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PolitikIran

Iran: Ein Mosaikstaat mit inneren Konflikten

30. Januar 2026

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat. Auf wiederkehrende Proteste, Forderungen von Minderheiten und Krisen hat das Regime bislang keine Antworten gefunden.

Iran | Aussichtspunkt in Teheran
Millionen Iraner träumen von einem besseren Leben in ihrem HeimatlandBild: Egmont Strigl/imageBROKER/picture alliance

Das Ausmaß der Gewalt, mit der die Sicherheitskräfte gegen Demonstranten vorgingen, hat die Bevölkerung tief schockiert. Ausgelöst durch eine Wirtschaftskrise kam es Ende Dezember im ganzen Land zu Massenprotesten. Die Behörden reagierten mit zeitweisen Internetsperren und setzten auf Gewalt, um die Proteste zu unterdrücken.

Offiziellen Angaben zufolge wurden 3.117 Menschen getötet, darunter angeblich viele Sicherheitskräfte. Menschenrechtsorganisationen berichten von deutlich höheren Zahlen. Laut der in den USA ansässigen Menschenrechtsorganisation HRANA (Human Rights Activists News Agency) sind bisher 6.126 Todesfälle bestätigt, darunter 86 Kinder und 5.777 Demonstranten; weitere 17.091 Fälle werden derzeit überprüft.

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Die Opfer waren Teil von Millionen junger Menschen, die von einem besseren Leben in ihrem Heimatland träumen. Der Iran steckt nicht nur in einer tiefen Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit; Wasserknappheit und Dürre setzen viele Menschen zusätzlich unter Druck und zwingen sie zur Flucht aus ihren Heimatregionen.

Statistiken des Forschungszentrums des iranischen Parlaments zeigen, dass in den letzten 30 Jahren mindestens 30 Millionen Menschen innerhalb des Landes umgezogen sind, mehr als ein Drittel der Bevölkerung.

Perser und Schiiten?

Der Iran ist ein multiethnischer Staat mit zahlreichen Völkern, die eine lange gemeinsame Geschichte teilen.

Nach der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert wurde der Islam eingeführt. Dennoch bewahrte die Bevölkerung ihre persische Sprache, die bis heute ein zentraler Träger der iranischen Identität ist.

Im 16. Jahrhundert erklärte Schah Ismail I., Gründer der Safawiden-Dynastie, den Zwölfer-Schiitischen Islam zur Staatsreligion. Damit grenzte sich Iran bewusst vom sunnitisch geprägten Osmanischen Reich ab, gegen das der Iran seine territoriale Integrität verteidigte.

Über Jahrhunderte war Persien eine zentrale Macht der Region. 1935 benannte Schah Reza Pahlavi den Staat offiziell in "Iran" um, um eine moderne nationale Identität zu fördern.

Bis heute bilden Sunniten im schiitisch geprägten Iran eine religiöse Minderheit; etwa 5 bis 10 % der Bevölkerung. Sie leben vor allem in den Grenzregionen: in kurdischen, belutschischen und turkmenischen Gebieten.

Interne Konfliktlinien

Minderheiten, insbesondere in den Grenzregionen, klagen seit Jahrzehnten über systematische Benachteiligung durch den Staat.

Das politische System wird von ideologisch treuen Anhängern der Islamischen Republik getragen, deren ethnische Zugehörigkeit dabei keine Rolle spielt.

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So ist der religiöse Führer des Landes, Ayatollah Ali Chamenei, Aserbaidschaner; der aktuelle Präsident Masoud Peseschkian ist halb Kurde, halb Aserbaidschaner; und Ali Shamkhani, ein Berater des Obersten Führers, stammt aus einer Familie mit arabischer Herkunft.

In den staatlichen Medien werden erneut Berichte über die Aktivitäten von Separatisten verbreitet, die angeblich das Land ins Chaos stürzen und einen Bürgerkrieg herbeiführen wollen.

Die wiederkehrenden Proteste zeigen, dass eine immer größere Mehrheit der Gesellschaft das bestehende System ablehnt. Gleichzeitig gibt es bislang aber keine klar definierte politische Alternative, die unter allen unzufriedenen Teilen der Gesellschaft breite Unterstützung finden könnte.

Kurdische Gebiete

Die Kurden bilden mit geschätzten 9 bis 12 Millionen Menschen eine große, überwiegend sunnitische Minderheit. Sie gehören zur kurdischen Bevölkerung, die über vier Länder verteilt ist: Iran, Irak, Türkei und Syrien. Seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches träumen viele Kurden von einem unabhängigen Kurdistan; eine gemeinsame politische Agenda gibt es bislang jedoch nicht.

Die kurzlebige kurdische Republik Mahabad im Iran, die 1946 mit sowjetischer Unterstützung gegründet wurde und nur elf Monate lang existierte, inspiriert bis heute das Streben nach Unabhängigkeit. Alle Aufstände der Kurden im Iran wurden bislang niedergeschlagen; so zum Beispiel ein Aufstand der linksgerichteten Demokratischen Partei Kurdistan-Iran von 1967, der von Schah Mohammad Reza Pahlavi gewaltsam beendet wurde.

Während der Revolution 1979 beteiligten sich viele Kurden an den Demonstrationen gegen den Schah. Nach dessen Sturz verweigerten die neuen Machthaber aber jegliche Autonomie. Ein unmittelbar folgender Aufstand im Frühling 1979 wurde brutal niedergeschlagen.

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Die Protestwellen gegen das Regime breiten sich in kurdischen Gebieten besonders schnell aus, so wie die landesweiten Proteste nach dem Tod der 22-jährigen Kurdin Mahsa Jina Amini im Polizeigewahrsam, die in Teheran wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Kopftuchpflicht festgenommen wurde.

Bei Unruhen in kurdischen Gebieten arbeitet Teheran eng mit Nachbarländern, vor allem der Türkei, zusammen, offiziell unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit.

Aserbaidschaner

Zwei iranische Provinzen an der Nordwestgrenze tragen die Namen West- und Ost-Aserbaidschan. Das heutige Land Aserbaidschan wurde 1828 nach einem russisch-persischen Krieg vom Iran abgetrennt und hat rund 10,2 Millionen Einwohner.

Im Iran wird die Zahl der Bürger mit aserbaidschanischen Wurzeln auf etwa 18 Millionen geschätzt. In Teheran besteht Sorge vor separatistischen Gruppen, die ein eigenständiges „Süd-Aserbaidschan" anstreben. Gleichzeitig existieren in Baku nationalistische Strömungen, die von einem "Großaserbaidschan" sprechen, das auch die iranischen Provinzen einschließen würde.

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Der Ausbau der Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Israel in den vergangenen Jahren ist für Teheran ein Dorn im Auge. Seit der Revolution 1979 drohen die Machthaber dem Staat Israel mit Vernichtung und versuchen, sich als Schutzmacht unterdrückter Muslime in der islamischen Welt zu profilieren.

Belutschistan

Rund drei Millionen der etwa 92 Millionen Einwohner Irans leben in der Provinz Sistan und Belutschistan im Südosten des Landes. Die Mehrheit der Bevölkerung sind sunnitische Belutschen, eine ethnische Gruppe, die auch in Pakistan und Afghanistan lebt.

Der Zusammenhalt sunnitischer Stämme entlang der Grenze wird von der schiitisch geprägten Zentralregierung in Teheran mit Misstrauen betrachtet. Die Grenzregion gilt als schwer kontrollierbar und zählt gleichzeitig zu den ärmsten Regionen Irans. Viele Menschen sichern ihr Einkommen durch Schmuggel, insbesondere von Treibstoff oder Drogen.

Die Zahl der Hinrichtungen wegen Drogendelikten ist in Belutschistan sehr hoch. Von den 975 dokumentierten Exekutionen im Jahr 2024 entfielen 503, mehr als die Hälfte, auf Verurteilungen im Zusammenhang mit Rauschmitteln.

Menschenrechtsorganisationen fordern, dass sich auch das UN-Drogen- und Verbrechensbüro (UNODC) stärker dafür einsetzt, Drogendelikte nicht länger mit der Todesstrafe zu ahnden.

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Frust und Wut über die Zentralregierung sind in der Region groß. Die landesweiten Proteste unter dem Slogan "Frau, Leben, Freiheit", die nach dem Tod von Mahsa Jina Amini im Herbst 2022 begannen, erreichten auch Belutschistan. Besonders die Provinzhauptstadt Zahedan wurde zu einer Hochburg der Proteste und harter staatlicher Repression. Demonstranten wurden verhaftet, einige später zum Tode verurteilt.

Aufgrund eingeschränkter Kommunikation und wiederholter Internetsperren liegen zu aktuellen Protesten nur wenige verlässliche Informationen vor.

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