Iran: Hat die Revolutionsgarde das letzte Wort?
12. Juni 2026
Steht der Iran vor einem Übergang zur De-facto-Militärdiktatur? Nach der Tötung des Obersten Führers Ajatollah Ali Chameneis im Februar sehen viele Analysten Anzeichen, dass die mächtige Revolutionsgarde (IRGC) an Macht und Kontrolle gewonnen haben könnte.
Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Damon Golriz an der Fachhochschule Den Haag bringt es auf den Punkt: "Unter der klerikalen Hülle hat sich das Machtzentrum in die Kasernen verlagert. Modschtaba Chamenei liefert die ideologische Deckung, während die Revolutionsgarde die tatsächliche Regierungsarbeit übernimmt." Modschtaba Chamenei, Sohn vom Ajatollah Ali Chamenei, ist nach der Tötung seines Vaters beim Luftangriff durch die USA und Israel der Oberste Führer vom Iran.
Bereits jetzt werden Spitzenpositionen in Ministerien, Staatskonzernen und Propagandainstitutionen systematisch mit IRGC-Kommandanten besetzt. Auch Modschtaba Chamenei hatte im Iran-Irak-Krieg im Habib-Bataillon der IRGC gedient. Dieses Netzwerk mit den Hardlinern bildet heute den harten Kern der IRGC-Führung und koordiniert die nachrichtendienstlichen Aktivitäten.
Die Revolutionsgarde ist der Koch, die Regierung der Kellner
"Modschtaba Chamenei übernahm während der Niederschlagung der Proteste 2009 die direkte Führung der freiwilligen Basidsch-Miliz, die für die Revolutionsgarde kämpft, und verlagerte die Sicherheitssitzungen in das 'Haus des Führers'", sagt Damon Golriz.
Das "Haus des Führers" ist ein Hochsicherheitskomplex in der Teheraner Stadtmitte. Dort arbeitet der Oberste Führer mit seinem religiösen Schattenkabinett. Ali Chamenei war im unterirdischen Bunker des Komplexes bei den US- und israelischen Angriffen getötet worden.
"Die offizielle exekutive Macht liegt zwar beim Präsidenten. Er darf allerdings nur noch die Entscheidung des religiösen Führers ausführen und trifft selbst keine Entscheidungen mehr. Die wahre Macht liegt jetzt in den Händen von Modschtaba Chamenei und einem Netzwerk der Militärhardliner", sagt Golriz.
Allerdings gilt im Iran noch das Welajat-e Faghih, die offizielle islamische Doktrin und der Klerus als Repräsentant dieser Doktrin. Welajat-e Faghih bedeutet "Statthalterherrschaft des Rechtsgelehrten". Die Doktrin wurde erstmals vom verstorbenen Führer Ajatollah Ruhollah Chomeini 1970 formuliert.
Ein Ajatollah ist ein schiitischer Geistlicher und Rechtsgelehrter. Der neue Oberste Führer Mojtaba Chamenei wurde im März 2026 gewählt, obwohl er kein Ajatollah war. Sein religiöser Titel lautet "Hodschatoleslam", eine Stufe unter dem Ajatollah. Der 56-Jährige hat nie eine öffentliche Predigt gehalten. Er hat auch nie an einer Wahl teilgenommen oder ein hohes religiöses Amt bekleidet.
Dass er zum geistlichen Oberhaupt gewählt wurde, kam möglicherweise durch den massiven Druck der Revolutionsgarde zustande, vermuten Experten. "Die Ernennung von Modschtaba Chamenei zementiert die Realität, dass das politische Kalkül und das Machtgleichgewicht zum entscheidenden Faktor geworden sind, und nicht mehr die religiöse Legitimität", sagt Damon Golriz. "Er ist ein Führer im Titel, aber eine rein dekorative Figur in der Realität."
Machtergreifung mit Ansage
Nach dem Golfkrieg gegen den Irak (1980-1988) wurde die Revolutionsgarde, die einige Jahre zuvor als ideologische Miliz gegründet worden war, im Wirtschaftsleben immer präsenter. Durch den Wiederaufbau im Lande erhielten Unternehmen Großaufträge, die eng mit der Revolutionsgarde vernetzt waren. So erhielt diese Zugang zu Infrastruktur und Bodenschätzen im Lande, die sie in Reichtum und Kontrolle verwandelten.
Diese einkommensträchtigen Nebengeschäfte dieser militärischen Einheit mit etwa 190.000 aktiven Soldaten wurden später durch eine Verfassungsänderung 2004 legalisiert. Die IRGC durfte große Teile der strategischen Wirtschaftsgüter übernehmen. Schätzungen zufolge kontrolliert sie heute rund 50 Prozent der iranischen Ölförderung. So gelang der strukturierten Armee die Bildung eines autarken Parallelstaats.
Die Revolutionsgarde habe seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs ein neues Profil, sagt Analyst Faraj Sarkouhi. Er nennt es "hybrides Übergangsmodell". Die traditionelle Struktur des Gottesstaates bleibe als theokratische Fassade bestehen, während die Revolutionsgarde im Hintergrund die Fäden ziehe.
Wachsendes Misstrauen
Allerdings sind die Menschen im Iran mit dem System nicht einverstanden. Der jungen Bevölkerung mit einem durchschnittlichen Alter von 34,5 Jahren wurde die Staatsform "Welajat-e Faghih" aus den 1970er-Jahren praktisch vor die Nase gesetzt. Anhaltende Konflikte mit der westlichen Welt und der aktuelle Krieg führen zu Unmut im Lande. Die Wirtschaft stagniert. Ökonomen prognostizieren für 2026 ein Minuswachstum um 8,8 bis 10 Prozent. Die Inflationsrate liegt in Teilen des Landes über 80 Prozent. Schätzungen zufolge leben bereits zwischen 22 und 50 Prozent der Iraner unter der Armutsgrenze.
"Die Mehrheit der Bevölkerung hat sich im privaten Leben längst von der herrschenden Ideologie losgelöst", sagt Analyst Faraj Sarkouhi, "das Regime hat seine politische und ideologische Legitimation vor Jahren verloren."
Laut Golriz würden rund 80 Prozent der Iraner tiefe Abneigung gegen das System empfinden. Die religiöse Führung hat die anderslautenden Meinungen der jungen Generation mit Waffengewalt unterdrückt, zum Beispiel dass die Frauen in der Öffentlichkeit kein Kopftuch mehr tragen müssen. Eine 23-jährige kurdische Frau wurde von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen, weil sie das Kopftuch nicht richtig getragen haben soll. Als sie infolge von Gewaltanwendung im Polizeigewahrsam starb, entfachte eine monatelange Protestwelle landesweit.
Selbst staatliche Institutionen rechnen heute mit neuen Protesten, da die Unzufriedenheit ständig zunimmt. Beide Analysten sind sich einig: Das Land sei in seiner neuen militärisch-religiösen Form nicht mehr regierbar. Aber keiner wagt eine Prognose, wie das Land am Persischen Golf und seine 93 Millionen Menschen den Weg zum nachhaltigen Frieden finden können.