Internationaler Ameisenhandel: Kleine Tiere, großer Schaden
30. Juli 2026
Es sind ungewöhnliche Beweismittel, die regelmäßig in kenianischen Gerichtssälen zum Einsatz kommen: Tausende Ameisen, in kleine Kapseln verpackt. Allein seit 2025 wurden solche Funde gleich mehrfach zum Beweis vorgelegt: Mitarbeitende der kenianischen Wildtierschutzbehörde hatten sie bei Gepäckkontrollen entdeckt. Sie identifizierten in mehreren Fällen jeweils tausende Exemplare der Art Messor cephalotes, auch bekannt als Große Afrikanische Ernteameise (African giant harvest ant). Die Tiere zählen zu den größten Ameisen weltweit und sind unter Hobbyhaltern begehrt. Der Marktwert einer Königin liegt bei über 200 Euro.
Die Ausfuhr von Wildtieren ist in Kenia grundsätzlich verboten. Aufgrund der hohen Rate an Wilderei, vor allem von Elefanten und Nashörnern, wurden in vielen afrikanischen Staaten teils drakonische Gesetze gegen Wildtierschmuggel erlassen. Auch in Kenia ist die Gesetzgebung verschärft worden. Auf dieser Grundlage wurde vergangenen April ein Chinese, der Ameisen ausführen wollte, wegen Biopiraterie zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt. Angesichts des zunehmenden Schmuggels und der ökologischen Auswirkungen solle die Strafe abschreckend wirken, erklärte die Richterin.
Das war schon der zweite Ameisenfall innerhalb eines Jahres. Vergangenes Jahr stoppte die Wildtierschutzbehörde vier Männer, die sich selbst "Ameisengang" nannten. Darunter waren zwei 19-jährige Belgier, die 5500 Königinnen nach Europa schmuggeln wollten. Sie wurden zu Geldstrafen von rund 5000 Euro verurteilt.
Immer wieder wird bei solchen Fällen der Insektenforscher Dino Martins zum Flughafen gerufen. "Ich war schockiert", sagt er. "Nicht nur wegen der schieren Anzahl der Tiere, sondern auch, weil es sich dabei um Ameisenköniginnen handelte." Martins, der in der Vergangenheit verschiedene Forschungsinstitute in Kenia leitete, gilt als einer der führenden Ameisenforscher Afrikas.
Bei den beschlagnahmten Tieren handelte es sich demnach um junge Königinnen, die aus ihren Nestern in der Erde ausgegraben wurden. Solche tragen Flügel, um auszufliegen und neue Nester zu gründen: "Wenn man Königinnen in diesem kritischen Moment einsammelt, unterbricht man einen zentralen Schritt für die Entstehung neuer Kolonien." Auch Kenias Ökosystem werde geschädigt, so der Ameisenforscher: Denn Ameisen transportierten Grassamen, wodurch die Savanne stets neu begrünt werde.
Ein neues Nischenhobby
In Europa gibt es vor allem unter jungen Menschen einen Trend, sich Ameisen als Haustiere zu halten: in gläsernen Terrarien, in welchen die Königin Nachfahren zeugt und damit eine neue Population begründet.
Einer, der dieses Hobby betreibt, ist Michael Meier. Er möchte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden. Während des Studiums suchte er nach einem Haustier, das wenig Betreuung benötigt. "Bei Ameisen spielt es keine große Rolle, ob ich heute oder morgen füttere", sagt er. Früher hielt Meier fast 30 Kolonien in einem eigens für sie eingerichteten Zimmer. Heute sind es noch vier. Er gibt zu: Unter Ameisenfans seien exotische Gattungen "attraktiv", weil sie keine Winterruhe halten: "Da hat man das ganze Jahr etwas von den Tieren."
Auf den Webseiten zahlreicher Online-Shops kann man mit ein paar Mausklicks Ameisen per Post bestellen. "African Ants" lautet die Kategorie, mit denen viele Online-Shops Ameisenhalterinnen locken. Unter den Angeboten ist auch jene Art, die wiederholt in Kenia am Flughafen entdeckt wurde.
Wer die Händler fragt, wie die Tiere nach Europa gelangen, erhält nur wenig Antworten. Selbst Anbieter, die mit "Importgenehmigungen" werben, beantworten dazu keine Presse-Anfragen, denn der Handel bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Laut dem Internationalen Artenschutzabkommen, das von CITES überwacht wird, gelten Ameisen nicht als bedrohte Art. Ihr Handel ist damit weltweit nicht untersagt und deswegen nicht reguliert. Kenia verbietet zwar die Ausfuhr sämtlicher Wildtiere. Doch anders als Elfenbein lassen sich Ameisen einfach im Handgepäck oder per Post aus dem Land schmuggeln.
Hoher Gewinn, wenig Risiko
Auch abgesehen vom Geschäft mit den Ameisen habe der Onlinehandel mit Wildtieren stark zugenommen, sagt Russell Gray. Mit einem weltweiten Team hat er für die Global Initiative Against Transnational Organised Crime dieses Problem untersucht. "Die wichtigste Erkenntnis ist, dass dies kein Randproblem mehr ist, das sich auf obskuren Webseiten versteckt", so Gray: "Heute sehen wir, dass er auf gängigen Plattformen wie Facebook stattfindet."
Grays Team hat vergangenes Jahr mehr als 60 Plattformen durchsucht. Sie fanden 266.000 Werbeanzeigen mit Preisangaben. Der Gesamtwert aller Wildtier-Anzeigen belief sich auf rund 66 Millionen US-Dollar (rund 58 Millionen Euro). Insekten waren gar nicht dabei. Er kommt zu dem Schluss: "Wenn wir den gesamten Onlinehandel mit Wildtieren betrachten würden, kämen wir wahrscheinlich auf ein Volumen in Milliardenhöhe."
Der Biologe Chris Shepherd vom in den USA ansässigen Center for Biological Diversity, das sich weltweit für den Erhalt der Biodiversität einsetzt, beobachtet dies mit Sorge. Die Fälle in Kenia hätten klar gezeigt: Im Vergleich zu anderen Formen der Kriminalität, wie Drogenhandel, sei der Gewinn zwar hoch, "aber das Risiko deutlich geringer". Doch sobald seltene Arten hohe Preise erzielten, werde die organisierte Kriminalität auf den Handel aufmerksam. Shepherd fordert deshalb strengere Regeln. In offenen Briefen hat er CITES aufgefordert, sich mit dem Handel von Ameisen zu befassen. Besonders besorgt zeigt er sich über die Folgen für die Ökosysteme.
Ameisen haben keine Lobby
Diese Folgen sorgen in Deutschland bereits für Schlagzeilen. Regelmäßig verursachen ganze Kolonien der Großen Drüsenameisen aus Nordafrika in Süddeutschland für Strom- und Internetausfälle, weil sie sich in Verteilerkästen einnisten. Um diesem Problem entgegen zu treten, trafen sich im Sommer 2025 Kommunalvertreter aus Österreich, der Schweiz und Süddeutschland zu einer Ameisenkonferenz, um sich auszutauschen. Aufgrund des Klimawandels, der für höhere Temperaturen und weniger Frost sorgt, fühlt sich diese Ameisenart nun zunehmend auch in Mitteleuropa wohl.
Shepherd betont zwar, die meisten Ameisen würden über Pflanzenimporte nach Europa gelangen - und nicht über den Onlinehandel. Trotzdem berge auch dieser ein Risiko. Niemand könne garantieren, dass Kolonien nicht irgendwann ausgesetzt würden. Hobby-Ameisenhalter wie Meier kennen diese Diskussionen, sie führen sie oft auf ihren Online-Foren. Meier rät dazu, bei nachlassendem Interesse Kolonien weiterzugeben oder fachgerecht abzutöten, statt sie freizulassen. Für Shepherd ist das keine ausreichende Antwort. Solange der internationale Handel mit Ameisen weitgehend unreguliert bleibe, berge er ein Risiko.