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KonflikteIran

Iran im Krieg - was kommt danach?

Veröffentlicht 5. März 2026Zuletzt aktualisiert 5. März 2026

Die Zukunft des Iran ist völlig offen - und hängt nicht zuletzt auch vom weiteren Kriegsverlauf ab. Wir erklären verschiedene Szenarien, wie es danach weitergehen könnte.

Iran Teheran 2026 | Rauch hinter dem Freiheitsturm nach amerikanisch-israelischem Militärschlag
Der Freiheitsturm in Teheran vor Rauchwolken infolge von Luftangriffen - auf wie viel Freiheit kann die Bevölkerung für die Zeit nach dem Krieg hoffen?Bild: Davoud Ghahrdar/ISNA/dpa/picture alliance

Dieser Krieg begann mit überraschenden Bildern: Als am 28. Februar die ersten Bomben auf den Iran fielen, standen in Teheran Menschen auf ihren Hausdächern und jubelten. Das ist nicht unbedingt die Reaktion, die man erwarten sollte, wenn die von der Regierung proklamierten Erzfeinde USA und Israel einen völkerrechtlich mindestens umstrittenen Krieg beginnen.

Doch nehmen viele Iranerinnen und Iraner zivile Opfer und Kriegsschäden in Kauf, wenn dadurch das verhasste theokratische Regime an sein Ende kommt. Auch wenn die USA widersprüchliche Angaben zu Kriegszielen machen, steht ein "Regime Change" im Raum. US-Präsident Donald Trump appellierte direkt an die Menschen, die im Januar noch an den brutal niedergeschlagenen Massendemonstrationen teilgenommen hatten, die Macht zu übernehmen. "Das wird vielleicht die einzige Chance für Generationen."

Nur Stunden später wurde die Tötung des geistlichen Oberhaupts Ali Chamenei bekannt. Allerdings ist Irans Regime auch nach einem derartigen Enthauptungsschlag noch voll funktionsfähig - und somit weiter völlig offen, ob USA und Israel ihr Kriegsziel erreichen. Welche Szenarien für den Iran sind für die Zeit nach dem Krieg denkbar?

Das Venezuela-Szenario

Nach Chameneis Tod könnten die USA sich bereits damit zufrieden geben, wenn ein Nachfolger in ihrem Sinne benannt würde. Trump selbst sagte der "New York Times", er habe "drei sehr gute Optionen" im Kopf, die er zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht nennen wollte. Ein Wechsel an der Spitze, ohne das Gefüge des Systems zu verändern - nach diesem Muster lief bereits die Operation der USA in Venezuela ab. Anfang Januar hatten Spezialeinheiten den dortigen Machthaber Nicolás Maduro entführt und eine politische Einigung mit seiner bisherigen Stellvertreterin Delcy Rodríguez geschlossen. "Was wir in Venezuela gemacht haben, ist das perfekte Szenario", sagte Trump mit Bezug auf Iran.

Interims-Präsidentin von Trumps Gnaden: Venezuelas vorherige Nummer Zwei, Delcy Rodríguez bei ihrer Amtseinführung im JanuarBild: Marcelo Garcia/Miraflores Palace/REUTERS

Der Iran-Experte Cornelius Adebahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sagte dazu im öffentlich-rechtlichen ARD-Fernsehen, Iran könnte die Nachfolgersuche nutzen, um ein neues Führungsregime auf der Stärke der Revolutionsgarden aufzubauen und sich den Amerikanern für neue Beziehungen anbieten. "Das ist dieses Szenario wie in Venezuela. Man tauscht nur die Spitze aus und am Ende ändert sich weitaus weniger, als die Menschen ursprünglich gehofft haben."

Doch ist nicht klar, ob die USA dieses Szenario tatsächlich favorisieren: Im selben Interview mit der "New York Times" wiederholte Trump auch die Möglichkeit, wonach die iranische Bevölkerung sich für einen umfassenderen Systemwandel erheben könnte.

Schlüsselfrage: Was wird aus Irans Staatsführung?

Der Sturz des Regimes ist auch aus Sicht von Peyman Asadzade vom Belfer Center der US-amerikanischen Harvard Kennedy School eine denkbare Folge des Krieges. In einer Online-Kurzanalyse spricht er als zweite Option von "neu kalibrierter Kontinuität": Diese träte ein, wenn der sogenannte Expertenrat einen Pragmatiker zum Nachfolger von Chamenei kürt. "Innenpolitische Prioritäten lägen auf wirtschaftlichem Wiederaufbau, Stabilisierung und politischen Reformen, während die Außenpolitik zu Deeskalation umschwenkt." Diese Variante zahlt wohl auch auf das bereits genannte Venezuela-Szenario ein.

"Ein pragmatischer Kurs für eine Nachkriegs-Führung in Teheran hätte den Zweck, gegenüber den USA zu deeskalieren und damit wirtschaftliche Erleichterungen zum Wohle von Millionen Iranern zu ermöglichen", meint Burcu Ozcelik, Nahostexpertin am britischen Sicherheits-Thinktank RUSI. "Das könnte wiederum einen Pfad für eine stabilere und dringend benötigte Phase der Erholung ebnen", sagt Ozcelik zur DW.

Ajatollah Ali Chamenei auf einem von seinem Büro herausgegebenen Foto - seine Nachfolge könnte als Fingerzeig interpretiert werden, in welche Richtung sich das Regime entwickeln willBild: Office of the Iranian Supreme Leader/AP Photo/picture alliance

Asadzade beschreibt als drittes jedoch auch die Möglichkeit, dass das bestehende System sich um einen konservativeren Hardliner versammeln und die bisherige Ideologie sogar noch verstärken könnte.

Julian Borger, Korrespondent des britischen "Guardian", zeichnet dazu die Befürchtung: "Nach wiederholten Attacken könnten die überlebenden Mitglieder der Führung zu dem Schluss kommen, dass eine Atombombe die einzige Überlebensgarantie ist. Sie könnten die Opposition mit weiter zunehmender Härte unterdrücken, und das Regime wird immer Nordkorea-artiger: isoliert, paranoid und nuklear bewaffnet."

Erfolgreicher Systemwandel: Wie viel Demokratie ist möglich?

Zwei Wochen vor Kriegsbeginn, parallel zur Münchner Sicherheitskonferenz, haben etwa 250.000 Exil-Iraner und andere Demonstranten ein konkretes Zeichen gesetzt, was nach dem Mullah-Regime stehen könnte: Sie bejubelten Reza Pahlavi, den Sohn des im Rahmen der Islamischen Revolution 1979 vertriebenen Schahs. Er beteuerte mehrfach, er strebe keine Rückkehr zur Monarchie, sondern eine Demokratisierung des Iran an.

Reza Pahlavi und seine Frau Yasmine bei der Großkundgebung der iranischen Opposition in MünchenBild: Javad M. parsa/Parspix/abaca/picture alliance

Pahlavi ist nicht unumstritten, erfuhr im Rahmen der regimekritischen Proteste im Januar jedoch viel Aufmerksamkeit - wohl auch, weil das Regime viele andere Oppositionelle inhaftiert oder anderweitig zum Schweigen gebracht hat.

Pahlavi habe ernsthafte Pläne gemacht, wie ein Übergang gestaltet werden könne, schreiben Mark Dubowitz und Ben Cohen von der US-Stiftung zur Verteidigung von Demokratien (FDD). "Aber Planung ist nicht Macht." Denn es gebe keine Sicherheit, wer den Iran nach einem Fall des Regimes regieren würde. "Iran ist außerdem kein Monolith, sondern ein Mosaik - aus Aserbaidschanern, Kurden, Arabern, Beludschen und anderen Volksgruppen", schreiben die FDD-Experten.

Könnte nach dem Krieg die Gewalt im Inneren zunehmen?

Im Vorfeld der Islamischen Revolution von 1979 beschleunigte die Armee den Machtverfall des Schahs, indem sie im Februar verlautbarte, nicht auf dessen Gegner zu schießen. Die neue Führung gründete dann im Mai die Revolutionsgarden, die ihre Macht absichern sollten.

Bis heute existieren Armee ("Artesch") und Revolutionsgarde (IRGC) nebeneinander - wobei die meisten Analysten heute der Revolutionsgarde wesentlich mehr Macht zuschreiben. Sie unterhält neben eigenem Heer, Luftwaffe, Marine und Geheimdienst auch einflussreiche Wirtschaftsunternehmen. Die EU hat die IRGC nach ihrer Beteiligung an der Niederschlagung der Proteste im Januar als Terrororganisation eingestuft. In den ersten Kriegstagen hatte Trump Armee, Revolutionsgarde und Polizei dazu aufgerufen, ihre Waffen niederzulegen. Bisher sind Experten zufolge jedoch keine Auflösungserscheinungen zu erkennen.

Die Islamische Revolutionsgarde verfügt über schlagkräftige militärische Ausrüstung und kontrolliert auch signifikante Teile der iranischen WirtschaftBild: Sephanews/ZUMA Press/picture alliance

Burcu Ozcelik hält es für möglich, dass die Revolutionsgarde zunehmend auf innenpolitischen Widerstand gegen ihr elitäres Patronage-System stoßen könnte. "Dies könnte sich in schärferen institutionellen Bruchlinien äußern. Eine Möglichkeit ist eine zunehmende Spaltung zwischen Revolutionsgarden und konventioneller Armee, bei der die Artesch als 'reformiertes' Gesicht eines erneuerten iranischen Patriotismus und eines funktionsfähigen Staates wahrgenommen wird", meint die RUSI-Expertin.

So ist zumindest theoretisch ein Szenario denkbar, in dem Armee und Revolutionsgarde in unterschiedliche politische Lager geraten könnten. Dann wäre sogar ein Bürgerkrieg, wie er seit fast drei Jahren im Sudan tobt, nicht ausgeschlossen.

Und auch die bereits erwähnte ethnische Vielfalt des Iran könnte gefährlich für die innere Sicherheit werden, wenn verschiedene separatistische Gruppen ein Machtvakuum in ihrem Sinne ausnutzen wollen. Erst eine Woche vor Kriegsbeginn haben sich fünf kurdische Organisationen zu einer Einheitsfront gegen das Regime zusammengeschlossen. Sie lehnen auch Reza Pahlavi als Übergangsfigur ab. Ein Beispiel, das zeigt: In jedem Fall wird die politische Neuordnung im Iran kompliziert.

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