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Instagram-Accounts verharmlosen Holocaust - Kritik an Meta

8. März 2026

In Instagram-Posts werden NS-Täter glorifiziert - Kriegsverbrechen und die Beteiligung am Holocaust dagegen verschwiegen. Opferverbände sprechen von einem "Anschlag auf die Würde der Überlebenden".

Instagram-Screenshot mit einem Foto des SS-Brigadeführers Kurt Meyer auf einem Instagram Account. Er trägt SS-Uniform mit SS-Abzeichen. Daneben steht ein Begleittext.
Screenshot von Instagram-Post mit Foto von einem SS-Offizier mit SS-Abzeichen - der Post wurde mittlerweile gesperrtBild: Instagram

Auf der Social-Media-Plattform Instagram veröffentlichen zahlreiche Accounts verherrlichende Fotos von Wehrmachts- und SS-Offizieren aus der Zeit des Nationalsozialismus (NS) unter Adolf Hitler. In den begleitenden Texten werden Tapferkeit, Mut und strategisches Geschick der Personen hervorgehoben. Ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen und am Holocaust, dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden, bleibt unerwähnt. Das belegen Recherchen der DW.

Die Veröffentlichungen erreichen ein internationales Millionen-Publikum. Viele User kommentieren die Fotos der Kriegsverbrecher zustimmend: mit Herz- und Applaus-Emojis. Eine kritische Auseinandersetzung findet in diesen Veröffentlichungen nicht statt.

Instagram-Screenshot mit Foto von Reichsführer-SS Heinrich Himmler: User reagierten mit Herzen und Bewunderung (Post wurde mittlerweile von Instagram gelöscht)Bild: Instagram

Auch die Verbreitung von Hass-Symbolen scheint für den Meta-Konzern und seine Plattform Instagram in der Regel kein Grund gewesen zu sein, entsprechende Inhalte und Accounts zu beanstanden.

Die Recherchen der DW belegen, dass immer wieder Fotos veröffentlicht wurden, auf denen zum Beispiel das Abzeichen der Schutzstaffel (SS) abgebildet ist. Die SS war das wichtigste Unterdrückungs- und Terrororgan im NS-Staat. Sie war maßgeblich für die Verbrechen in deutschen Konzentrationslagern wie Auschwitz, Majdanek und Treblinka verantwortlich. Allein im Vernichtungslager Auschwitz ermordeten die Deutschen etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen, die meisten von ihnen waren Juden aus ganz Europa, Sinti und Roma, Polen, Kriegsgefangene, politische Gegner und Minderheiten. 

"Ich bin erschüttert über diese Masse an NS-Content", sagt Eva Berendsen im Interview mit der DW. Berendsen arbeitet für die Bildungsstätte Anne Frank, die Menschen für Antisemitismus und Rassismus sensibilisieren will. Die Einrichtung erinnert an das von den Nazis ermordete jüdische Mädchen Anne Frank, dessen weltberühmtes Tagebuch eines der bedeutendsten Dokumente über die Schrecken der NS-Zeit ist.

Eva Berendsen, Leiterin Kommunikation der Bildungsstätte Anne FrankBild: Bildungsstätte Anne Frank / Felix Schmitt

Berendsen kritisiert die Veröffentlichung solcher Fotos auf Instagram scharf: "Das Foto-Material ist NS-Propaganda, die dekontextualisiert, also ohne Beschreibung dessen, was man eigentlich sieht, im Netz landet. Erstmal sind die jungen Nutzerinnen mit diesem Content komplett alleine gelassen."

Erster Kontakt Jugendlicher mit Nationalsozialismus über Instagram?

Besonders bedenklich sei, dass viele Nutzerinnen und Nutzer auf Instagram so jung seien, dass sie historische Themen wie Nationalsozialismus und die Verbrechen des Holocaust meistens noch nicht im Schulunterricht behandelt hätten. "Wir müssen davon ausgehen, dass junge Menschen heutzutage den ersten Kontakt mit den Themen NS und Holocaust mutmaßlich über Social Media haben", so Berendsen.

Das habe Folgen: zum Beispiel, wenn jungen Männern immer wieder Bilder von vermeintlich heroischen Soldaten gezeigt werden. "Diese Posts haben das Potenzial, solche Männlichkeitsbilder und Männlichkeitsfantasien zu bestärken."

Instagram-Post über einen Wehrmachtssoldaten: Der begleitende Text erwähnt seine Tapferkeit - die Kriegsverbrechen in seinem Einsatzgebiet auf Kreta bleiben unerwähntBild: Instagram

Ein Beispiel ist eine Veröffentlichung mit zwei Fotos von einem ehemaligen Gebirgsjäger der deutschen Wehrmacht. Der Post zeigt ihn als jungen Soldaten in Uniform und als älteren Herrn im Anzug. Im Begleittext heißt es: "Ein Gebirgsjäger, der unter Otto Schury die Stadt Chania auf Kreta eroberte (...) Für seine Tapferkeit in Chania erhielt er das Eiserne Kreuz 1. Klasse!"

Dass auf die Eroberung der griechischen Insel Kreta der Terror gegen die Zivilbevölkerung folgte, erwähnt der Text nicht: 300 jüdische Bewohner der Stadt Chania wurden infolge der Besatzung in die deutschen Konzentrationslager deportiert. Nur vier sollen überlebt haben. 

Oder ein Post über den Offizier der Waffen-SS Kurt Meyer: Auf dem Foto ist ein Mann in Uniform abgebildet - mit den SS-Runen am Uniformkragen. Der englische Text rühmt Meyers Mut: "Seine Klassenkameraden witzelten, er sei hart im Nehmen wie ein Panzer." Dass Kurt Meyer ein verurteilter Kriegsverbrecher ist, erwähnt der Text nicht: Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen im Jahr 1939 erschoss er 50 Juden.

KZ Auschwitz-Birkenau im Jahr 1944: SS-Aufseher selektieren ungarische Juden - die Mehrheit wird sofort nach der Ankunft in den Gaskammern ermordetBild: picture-alliance/dpa/Mary Evans Picture Library

Wer aber sind die Verantwortlichen hinter den Accounts? Die Recherchen der DW zeigen keine klare Struktur: Angemeldet wurden sie in verschiedenen Ländern wie Deutschland, Pakistan, den USA oder der Türkei. Manche scheinen auf hohe Reichweiten abzuzielen, andere stärker ideologisch motiviert zu sein.

Historiker: schwer erträgliche Geschichtsklitterung

Der Historiker Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte in München kritisiert die Posts scharf: "Wenn verurteilte Kriegsverbrecher wie der SS-General Kurt Meyer ("Panzer-Meyer“) und andere schwer Belastete auf das Podest gehoben werden, ist das aus wissenschaftlicher Sicht eine schwer erträgliche Geschichtsklitterung", schreibt Hürter der DW zum Ergebnis der Recherchen "und ein Rückfall in ein völlig unkritisches Geschichtsbild, das man für überwunden geglaubt hatte".

Hürter sieht als einen Grund für die Flut an NS-Verherrlichung und Verharmlosung in den Sozialen Medien eine Konjunktur rechtsextremistischer Einstellungen und Netzwerke: "Rechtsextremisten aller Länder zeigten schon immer ihre Bewunderung für die Streitkräfte Hitler-Deutschlands und benutzen diese unkritische Verherrlichung von Wehrmacht, Waffen-SS, ihrer Geschichte und ihren Symbolen nun verstärkt als Code der Selbstvergewisserung und Kommunikation untereinander."

Der stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, erhebt angesichts der DW-Recherchen schwere Vorwürfe gegen den Meta-Konzern von Mark Zuckerberg und gegen andere Tech-Miliardäre: "Ich denke, dass vielen dieser Gründerpersönlichkeiten die Haltung, die in solchen Posts geschildert wird, sehr nahe ist: elitäre Führungspersönlichkeiten", kritisiert Heubner im DW-Interview. Er wirft ihnen selbst eine autoritäre Haltung vor: "Sie denken, wir brauchen schnieke, stramme Helden, die mutig vorangehen und allein entscheiden."

Für die Überlebenden von Auschwitz und für die Betroffenen des Holocaust seien die Instagram-Posts ein Schlag ins Gesicht: "Sie sind eine Attacke auf ihre Würde. Und sie weisen ihnen eine Rolle zu: nämlich die Rolle der Verlierer der Geschichte und der Opfer. Sie sind die Opfer, die man noch nicht gekriegt hat. Und das ist insofern ja eine mörderische Art und Weise mit Menschen umzugehen, weil sie sie seelisch stigmatisiert und einfach unmenschlich ist."

Meta-CEO Mark ZuckerbergBild: Ryan Sun/AP Photo/dpa/picture alliance

Die Deutsche Welle hat auch den Meta-Konzern als Betreiber der Plattform Instagram zu den Ergebnissen der Recherche angefragt und eine Liste der fragwürdigen Posts beigefügt.

Meta reagiert ausweichend: keine klaren Antworten zur Holocaust-Verharmlosung

Die schriftliche Antwort kommt von einer PR-Agentur aus Hamburg. Antworten auf die Fragen gibt es nicht. Die Mitarbeiterin bedankt sich für die weitergeleiteten Instagram-Posts: "Diese befinden sich aktuell noch in der Prüfung". Außerdem verweist die Agentur auf Hintergrundinformationen aus den Community Standards von Meta.

Vier Tage nach der Antwort sind fast alle Posts, die die DW als Beispiele an Meta weitergeleitet hatte, nicht mehr aufrufbar: das Bild von Himmler, das Foto von Kurt Meyer in SS-Uniform und andere. Warum Instagram sie überhaupt zugelassen hatte, und wie der Meta-Konzern in Zukunft mit solchen Inhalten umgehen wird, bleibt unbeantwortet.

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