Iran: Die Stunde der Schattenhändler
3. September 2026
Mit ihren bislang härtesten Sanktionen versuchen die USA unter Präsident Donald Trump, die iranische Führung zum Einlenken zu zwingen. Die als "Economic D-Day" bezeichneten Sanktionsmaßnahmen sollen erreichen, was der militärische Druck seit Februar nicht geschafft hat.
Neben zentralen Einnahme- und Handelsquellen Irans, darunter Öl, Banken, Gold, Schifffahrt, Luftfahrt und bestimmte Technologiebereiche, nehmen die US-Behörden zunehmend auch Kryptowährungen ins Visier. Digitale Währungen wie Bitcoin funktionieren außerhalb des traditionellen Bankensystems und der dollarbasierten Finanzordnung. Der Iran nutzt sie offenbar für Geldtransfers, Handelsgeschäfte und zunehmend auch für ölbezogene Transaktionen.
Der Iran scheint Kryptowährungen zudem als Möglichkeit zu prüfen, Öllieferungen durch die Straße von Hormus abzusichern. Nach Angaben der Fars News Agency, die den iranischen Revolutionsgarden nahesteht, stammt der entsprechende Vorschlag von Babak Sandschani. Der 53-jährige Milliardär wurde im vergangenen Jahr aus dem Gefängnis entlassen und gehört weiterhin zu den prominentesten Figuren eines Netzwerks, das über Jahrzehnte gewachsen ist und Iran dabei geholfen hat, internationale Sanktionen zu umgehen.
Ein Netzwerk aus Macht, Geld und Schutz
Personen innerhalb dieser Netzwerke genießen Unterstützung und Schutz durch einflussreiche Akteure innerhalb der Islamischen Republik. Im Gegenzug sollen sie einen Teil ihrer Gewinne an mächtige Unterstützer innerhalb des Systems weitergeben.
"In diesem Personenkreis gehört Babak Sandschani zu einer wirtschaftlichen Elite mit innovativen Ideen. In der Vergangenheit hat er seine Fähigkeiten wiederholt unter Beweis gestellt", sagt Behzad Ahmadinia, ein im Iran geborener und auf den Öl- und Energiesektor spezialisierter Journalist mit Sitz in Zypern.
"Es scheint, dass das Regime beschlossen hat, interne Rivalitäten zu überwinden und sich auf Fachleute und Experten zu stützen, die effizienter arbeiten können als andere und wichtige Positionen übernehmen."
Korruption und mangelnde Transparenz gelten als strukturelle Probleme des politischen und wirtschaftlichen Systems Irans. Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International 2025 belegte der Iran den 153. Platz unter 182 Ländern. Dies weist auf ein sehr hohes Niveau im öffentlichen Sektor hin.
Berichten zufolge kontrollierte Sandschani einst ein Firmenimperium von rund 60 Unternehmen, darunter Gesellschaften in Malaysia, Tadschikistan, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Viele dieser Unternehmen wurden später von den USA mit Sanktionen belegt. Über dieses Netzwerk soll Zanjani während der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedschad Milliarden Barrel iranisches Öl auf dem Schwarzmarkt verkauft und gleichzeitig zahlreiche Waren, darunter auch Flugzeuge, in den Iran importiert haben.
Vom Todesurteil zurück ins Geschäft
2016 geriet Sandschani jedoch in die innenpolitischen Machtkämpfe Irans. Die Behörden warfen ihm vor, rund 2,6 Milliarden US-Dollar an Öleinnahmen nicht an den iranischen Staat zurückgezahlt zu haben. Nach einem viel beachteten Prozess in einem der größten Korruptionsfälle des Landes wurde er zum Tode verurteilt. Jahrelang bestritt er die Vorwürfe im Zusammenhang mit den fehlenden Geldern und verhandelte mit den iranischen Behörden.
Ein wichtiger Akteur in diesem Netzwerk war der türkisch-iranische Geschäftsmann Reza Zarrab. Er wurde 2016 während eines Urlaubs in den USA festgenommen. Ihm wurden Geldwäsche und Verstöße gegen die US-Sanktionen gegen Iran vorgeworfen. Zarrab hatte in der Türkei ein umfangreiches Geschäftsnetzwerk aufgebaut und verfügte über detaillierte Kenntnisse der finanziellen und wirtschaftlichen Mechanismen, mit denen der Iran Sanktionen umging.
Fälle wie seiner verschafften den US-Behörden wichtige Einblicke in die Funktionsweise iranischer Sanktionsumgehungsnetzwerke und ermöglichten es Washington, diese gezielter ins Visier zu nehmen. Zarrab kooperierte später mit den US-Ermittlern und wurde aus der Haft entlassen. Berichten zufolge lebt er heute unter einer neuen Identität in den USA.
"Menschen wie Zarrab oder Sandschani werden innerhalb des Systems gefördert und verfügen über Verbindungen zu verschiedenen Machtzentren", sagt der in Frankreich lebende Ökonom Jamshid Assadi gegenüber der DW.
Berichten zufolge begann Sandschanis Aufstieg vor rund 30 Jahren während seines Militärdienstes. Damals soll er als Fahrer des Gouverneurs der iranischen Zentralbank gearbeitet haben. Diese Position habe ihm Zugang zu einflussreichen Kreisen und wichtigen Geschäftskontakten verschafft. Wie viele Milliarden Dollar tatsächlich über sein Netzwerk und seine Unternehmen flossen und wie viel davon er persönlich verdiente, ist bis heute unklar.
Im Februar 2024 berichteten iranische Medien, dass Vermögenswerte im Zusammenhang mit Sandschani aus dem Ausland in den Iran zurückgeführt worden seien. Sein Vermögen, hieß es, habe inzwischen den Wert seiner offenen Verbindlichkeiten überstiegen. 2025 wurde er aus dem Gefängnis entlassen und kehrte kurz darauf in die Geschäftswelt zurück. Über eines seiner Unternehmen unterzeichnete er einen Vertrag im Wert von mehreren Milliarden Dollar mit dem staatlichen iranischen Eisenbahnunternehmen.
Gleichzeitig versucht Zanjani, sein Image neu zu definieren. In einem offenen Brief an Elon Musk bot er sein Unternehmen als Brücke für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Iran und den USA an. Heute präsentiert er sich als Unternehmer, Vermittler und Befürworter eines Dialogs.
Nachdem die USA Sandschani im Januar 2026 erneut auf ihre Sanktionsliste gesetzt hatten, weiteten sie ihre Maßnahmen im Juli auf ein größeres Netzwerk von Unternehmen und Geschäftspartnern aus, die mit ihm in Verbindung stehen. Nur einen Tag vor Bekanntgabe der neuen Sanktionen eröffnete Sandschani im Westen Teherans ein Café und eine Konditorei und nahm an deren Eröffnungsfeier teil. Die Behörden schlossen das Geschäft bereits am folgenden Tag.
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die jüngsten US-Sanktionen tatsächlich die Netzwerke erreichen können, die Irans Schattenwirtschaft tragen. Nach Einschätzung von Jamshid Assadi sind viele der traditionellen Wege zur Umgehung von Sanktionen inzwischen bekannt und für Teheran zunehmend schwieriger zu nutzen. Die USA haben zahlreiche Länder gewarnt, dass Unternehmen, Banken und Akteure aus dem Privatsektor mit Sanktionen rechnen müssen, wenn sie Iran bei der Umgehung der Beschränkungen unterstützen.
Gleichzeitig hat Iran über Jahrzehnte gelernt, sich an wirtschaftlichen Druck anzupassen und neue Wege zu finden. Ob die jüngsten Maßnahmen Washingtons diese Netzwerke tatsächlich erheblich schwächen können, bleibt daher offen. Die Rückkehr Babak Sandschanis zeigt jedoch, dass Teheran offenbar erneut auf jene Geschäftsleute setzt, die dem Land bereits in früheren Phasen wirtschaftlicher Isolation geholfen haben, den Druck zu überstehen.