Iran: Cafés im Visier der Sicherheitsapparate
10. September 2026
In den letzten Monaten sind die iranischen Behörden in der Hauptstadt Teheran rigoros gegen die Cafés vorgegangen, die sie für Treffpunkte von regimekritischen Aktivisten halten. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation HRANA wurden im Juli mindestens sieben Kaffeehäuser geschlossen, weil dort Besucherinnen die Hidschab-Regel nicht eingehalten haben sollen. Im Iran ist für Frauen das Tragen vom Kopftuch in der Öffentlichkeit eine Pflicht.
Zuvor hatten einige Medien wie die Zeitung "Javan", die der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) nahe steht, Stimmung gegen die Cafés gemacht und sie als "Treffpunkte der Wutbürger" bezeichnet. Diese seien eine Gefahr für die "nationale Sicherheit". Die Behörden vermuten, dass Cafés eine Rolle bei der Organisation von Massenprotesten spielen könnten.
Cafés sind hip
Die Cafés sind sehr beliebt unter der relativ jungen Bevölkerung mit einem durchschnittlichen Alter von 34,5 Jahren. Immer wieder kam es im Iran zu Massenprotesten. Zuletzt fanden sie zum Jahreswechsel 2025/2026 statt, weil die Preise aufgrund schlechter Konjunktur explosiv gestiegen sind.
Zuletzt wurden zum Beispiel die Cafés im "Vanak Park" in Teheran geschlossen. Mindestens 200 Menschen verloren ihre Arbeitsplätze. An diesen Tagen musste auch die beliebte Café-Kette Saediniya ihre zehn Filialen im Iran nach einem Gerichtsbeschluss schließen. Sie steht in der Kritik der "staatsfeindlichen Propaganda". Ihren Eigentümer, den Unternehmer Sadegh Saedinia, hat der Oberste Gerichtshof zu zwölf Jahren und sechs Monaten Haft sowie zur Einziehung seines Vermögens verurteilt. Er soll die regierungsfeindlichen Proteste unterstützt haben.
Auch andere Cafés wie "Lamiz" und "Voria" mussten ihren Betrieb einstellen. Beide wurden wegen des Vorwurfs der indirekten Unterstützung von Protestaufrufen auf gerichtliche Anordnung hin versiegelt.
Veränderter Lebensstil
In Teheran hat die Zahl der Cafés in den letzten zehn Jahren stark zugenommen - von etwa 300 Anfang der 2010er Jahre auf mittlerweile bis zu 4000, wie verschiedene Schätzungen zeigen. Einige Experten führen diesen Anstieg auf Veränderungen im städtischen Lebensstil zurück. Sie sehen darin mehr als rein eine geschäftliche Ausweitung und deuten dies als Zeichen umfassender sozialer und kultureller Veränderungen innerhalb der Gesellschaft.
"Das explosive Wachstum der Cafés kann bis zu einem gewissen Grad als gesellschaftliche Reaktion auf das Leben in der chronischen Krise verstanden werden", sagt Saba Alaleh, Psychologin und Psychoanalytikerin mit Schwerpunkt auf politischen und sozialen Themen, im DW-Interview. "Unter solchen Umständen suchen Menschen nicht nur nach Konsum oder Unterhaltung, sondern nach einem Ort, an dem sie vorübergehend Abstand vom Alltagsdruck gewinnen können."
Ein Café wäre dann ein sozialer Raum neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz. "Es ist ein Ort dazwischen, an dem Menschen kurzfristig ihren alltäglichen Rollen und dem Stress entfliehen, Kontakt zu anderen herstellen und das Gefühl bewahren können, dass das Leben noch einigermaßen überschaubar und geordnet ist."
Das Café ist besonders bei der Generation Z beliebt, die im Iran stark unter galoppierender Inflation und hohen Lebenshaltungskosten leidet. "Die jungen Menschen, die sich in diesen Cafés treffen, stammen nicht unbedingt aus wohlhabenden Verhältnissen", sagt Nasser, Ex-Cafébesitzer in Teheran, gegenüber der DW. "In vielen Teilen Teherans versammeln sich auch junge Menschen aus der Mittelschicht in Cafés, und viele unserer Gäste gehören zu dieser Gruppe."
Regime fürchtet Kontrollverlust
Bereits vor der jüngsten Protestwelle Ende 2025 war die Schließung von Cafés für die iranische Regierung gängige Praxis. Die meisten Razzien und Schließungen wurden jedoch unter dem Vorwand der Durchsetzung der Hidschab-Pflicht durchgeführt. "Unser Café wurde unter dem Vorwand geschlossen, wir hätten Kundinnen ohne Kopftuch bedient, doch das ist nur eine Ausrede", sagt Nasser.
"Draußen, auf den Straßen Teherans, haben Frauen und Mädchen die Kopftuch-Pflicht faktisch abgeschafft. Doch die Regierung erwartet von uns, dass wir sie nicht ins Café lassen", ergänzt er.
Alaleh erklärt, es gehe nicht mehr nur um die Kontrolle von Frauen, die keinen Hidschab tragen. "Autoritäre Regierungen versuchen im Allgemeinen, den Informationsfluss, soziale Interaktionen und die Organisation der Zivilgesellschaft zu kontrollieren", betont sie. "Jeder Raum außerhalb der direkten Aufsicht der Machthaber, in dem Vertrauen, Dialog und soziale Bindungen entstehen können, schwächt das Monopol der Regierung."
Das harte Vorgehen gegen Cafés und ihre Gäste sei Teil der Bemühungen der Regierung, ihr Monopol über soziale Räume zu bewahren, so Alaleh. "Bereits eine Gruppe junger Menschen, die ungezwungen und zufällig zusammenkommt, ist für den Sicherheitsapparat die Bildung eines unabhängigen sozialen Netzwerks außerhalb formaler Machtstrukturen. Je breiter und tiefer diese unabhängigen Netzwerke verwurzelt sind, desto schwieriger wird es für die Regierung, ihre ausschließliche Kontrolle über den öffentlichen Raum aufrechtzuerhalten."
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan