmerksam, wie andere große Mächte ihre Entscheidungen abwägen. "Die Geschichte zeigt, dass Indien nicht überstürzt handelt", sagt er.
Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand