Iran: Ali Laridschani - der Strippenzieher im Machtvakuum
4. März 2026
Wer wird der Nachfolger des Ayatollah Ali Chamenei? Der Religionsführer, der im Iran 37 Jahre lange das letzte Wort hatte, starb bei den Luftangriffen durch die USA und Israel am Wochenende im Alter von 86 Jahren. Der sogenannte Wächterrat wird nach amtlichen Informationen schnell einen Nachfolger wählen, der künftig Islamische Republik lenken soll.
Das derzeitige Gesicht des Regimes während des Machtvakuums heißt Ali Laridschani. Er war zuletzt der Vertrauensmann des toten Religionsführer. Aktuell ist er Chef des Nationalen Sicherheitsrats. Als solcher macht Laridschani Stimmung im Lande und verurteilt im nationalen Fernsehen und in den sozialen Medien die USA und den Erzfeind Israel, die "das Herz der iranischen Nation in Flammen gesetzt" hätten.
Solch feurige Kommentare sind nicht untypisch für den 67-Jährigen. Er gilt aber er gleichzeitig auch international als ein pragmatischer Berufspolitiker. Während seiner jahrzehntelangen Karriere hat er sich sowohl als skrupelloser Machtpolitiker innerhalb des Regimes als auch als kompetenter Verhandlungsführer im Umgang mit Russland, China und sogar den USA etabliert. Im laufenden Iran-Krieg lautet seine Botschaft aber, dass sein Land nicht mit den USA verhandeln will.
"Die Kennedys des Iran"
Laridschanis neuer Glanz kommt etwas überraschend, da er keine gute Chance hat, offiziell die Nachfolge von Ali Chamenei anzutreten. Chamenei selbst und sein Vorgänger Ruhollah Chomeini waren Geistliche des schiitischen Islam. Der im Irak geborene Laridschani ist das nicht. Allerdings hat seine Familie tiefe religiöse und politische Verbindungen innerhalb des Regimes. Das US-"Time Magazine" bezeichnete sie als die "Kennedys des Iran".
Sein Vater war ein Großajatollah. Sein Bruder Sadeq Ardeshir hat ebenfalls den Rang eines Ajatollahs und war von 2009 bis 2019 Leiter der iranischen Justiz. Ein weiterer Bruder, Mohammad-Javad, ist eine hochrangige Persönlichkeit der Außenpolitik und Berater des verstorbenen Ayatollah Chamenei. Auch sein Schwiegervater, der inzwischen verstorbene Morteza Motahhari, war ein enger Freund des ersten Religionsführers nach der Revolution von 1979, Ruhollah Chomeini. Schon vor dem Tod von Ali Chamenei gab es Gerüchte, dass der Laridschani-Clan versuchen würde, eines seiner Familienmitglieder als nächsten Obersten Führer zu installieren.
Laridschani selbst sicherte sich die Macht jedoch offiziell im politischen System. 1981 trat er den Revolutionsgarden bei, wo er in den ersten Jahren des Iran-Irak-Krieges als Kommandeur diente. Er besuchte ein religiöses Seminar, erwarb anschließend einen Abschluss in Informatik und Mathematik. Später studierte er an der Universität Teheran westliche Philosophie und wurde dort promoviert. Das Thema seiner Doktorarbeit von 1995: der deutsche Philosoph Immanuel Kant.
Von Ahmadinedschad verdrängt
Schon während seines Philosophiestudiums nutzte Laridschani seinen Hintergrund als Veteran und seine familiären Verbindungen, um eine politische Karriere aufzubauen. Mit Mitte 30 wurde er Kulturminister. 1994 ernannte ihn Ayatollah Chamenei zum neuen Leiter des staatlich finanzierten iranischen Rundfunks. Während dieser Zeit setzte Laridschani den Sender als Instrument für regierungsfreundliche Propaganda ein, der unabhängige kritische Intellektuelle als "vom Westen finanzierte Verräter" verurteilte.
2005 kandidierte er für das Präsidentenamt, schied aber schon in der ersten Runde mit weniger als sechs Prozent der Stimmen aus. Der Hardliner Mahmoud Ahmadinedschad, der am vergangenen Wochenende bei Luftangriffen der USA und Israels ums Leben kam, hatte später die Wahlen gewonnen. Laridschani wurde unter Ahmadinedschad Generalsekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates (SNSC) des Iran und Chefunterhändler bei den Atomgesprächen. 2007 trat er aufgrund offensichtlicher Differenzen mit Ahmadinedschad von diesem Amt zurück.
Ausschluss von Präsidentschaftswahlen, zweimal!
Die dauernden Auseinandersetzungen mit den extremen Hardlinern verhinderten Laridschanis Aufstieg in die Machtzentrale. Von 2008 bis 2020 war er Parlamentspräsident, der allerdings wenig zu sagen hat. Er nutzte sein Verhandlungsgeschick und billigte 2015 das Atomabkommen JCPOA mit sechs internationalen Partnern, darunter den USA, China, Russland, Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Dieses Abkommen war 2018 während der ersten Amtszeit von Donald Trump als US-Präsident aufgekündigt worden.
Als sich Laridschanis 2021 noch einmal als Präsidentschaftskandidat aufstellen wollte, überraschte ihn die Entscheidung des Wächterrats, dass er nicht zugelassen wurde. Das Gremium, dem sechs vom Ayatollah Chamenei ernannte Geistliche und sechs vom Parlament bestätigte Juristen angehören, begründet seine Entscheidungen grundsätzlich nicht. Einige spekulierten, Laridschani sei ausgeschlossen worden, weil seine Tochter angeblich in den USA lebt und einen britischen Pass besitze. Andere glauben, dass für den Wunschkandidaten des Regimes, Ebrahim Raisi, Nachteile bei den Wahlen befürchtet worden waren.
Laridschanis Bruder, Ayatollah Sadiq, beklagte öffentlich, dass sein Bruder "aufgrund falscher Geheimdienstinformationen" disqualifiziert und "Unwahrheiten" absichtlich unter den Mitgliedern des Wächterrats verbreitet worden seien.
Der Wunschkandidat Ebrahim Raisi wurde später Präsident. Er kam 2024 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Laridschani versuchte nach Raisis Tod zum dritten Mal, Präsident zu werden. Der Wächterrat schloss ihn noch einmal aus. Der gemäßigte Masoud Peseschkian gewann die Wahlen.
Zurück als Chef des Sicherheitsrats
Im vergangenen Sommer ernannte Präsident Peseschkian Laridschani erneut zum Chef des Nationalen Sicherheitsrates und machte ihn damit nach dem 12-tägigen Krieg mit Israel zum obersten Sicherheitsbeamten. In den folgenden Monaten stieg seine Beliebtheit rasant auf - durch seine Autorität und seine Nähe zu Chamenei. Der Präsident Peseschkian wurde damit in den Schatten gestellt.
Laridschani gilt als der Mann hinter den Kulissen, der die Atomgespräche zwischen den USA und dem Iran vorantrieb. Er reiste auch wiederholt nach Moskau und traf dort als Chameneis Gesandter den russischen Präsident Wladimir Putin. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs sagte er im TV-Sender Al Jazeera, der Iran habe die letzten Monate genutzt, um sich auf einen Krieg mit den USA "vorzubereiten". "Wir haben unsere Schwächen gefunden und sie behoben. Wir suchen keinen Krieg und wir werden keinen Krieg beginnen. Aber wenn sie uns dazu zwingen, werden wir reagieren."
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan