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PolitikIrak

Irak: Optimistische Stimmung vor den Wahlen

Cathrin Schaer
10. November 2025

Der Irak erlebt seine längste Phase der Stabilität seit Jahrzehnten. Ob sich dies auf die Parlamentswahl am 11. November auswirkt, muss sich zeigen.

Wahlplakate an einer Hauswand in Mossul in Mossul
Der Irak vor der Wahl: Plakate in MossulBild: Ismael Adnan Yaqoob/Anadolu/picture alliance

"Dem Irak geht es so gut wie nie zuvor", sagt Khudair al-Ali. Der junge Mann arbeitet bei einer Ölgesellschaft und am Wochenende zusätzlich für Careem, das Uber im Nahen Osten. "Allerdings haben wir immer noch Probleme", fährt er fort und deutet auf die Schlaglöcher, denen er auszuweichen versucht. "Die Straßen müssen repariert werden. Und es gibt viel zu viele Autos in Bagdad."

"Wir brauchen mehr Radwege", sagt al-Ali. Mit dem Fahrrad sei er nur 15 Minuten bis zur Arbeit unterwegs, mit dem Auto aber über eine Stunde. Früher war der Mangel an Radwegen noch das geringste Problem des Irak. Über viele Jahre stand das Land wegen Krieg und Gewalt in den Schlagzeilen. Doch das hat sich deutlich geändert: Der Irak erlebt derzeit die längste Phase der Stabilität seit der US-Invasion im Jahr 2003.

Verkehrsstau am al-Rusafi-Platz in BagdadBild: Ismael Adnan/SOPA Images/Sipa USA/picture alliance

Das Vertrauen der Iraker in ihre politischen und staatlichen Institutionen hat in jüngsten Umfragen des Gallup-Instituts einen Rekordwert erreicht: 55 Prozent der Befragten erklären, sie vertrauten der Regierung. Auch das Vertrauen in Institutionen wie Polizei, Militär und Justizsystem ist demnach so hoch wie nie zuvor.

Ein neuer Irak

"Der heutige Irak ist nicht mehr derselbe wie vor 20 oder gar vor fünf Jahren", sagte Mohamed al-Hassan, Leiter der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen im Irak, kürzlich vor dem UN-Sicherheitsrat. Hindernisse bestünden zwar weiterhin, "aber der Irak ist heute sicherer, stabiler und offener." Ähnlich zuversichtlich äußerte sich der frühere britische Botschafter im Irak. "Die Trends in Bezug auf Sicherheit und Wohlstand sind insgesamt positiv", schrieb Jon Wilks Anfang September für den Thinktank Atlantic Council. Allerdings bremse eine weit verbreitete Korruption den Fortschritt.

"Die Korruption ist immer noch so schlimm wie eh und je", bestätigt der Beamte Mustafa Hussein beim Mittagessen in einem gehobenen Restaurant in Bagdad. "Aber es wird tatsächlich etwas getan. Neulich musste ich mein Auto für ein neues Kennzeichen anmelden und konnte das online erledigen. Später kamen zwei Männer zu mir nach Hause, um das Kennzeichen anzubringen. Sie kamen tatsächlich zu mir nach Hause, unglaublich!" Ibrahim Ayash, der seine Pause mit Hussein teilt, hat vergleichbar gute Erfahrungen gemacht, als er einen Pass benötigte. "Es läuft jetzt einfach besser", sagt der Journalist.

Nach Jahren von Krieg und Gewalt kehrt der Irak zurück zu politischer Stabilität Bild: Ali Abdul Wahid/Middle East Images/AFP/Getty Images

Schon deshalb wollen die beiden Männer an den bevorstehenden Wahlen im Irak am 11. November teilnehmen, bei denen die Iraker ein neues Parlament mit 329 Sitzen bestimmen werden. Er habe seit 2005 nicht mehr gewählt, "weil sich ohnehin nie etwas geändert hat", klagt Hussein. "Aber diesmal werde ich es tun, wegen dieses Mannes", sagt er der DW. Gemeint ist der irakische Premierminister Mohammed al-Sudani, der seit 2022 im Amt ist.

Viele Iraker sehen in al-Sudani einen cleveren Technokraten, dem es gelungen ist, die widerstreitenden Interessen in der irakischen Politik auszugleichen. Ihm schreiben sie auch die Verbesserungen bei den staatlichen Dienstleistungen und die zahlreichen Infrastrukturinvestitionen zu.

Auswirkungen auf Wahlen

Im Jahr 2005 war die Wahlbeteiligung mit 80 Prozent noch sehr hoch, ging seitdem aber stetig zurück. Erklärt wurde dies immer wieder mit einer im Land weit verbreiteten Enttäuschung. Bei den letzten Wahlen im Jahr 2021 war die Beteiligung so niedrig, dass die Ergebnisse kaum mehr von Bedeutung waren.

"Viele Iraker sehen jetzt die Entwicklung in Bagdad, die Bauprojekte und die Infrastruktur. Das vergleichen sie dann mit den Entwicklungen anderswo in der Region, mit den Konflikten in Syrien, Libanon, Jemen, Iran und Palästina. Und sie ziehen daraus den Schluss, dass der Irak ausnahmsweise einmal relativ stabil erscheint", sagt Renad Mansour, Direktor der Irak-Initiative des britischen Thinktanks Chatham House. Es herrsche ein Gefühl der Erleichterung, so Mansour. "Doch nach zwei Jahrzehnten des Wählens wissen sie auch, dass ihre Stimme nicht darüber entscheidet, wer die nächste Regierung bilden wird."

Denn seit dem Ende der Diktatur sind die wichtigsten Positionen in der irakischen Regierung so strukturiert, dass sich jede größere Bevölkerungsgruppe vertreten sieht. So ist der irakische Premierminister immer Schiit, der Parlamentspräsident Sunnit und der Präsident Kurde. Ursprünglich sollten so Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen vermieden werden. Mittlerweile herrscht bei vielen Irakern jedoch der Eindruck vor, dass stets dieselben Machteliten das Sagen haben.

Wahlwerbung für Premierminister Mohammed Schia al-SudaniBild: Ahmad al-Rubaye/AFP/Getty Images

Die Regierungsbildung im Irak nahm deshalb Monate in Anspruch - auch weil die politischen Führer in Verhandlungen und nicht direkt von den Wählern bestimmt werden. Selbst wenn al-Sudani also als Sieger aus den Wahlen hervorginge, würde er nicht zwingend als Premierminister wiedergewählt.

"Zutiefst desillusionierte" Wähler

Aus diesem Grund sind längst nicht alle Wähler zufrieden. "Nur weil wir eine gewisse Stabilität erreicht haben, werden die Menschen nicht unbedingt wählen gehen", erläutert Sajad Jiyad, ein in Bagdad ansässiger Politikwissenschaftler und Mitarbeiter der Denkfabrik Century International. 

"Schauen Sie sich die Umfragen an", sagt Jiyad im DW-Interview. "Der derzeitige Premierminister genießt hohe Zustimmungswerte, wahrscheinlich die höchsten aller Premierminister vor einer Wahl. Aber werden die Menschen am Wahltag tatsächlich für ihn stimmen? Werden sie überhaupt zur Wahl gehen?" Die meisten Iraker, mit denen er spreche, wollten gar nicht wählen, berichtet Jiyad.

"Jüngste Umfragen zeigen eine zutiefst desillusionierte Bevölkerung, die dem Wahlgang als Mittel der Rechenschaftspflicht skeptisch gegenübersteht", schrieb Anfang Oktober Munqith Dagher, Leiter des Meinungsforschungsinstituts Al Mustakilla Group for Research im Irak. "Wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, könnte die Wahlbeteiligung 2025 die niedrigste in der Geschichte des Irak nach 2003 sein." 

Für die relative Stabilität des Irak könnte das zu einem ernsten Problem werden, argumentiert er: "Die Wahlbeteiligung ist nicht nur eine Statistik - sie ist die Grundlage der Wahllegitimität. Das politische System des Irak beruht seit 2003 auf der Annahme, dass Konflikte durch die Beteiligung der Bevölkerung kanalisiert werden können. Jeder Rückgang der Wahlbeteiligung untergräbt dieses fragile Fundament."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.